Handwerk: Wie ein Friseurmeister unter der Bürokratie leidet
Ein Friseur schneidet in einem Friseur-Salon einer Kundin mit einer Schere die Haare.
Foto: dpaIch betreibe einen Friseursalon mit rund zehn Mitarbeitern. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin für gute Löhne! Das Problem sind nicht die Bruttolöhne, sondern die Nettolöhne - also das, was zwischen brutto und netto passiert. Und das steuern nicht die Unternehmen.
Der Mindestlohn: Ein Schuss ins Knie
Vor fünf Jahren waren die Bruttolohnkosten noch überschaubar. Seitdem haben sie sich teilweise über 40 Prozent erhöht. Dank der unüberlegten Mindestlohnanhebung und deren Durchsetzung. Die hat nicht nur die Löhne der unteren Lohngruppen nach oben getrieben, sondern zwangsläufig auch die der oberen Leistungsträger-Lohngruppen (diese allerdings geringfügiger). Warum? Damit es „gerecht“ bleibt. Leistungsträger dürfen nicht vernachlässigt werden. Ein guter Unternehmer weiß das, im Gegensatz zur Regierung. Das Ergebnis? Die Lohnkosten in meiner Branche, also bei den Friseuren, liegen inzwischen bei 50 Prozent vom Umsatz – eine Belastung, die den Betrieben die Luft abschnürt.
Die 50 Prozent wären schon längst überschritten, wenn die Betriebe nicht mit Preiserhöhungen reagiert hätten. Aber die Preise können nur bis zu einem bestimmten Punkt angehoben werde, sonst verlieren wir die Kunden zu verlieren.
Brutto und netto: Der Fiskus gewinnt immer
Die Preisanhebung um insgesamt 20 bis 25 Prozent in den letzten fünf Jahren war so hoch, wie historisch noch nie zuvor. Sie deckt aber gerade einmal die Lohnsteigerungen. Was aber ist mit den anderen Kosten? Die Inflationsrate der letzten fünf Jahre liegt kumuliert bei 21,2 Prozent. Diese zusätzlichen Ausgaben werden aus den Gewinnen bezahlt. Ergo: sinkende Gewinne. Wie demotivierend für die Unternehmer als Leistungsträger!
Die Nettolöhne sind in derselben Zeit übrigens nur um 28,5 Prozent gestiegen. Warum nicht auch um 41Protzent, wie die Bruttolöhne? Der gewiefte Initiator der Mindestlohnsteigerung hat es geschafft, dass sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber jetzt mehr abgeben müssen. Sollte der Mindestlohn nicht steigen, damit Arbeitnehmer mehr in der Tasche haben? Stattdessen kassiert der Staat ordentlich mit, nämlich die Differenz von 12,5 Prozentpunkten zwischen Brutto und Netto, sowie die zusätzliche Umsatzsteuer aus den Preiserhöhungen. Es ist einfach, den barmherzigen Robin Hood zu spielen, wenn Robin Staat sich dabei selbst bereichert.
Wir erleben alle täglich, wie sich die unüberlegten Mindestlohnsteigerung flächendeckend auf die Preise auswirkt. Mehr Lohn, höhere Preise, höhere Staatseinnahmen.
Steuerrabatt für Ausländer: Das neue Fairplay?
Jetzt wird also ein Steuerrabatt für ausländische Arbeitnehmer in der Politik diskutiert. Was passiert, wenn Berufseinsteiger aus dem Ausland mehr Netto in der Tasche haben als erfahrene, seit Jahren loyale mitarbeitende Kräfte? Richtig, die Motivation der Leistungsträger sinkt. Beständigkeit, Weiterentwicklung und jahrelanger Fleiß werden nicht belohnt. Stattdessen wird belohnt, wer aus dem Ausland kommt. Der Arbeitgeber darf dann „gerecht“ werden, indem er die Bruttolöhne seiner bisherigen Mitarbeiter anhebt. Klar, warum nicht – schließlich blüht die Wirtschaft! (Ironie off). Und wieder würde der Staat damit seine eigenen Einnahmen erhöhen. Was für eine Scheinheiligkeit.
Der Steuerrabatt ist eine gute und notwendige Maßnahme, aber er sollte allen gewährt werden. Anderenfalls wird diese Ungerechtigkeit die Gesellschaft weiter spalten. Das können und wollen wir uns doch nicht leisten, oder?
Geringfügige Beschäftigung: Ein Anreiz zur Teilzeit?
Es gibt eine Möglichkeit die Lohnsteuerabgaben zu gestalten. Sogar Politiker sprechen in Talkshows über die Vier-Tage-Woche und äußern, dass Unternehmer sich gefälligst Gedanken machen sollen, um Arbeitsplätze attraktiv genug zu gestalten und Mitarbeitende so zu binden. Das tun wir unaufhörlich, liebe unwissende Politiker.
Wie aber motiviert unser System die Arbeitnehmer und bindet sie an Arbeitsplätze? Indem es sie dazu bringt, ihre Vollzeitarbeitsstelle zu reduzieren und zusätzlich einen Job unter 520 Euro woanders anzunehmen.
In einer Massagepraxis verabschiedete ich mich neulich: „Bis Freitag!“ Die Mitarbeiterin an der Rezeption erwiderte, dass sie künftig freitags nicht mehr in der Praxis arbeite. Ich fragte sie, ob bei ihr der Wohlstand ausgebrochen sei, weil sie ihre Arbeitszeit reduziere. „Im Gegenteil“, war die Antwort. Sie habe am Freitag eine andere Stelle als geringfügig Beschäftigte angenommen. So arbeitet sie einen Tag der Woche brutto für netto. Das Verfahren reduziere ihre Steuerlast enorm.
Diese Praxis könnte Schule machen. Ein Traum für jeden Arbeitgeber, der händeringend nach Fachkräften sucht und darüber nachdenkt Mitarbeiter zu binden. Wer hat sich das ausgedacht, ein Gegner oder ein Feind? Und bald wird in der Zeitung stehen: „Nebenjobs werden in Deutschland immer notwendiger“. Womöglich verbunden mit der politischen Forderung , den Mindestlohn steigern zu müssen.
Ein nächstes Beispiel: Ich suche für meinen Salon eine tägliche Reinigungskraft für die Abendstunden. Eine eifrige Auszubildende möchte das übernehmen, aber das geht nicht. Sie darf am Ausbildungsplatz keine weitere geringfügige Beschäftigung haben, sonst müsste sie den Zusatzverdienst voll versteuern. So wird sie ihre Stelle im Supermarkt behalten - und ich suche weiter. Ein System, das Arbeitgeber und Arbeitnehmer bindet? Fehlanzeige!
Freibetrag für Arbeitnehmer: Ein Schritt zur Gerechtigkeit
Ein möglicher Ausweg wäre ein Freibetrag über 520 Euro für jeden Arbeitnehmer. Das würde Bürokratie abbauen und echte, notwendige Barmherzigkeit zeigen. Wer soll das denn bezahlen, wird Berlin nun fragen? Der Haushalt sollte dafür ausreichen, auf diese Weise die Kaufkraft anzukurbeln und mehr Gerechtigkeit zu schaffen.
Wir brauchen Lösungen, die spürbare Entlastungen bringen und nicht in erster Linie die Staatskasse füllen, trotz Krise.
Kleine Unternehmen wie mein Friseursalon, stehen unter immensem Druck. Die Regulierung und Kostensteigerungen ersticken die Innovationskraft und den Unternehmergeist. Resignation macht sich breit, und zwar bei denjenigen, die die meisten Menschen beschäftigen. Während große Konzerne durch Automatisierung und Skaleneffekte ihre Kosten kontrollieren können, kämpfen kleine Betriebe ums Überleben. Der Staat scheint das nicht zu begreifen - oder es ist ihm schlicht egal.
Die soziale Gerechtigkeit: Ein Trugbild?
Wir entwickeln uns immer weiter weg von einer Gesellschaft, die Leistung fördert. Wollen wir wirklich weiter Politik für die Faulen und Dummen machen? Die Erhöhung der Löhne und die Einführung von Mindestlöhnen sollten die soziale Gerechtigkeit verbessern. In der Praxis sieht es anders aus. Leistungsträger werden ignoriert, degradiert und demotiviert. Die sogenannte soziale Gerechtigkeit ist ein Trugbild, das die wahren Kosten und Folgen nicht berücksichtigt.
Die Politik muss aufwachen und die Realität der kleinen und mittleren Unternehmen anerkennen. Ständig hören wir etwas über die Reduzierung der Bürokratie, selbst von Politikern. Wo hat sie sich denn reduziert in den letzten Jahren? Warten wir mal den 01.01. nächsten Jahres ab. Dann kommt die E-Rechnung, ein riesiges Bürokratiemonster, das die Wirtschaft erstmal wieder belasten wird. Wann hören diese Regierenden endlich mal den Menschen zu?
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