Freefall-Tower Das Geschäft mit dem Adrenalin

Ewald Schneider hat den Höchsten. Der Schausteller lässt Besucher der Volksfeste aus 85 Meter Höhe frei fallen. Sein Turm der Superlative ist ein neues Kapitel im Kampf um die Gunst der Kunden und gegen die Konkurrenz.

Die größten Volksfeste in Deutschland
Stuttgarter Frühlingsfest Quelle: dpa Picture-Alliance
Schützenfest Hannover Quelle: dpa Picture-Alliance
Nürnberger Volksfest Quelle: dpa Picture-Alliance
Kieler Woche Quelle: dpa-dpaweb
Cannstatter Volksfest Quelle: dpa
Freimarkt Bremen Quelle: dpa Picture-Alliance
Hamburger Dom Quelle: dpa-dpaweb

Das Gespräch neigt sich dem Ende, er hat viel erzählt über die technischen Raffinessen des Turms, den freien Fall mit 90 Stundenkilometern, die fünffache Erdbeschleunigung und die Magnetbremsen, da muss man ihn das einfach fragen: „Fahren wir mal eine Runde, Herr Schneider?“ Doch Ewald Schneider schüttelt den Kopf und sagt: „Auf solche Fahrgeschäfte gehe ich nur noch, wenn ich muss. Ich bin kein Karussell-Junkie. Ich bin Unternehmer.“

Gut, reden wir also übers Geschäftliche. Der 48-Jährige ist Schausteller, wie schon sein Vater. Auf dessen Autoscooter sei er aufgewachsen, sagt Schneider, die Schule hat er im Alter von 15 Jahren beendet. Seitdem gehört der Bielefelder zu einer Zunft, die ihre Attraktionen auf Festplätzen präsentiert und ihren Gästen viel Vergnügen verspricht. Der Deutsche Schaustellerbund zählt rund 9900 Volksfeste in Deutschland, insgesamt fließen pro Jahr mehr als zweieinhalb Milliarden Euro in die Kassenhäuschen.

Warum die Volksfestkultur die Anerkennung als Kulturerbe verdient

Die größten Rummel sind das Oktoberfest in München, die Cranger Kirmes in Herne, die Rheinkirmes in Düsseldorf und der Cannstatter Wasen, jeweils mehr als vier Millionen Besucher strömen dort jedes Jahr hin – und Schneider ist immer mittendrin. Er sagt: „Wenn ich zu Hause bin, verdiene ich kein Geld.“

Das Geschäft ist hart, und jeder Schausteller muss sich etwas einfallen lassen. In den letzten 15 Jahren ging die Zahl der Volksfestbummler von 178 auf 148 Millionen zurück. In den Neunzigerjahren musste Schneider schmerzlich erfahren, was es bedeutet, wenn man die Aufmerksamkeit der Kundschaft verliert. Sein erstes eigenes Karussell kostete ihn damals 2,7 Millionen Mark und war „ein großer Reinfall“. Die Leute fanden es langweilig. Dann baute er eigenhändig einen Looping ein und erkannte, worauf die Leute abfahren: Adrenalin. Seitdem lautet sein Geschäftsmodell höher, schneller, weiter.

Wieso Städte und Kommunen Volksfeste brauchen
In den kommenden Wochen öffnen in Deutschland 1.457 Weihnachtsmärkte ihre Tore für die Besucher. Gut jeder dritte Deutsche (33 Prozent) besucht einen solchen Markt, um sich in Weihnachtsstimmung zu versetzen, Glühwein zu trinken oder Präsente zu kaufen. Das geht aus einer aktuellen Marktstudie des Deutschen Schaustellerbunds (DSB) hervor. Und das kommt auch den Kommunen zu Gute: So gibt jeder Weihnachtsmarktbesucher 7,72 Euro in der örtlichen Wirtschaft aus. Hinzu kommen 2,37 Euro an Abgaben und Gebühren, die direkt den Kommunen zufließen. Quelle: ZB
Außerdem fließen pro Weihnachtsmarktbesuch 12,40 Euro in die Kassen des Schaustellergewerbes. Ein Drittel ihres Umsatzes machen die Betreiber von Fahrgeschäften und die Besitzer von kulinarischen Ständen inzwischen auf den Weihnachtsmärkten. Quelle: dpa
Zwar schlagen die Besucher weiterhin bei Zuckerwatte zu, fahren Autoscooter oder messen sich beim „Hau den Lukas“. Doch die klassische Kirmes reicht den Schaustellern als finanzielles Standbein lange nicht mehr aus. Das liege auch daran, dass in den vergangenen zwölf Jahren fast ein Viertel der klassischen Volksfeste verschwunden sei, sagt der Hauptgeschäftsführer des Schaustellerbundes, Frank Hakelberg. 9900 sind noch übrig, auf denen die Schausteller mit ihren 11.000 Buden und Karussells in immer stärkerer Konkurrenz stehen. Quelle: dpa
Die Volksfeste verzeichneten zuletzt rund 148 Millionen Besucher pro Jahr, die Weihnachtsmärkte 85 Millionen. Die Bruttoumsätze der Branche belaufen sich auf 3,7 Milliarden Euro, davon werden 1,05 Milliarden Euro auf Weihnachtsmärkten und 2,65 Milliarden Euro auf Volksfesten erwirtschaftet. Von diesen Umsätzen geben die Schausteller rund 1,145 Milliarden Euro an den Veranstaltungsorten für Warenbezug, Gebühren, Aushilfspersonal und persönliche Konsumausgaben aus. Das sorgt in den ausrichtenden Kommunen für eine Wertschöpfung von 657 Millionen Euro und für die Schaffung und Sicherung von weiteren 13.750 Arbeitsplätzen außerhalb der Schaustellerunternehmen. Quelle: dpa
Von diesen Umsätzen geben die Schausteller rund 1,145 Milliarden Euro an den Veranstaltungsorten für Warenbezug, Gebühren, Aushilfspersonal und persönliche Konsumausgaben aus. Das sorgt in den ausrichtenden Kommunen für eine Wertschöpfung von 657 Millionen Euro und für die Schaffung und Sicherung von weiteren 13.750 Arbeitsplätzen außerhalb der Schaustellerunternehmen. Quelle: dpa
Ein Großteil der Ausgaben der Schausteller fließt den Kommunen als Veranstalter der Volksfeste direkt zu: rund 350 Millionen Euro für Standgebühren und andere Abgaben. Dazu kommen unter Berücksichtigung der Ausgaben außerhalb des Volksfestgeländes pro Besuch rund 60 Cent in Form kommunaler Steuern. In Summe fließen pro Besuch rund 3,00 Euro in den kommunalen Haushalt der ausrichtenden Stadt oder Gemeinde. Unter Berücksichtigung von Umsatzsteuer und Einkommenssteuer fließen den öffentlichen Haushalten insgesamt sogar ca. als 1,25 Milliarden Euro pro Jahr oder 8,45 pro Besuch aus der Schaustellerbranche zu. Laut Hakelberg haben die Gemeinden allein bei den Standgebühren seit dem Jahr 2000 fast 200 Prozent draufgeschlagen. Quelle: dpa
Für Volksfestbesuche werden häufig Reisen über Bundesländergrenzen hinweg unternommen: 15,0 Prozent der Volksfestbesuche führen die Besucher in ein anderes Bundesland. Mit Volksfestbesuchen sind also in erheblichem Umfang touristische Effekte verbunden. Quelle: dpa

1998 verkaufte er sein Karussell, weil es etwas Neues gab, das fand er „spektakulär“: Freifalltürme. Sein erstes Modell hieß „Power Tower 1“, die Gondel fuhr auf 55 Meter Höhe. Fünf Jahre später kam der Nachfolger, immerhin elf Meter höher. Dieses Jahr sollten es eigentlich 100 Meter werden, Schneider hatte schon alles geplant und mit großem Tamtam auf Facebook verkündet: „Der größte mobile Freifallturm der Welt“. Aber dann gab es Probleme bei der Planung des „Hangover“, erzählt er. Das Fahrgeschäft im Wert von 2,8 Millionen Euro wurde nur 85 Meter hoch – den Superlativ reklamiert er trotzdem für sich.

An diesem sonnigen Mittag Ende Juli, das erste Wochenende der Düsseldorfer Kirmes ist gerade vorbei, steht Schneider auf dem Festplatz an den Rheinwiesen und dirigiert sein Familienunternehmen. „Hömma!“, ruft er. „Zeig den Arbeitern, was die noch machen müssen, Ewald!“ Schneiders 18-jähriger Sohn, Junior-Unternehmer, heißt wie der Senior. „Victoria, gibst du den beiden hier mal ihr Geld?“ Die 22-jährige Tochter hilft bei der Abrechnung. „Kommst du mal?“ Seine Frau Christina stammt ebenfalls aus einer Schaustellerfamilie, sie haben sich vor 24 Jahren auf einem Volksfest kennengelernt.

Jagd nach dem Höhenrekord ist kritisch

In Deutschland leben zwei Schausteller, die sein Geschäftsgebaren nicht so spaßig finden – denn sie wollen die Größten sein. Der Münchner Michael Götzke preist seinen Turm „SkyFall“ mit dem gleichen Weltrekord an wie Schneider, dabei ist er nur 80 Meter hoch. Andreas Zinnecker aus dem bayrischen Egglkofen motzt seinen „Mega King Tower“ gerade auf, um Schneider nachzueifern. Der deutsche Schaustellerbund dagegen sieht die Jagd nach dem Höhenrekord kritisch. Man wolle ja nicht, dass nur noch Düsenjäger-Piloten die Fahrgeschäfte nutzen, sagt Präsident Albert Ritter.

Es scheint aber genügend zu geben, denn seit sich Schneider auf Türme spezialisiert hat, sind Volksfeste für ihn Erfolgsfeste. Er mache einen siebenstelligen Umsatz, sagt der Unternehmer. Und wie viel Gewinn? „Moment, da muss ich meinen Steuerberater fragen.“ Ein Anruf, dann eine Zahl. 20 Prozent vor Steuern bleiben übrig.

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Schneider schaut auf die Uhr, gleich macht die Kirmes auf. Statt seiner soll Sohn Ewald mit auf dem „Hangover“ fahren. Der 18-Jährige klettert in die Sitzschalen und schließt den Bügel. Es geht hoch. Die Beine baumeln frei in der Luft, die Gondel dreht sich, die Aussicht ist atemberaubend. „Guck während der Fahrt nach oben, das ist das Geilste“, sagt Ewald. Aus den Lautsprechern schallt ein Countdown. Drei, zwei, eins ... Die Haken lösen sich, die Gondel rast Richtung Boden, drei Sekunden freier Fall, Kirmes für die inneren Organe. Ewald grinst wie ein Junkie nach dem Kick. „Das Gefühl ist immer da, auch nach dem 100. Mal.“

Das ist insofern praktisch, als dass es höher als 85 Meter für Schneider junior und senior so schnell nicht hinausgehen wird. Der Traum des 100-Meter-Turms ist erst mal aufgegeben, Schneider muss jetzt zehn Jahre lang den neuen Turm abbezahlen.

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