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Flughafensicherheit„Wir hatten bisher vor allem Glück“

Nachdem erneut Klimaaktivisten mehrere Flughäfen lahmlegen konnten, brauchen Deutschlands Airports endlich die gleiche Absicherung wie Industrieanlagen, sagt Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt.Rüdiger Kiani-Kreß 15.08.2024 - 18:22 Uhr

Aktivisten der Letzten Generation haben zwei Flughäfen in Deutschland blockiert.

Foto: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Großbongardt, am Donnerstag konnten erneut Klimaaktivisten mehrere deutsche Flughäfen lahmlegen. Trotzdem erklärte der Flughafenverband ADV, bei dem Vorfall „bestätigte sich das mehrstufige Sicherheitskonzept der Flughäfen gegen Eindringlinge.“ Sehen Sie das genauso?
Heinrich Großbongardt: Die Einschätzung kann ich so wenig nachvollziehen wie die Aussage, die Medien tragen eine Teilschuld, weil sie über die Vorfälle berichten. Die Verantwortlichen sollten in den Vorfällen keine Bestätigung für das heutige Sicherheitssystem sehen, sondern lieber endlich ernsthaft die Frage stellen, ob das heutige Sicherheitssystem ausreicht.

Und was ist die Antwort?
Ganz klar, es reicht nicht aus. Es kann doch nicht darum gehen, potenzielle Gefährder irgendwo auf dem Flughafengelände zu stoppen. Das Ziel muss sein, dass die erst gar nicht dahin gelangen. Denn wenn sie erst mal auf dem Gelände sind, kann es zu spät sein.

Aber trotz aller Probleme und Terrorwarnungen gab es noch nie einen ernsthaften Vorfall.
Ich glaube, wir hatten bisher vor allem Glück, dass es bei den bisherigen Vorfällen keine Opfer gab. Das lag doch wahrscheinlich vor allem daran, dass es nur vergleichsweise harmlose Aktivisten waren und keine Täter, die wirkliche Schäden anrichten wollten. Darauf sind die meisten Flughäfen nicht vorbereitet. Das hat nicht zuletzt der Vorfall im vergangenen November in Hamburg gezeigt. Da hat ein Mann mit seinem Privatwagen die Sicherungsschranken durchbrochen, fuhr aufs Rollfeld nahe an die Flugzeuge und konnte mehrmals in die Luft schießen.

Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt.

Foto: Presse
Zur Person
Heinrich Großbongardt, 68, ist selbstständiger Unternehmensberater und einer der renommiertesten deutschen Luftfahrtexperten. Der studierte Jurist arbeitete unter anderem als Pressesprecher für Lufthansa und Boeing.

Seitdem hat Hamburg aber nachgerüstet, etwa neue Zufahrtssperren eingerichtet und den Außenzaun verstärkt. Auch Frankfurt, München und Stuttgart gelten als sicherer.
Selbst wenn dort auch wirklich jeder Vorfall verhindert würde: so sicher sind nicht alle Flughäfen, wie wir jetzt gesehen haben. Es war ja sehr bemerkenswert, dass Bundesinnenministerin Nancy Faeser nach einem ähnlichen Vorfall mit Klimaaktivisten in Frankfurt eine Rechtsverordnung angekündigt hat, die Flughäfen zu einer verstärkten Sicherung ihrer Außenseiten zwingen soll. Frau Faeser wollte laut Presseberichten dabei eine Selbstverpflichtung der Flughäfen erreichen. Doch das ist angeblich am Widerstand zweier Großflughäfen gescheitert. Dabei ist die Rechtslage klar.

Und zwar?
Das Luftsicherheitsgesetz schreibt Flugplatzbetreibern vor, die Betriebsflächen gegen das Eindringen von Unberechtigten zu sichern. Das heißt für mich nicht, wir spielen Räuber und Gendarm auf dem Vorfeld und fangen Eindringlinge hoffentlich rechtzeitig ab. Es heißt doch: Wir halten sie alle draußen. Doch obwohl die Flughäfen alle zumindest teilweise in staatlicher Hand sind, macht es den Eindruck, als ob sie diese staatlichen Vorschriften derzeit nicht einhalten können oder wollen.

Warum wollen?
Weil es die nötige Technik für eine strenge Absicherung gibt und sie nicht genutzt wird.

Wie sieht Absicherung denn bei Flughäfen im Ausland aus?
Da müssen wir gar nicht ins Ausland schauen. Echte Absicherung sehen wir an jeder großen Industrieanlage, an jedem Chemiewerk. Ich glaube, eine Anlage von Bayer oder BASF bekäme keine Betriebsgenehmigung, wenn sie nur einen Maschendrahtzaun hätte.

Klimaprotest

Letzte Generation beeinträchtigt Flugverkehr massiv

Wie sichern denn Industriefirmen ihre Standorte?
Durch Kameras, automatische Systeme und vor allem einen starken doppelten Zaun. Bei dem ist der erste elektronisch gesichert mit Sensoren, die Alarm schlagen, wenn sich jemand daran zu schaffen macht. Und wenn den doch jemand durchbricht, hält ihn der zweite Zaun so lange auf, bis ihn die Sicherungskräfte stellen können. Und zwar bevor sie auf das Gelände vordringen können.

Und das klappt perfekt?
Es funktioniert zumindest sehr gut. Versuchen Sie mal auf das Gelände der Teststrecke von VW in der Lüneburger Heide vorzudringen. So schnell können sie gar nicht gucken, wie sie der Werksschutz da hoppnimmt.

Aber Flughäfen sind oft deutlich größer als Industrieanlagen. So hat Frankfurt einen Umfang von rund 30 Kilometern. Da brauchen die Ordnungskräfte eine Weile bis etwa zum südlichsten Punkt.
Das sind alles lösbare organisatorische Fragen. Das Airbus-Werk in Hamburg ist kaum kleiner und trotzdem gut gesichert. Und selbst wenn irgendwo die Fahrzeiten zu lang sind, dann bekommt der Flughafen eben einen zweiten Bundespolizeistandort, so wie manche Airports auch zwei Feuerwachen haben. Am Ende gilt: Es gibt die Technik. Also ist es auch hier eine Frage der Investition, also wie viel uns unsere Sicherheit wert ist.

Lesen Sie auch: Die „Letzte Generation“ bricht auf Flughäfen in ganz Deutschland ein. Warum hat sich die Sicherheit nicht verbessert?

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