„Riecht nach einer persönlichen Fehde“ Eklat vor Freenet-Hauptversammlung

Freenet-Logo Quelle: dpa

Vor seinem heutigen Abgang als Freenet-Aufsichtsratschef watscht Helmut Thoma den Vorstandschef des Unternehmens als Fehlbesetzung ab. Branchenexperten messen den Tiraden des früheren RTL-Chefs wenig Bedeutung bei.

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Härtere Worte findet ein Aufsichtsratschef selten für einen Vorstand – und schon gar nicht für einen, den er selbst eingesetzt und über zwölf Jahre im Amt kontrolliert hat: „Eine absolute Fehlentscheidung“, nennt Helmut Thoma seine Besetzung von Christoph Vilanek als Freenet-CEO. Im Handelsblatt-Interview stellte der 83jährige frühere RTL-Chef, der heute sein Amt als Aufsichtsratschef von Freenet abgibt, sogar die Überlebensaussichten des Telekommunikationsunternehmens in Frage.

Das lange Exklusivinterview zog allerdings erstaunlich wenig Echo nach sich: der Freenet-Börsenkurs bewegte sich trotz der kernigen Aussagen kaum. Branchenbeobachter sehen in der herben Kritik Thomas denn auch wenig mehr als eine persönliche Vendetta. Viele der Argumente, die der TV-Manager gegen den Telekom-Verkäufer ins Feld führt, wirken bei genauerer Überprüfung tatsächlich an den Haaren herbeigezogen. Es reicht nicht einmal für das ganz große Kino: Die Freenet-Hauptversammlung startet heute um zehn Uhr als rein digitales Format ohne Publikum vor Ort.

Eine Vendetta der ganz besonderen Art

„Es riecht nach einer persönlichen Fehde“, sagt ein Analyst, der das Unternehmen seit Jahren begleitet. „Zwischen Thoma und Vilanek muss etwas vorgefallen sein“. Vilanek ist als exzentrischer und flamboyanter Manager mit starken Meinungen bekannt. Er gilt als äußerst unangenehmer Verhandlungspartner. Schon 2018 verließ der damalige Finanzvorstand Joachim Preisig völlig überraschend das Unternehmen. Vermutet wurden auch damals interne Streitigkeiten. 

Thoma lässt kein gutes Haar an Freenet: „Weltweit ein Unikat“ sei das Unternehmen, Überleben sei da schwierig, so der scheidende Aufsichtsrat. Dass Freenet wirklich weltweit der einzige Reseller von Mobilfunkverträgen ohne eigenes Netz ist, ist jedoch von der deutschen Regierung genau so gewollt: Ein einzigartiges Gesetz schützt das Geschäftsmodell – das sogenannte Diskriminierungsverbot, das den Netzbetreibern bei der Versteigerung der Mobilfunklizenzen abgerungen wurde. Es verpflichtet alle Netzbetreiber, anderen Anbietern den Zugang zu ihrem Netz zu genau den Kosten zur Verfügung zu stellen, zu denen sie es auch intern verrechnen. Das günstige Zugangsrecht zu allen Netzen für Freenet gilt also als gesichert.

Wenn 1&1 sein eigenes Mobilfunknetz ans Laufen kriegt, bleibt Freenet wirklich als einziger reiner Reseller am Markt übrig. Das kann sogar ein Vorteil sein, wenn es Vilanek gelingt, die Sonderstellung in bare Münze zu verwandeln. Künftig wird es vier Wettbewerber mit eigenem Netz geben. Die Deutsche Telekom, Vodafone, Telefonica und 1&1 Drillisch werden sich sich gegenseitig die Kunden abjagen. Gerade 1&1 Drillisch wird sich beeilen müssen, sein junges Netz so schnell wie möglich auszulasten. Das gibt Freenet die Oberhand in Verhandlungen mit den Netzbetreibern. Der Wiederverkäufer könnte höhere Boni und Kickbacks, die er beim Erreichen bestimmter Meilensteine bei verkauften Vertragsvolumina erhält, durchsetzen.

Dass Vilanek kein eigenes Netz ausbaut wie sein Konkurrent Ralph Dommermuth dürfte seine Aktionäre womöglich sogar beruhigen. Er spart sich so die Milliardenbeträge, die der Ausbau eines eigenen Netzes verschlingt – und schont die Nerven der Anteilseigner. Seit der Entscheidung fiel der Aktienkurs von 1&1-Drillisch jedenfalls um rund 50 Prozent.

Leidenschaftliche Gamer sehen anders aus

Thoma moniert zudem, dass Vilanek seine Idee einer Kooperation mit dem chinesischen Videospielehersteller Tencent nicht verfolgt habe. Vielleicht bewies Vilanek dabei aber sogar einen besseren Riecher als der alte TV-Recke: Die Kunden von Freenet gelten nicht als besonders Internet-affin. Viele von ihnen wählen absichtlich Verträge mit stark gedrosselten Daten-Übertragungsgeschwindigkeiten, um ein bisschen Geld zu sparen. Mehr als 50 Prozent der Freenet-Kundschaft schließt seine Handy-Verträge noch in einem klassischen Ladengeschäft ab. Leidenschaftliche Gamer sehen anders aus.

Fraglich auch, ob Tencent wirklich die 8,8 Millionen Kunden von Freenet nötig gehabt hätte – das Unternehmen schwimmt in Geld und kann sich statt einer Kooperation jederzeit eigene Marketingkampagnen erlauben.

Ausgerechnet die wohl wichtigste Entscheidung, die man Vilanek vorwerfen könnte, erwähnt Thoma in seinen Tiraden dagegen nicht: Sein Einstieg bei der Mediamarkt-Saturn-Mutter Ceconomy im Jahr 2018. Deren Kurs ist inzwischen um mehr als 60 Prozent unter Vilaneks Einstiegspreis von 8,50 Euro gefallen. Damit hat er 170 Millionen Euro vernichtet. Durch die Beteiligung mag Vilanek seinen Verkäufern den exklusiven Zugang zu den stationären Kunden der Handelskette gesichert haben. Ob das den Preis wert war, sei dahingestellt.

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Insofern hinterlässt die Kritik von Thoma bei vielen Branchenkennern höchstens einen schalen Geschmack: „Bizarr“, findet ein Analyst Thoma‘s öffentlichen Verriss von Vilanek: Als Aufsichtsratschef hätte er schließlich schon seit Jahren für dessen Entlassung sorgen können.

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