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Tag 4 im Wirecard-ProzessJetzt sind die Fronten im Wirecard-Prozess klar

Wirecards ehemaliger Dubai-Statthalter Oliver Bellenhaus legt im Wirecard-Prozess Chats von ihm mit Markus Braun vor – und belastet den ehemaligen Chefbuchhalter Stephan von Erffa.Volker ter Haseborg 21.12.2022 - 18:22 Uhr

Die Fronten im Wirecard-Prozess stehen: Dubai-Statthalter Oliver Bellenhaus (hinten) gegen Markus Braun. (Archivbild 12.12.2022)

Foto: dpa

Der vierte Verhandlungstag im Wirecard-Prozess beginnt mit einem Streit und einem Stromausfall. Für den Stromausfall ist ausgerechnet die WirtschaftsWoche verantwortlich. Plötzlich ist der Strom in den Steckdosen weg, die Protokollführerin kommt nicht mehr an ihr elektronisches Protokoll. Immerhin: Das Licht im Saal funktioniert noch. Die Sitzung wird unterbrochen. Nach fast halbstündiger Ermittlungsarbeit entdeckt ein Justizbeamter, dass das Verlängerungskabel des WiWo-Livebloggers für den Blackout gesorgt hat. Dann kann es losgehen. Und gleich gibt es Streit zwischen Alfred Dierlamm, dem Anwalt von Markus Braun, und seinem Gegenpart, Florian Eder, dem Anwalt von Oliver Bellenhaus. Ein Streit, der sich wohl durch das ganze Verfahren ziehen wird.

Am vergangenen Montag hatte Wirecards ehemaliger Dubai-Statthalter Bellenhaus vor Gericht zugegeben, Milliarden-Umsätze gefälscht zu haben, um Wirecard als stark wachsendes Unternehmen darstellen zu können. Die angeblichen Milliardengewinne aus dem Geschäft mit Partnern – 1,9 Milliarden Euro – waren nicht auffindbar, nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft hat es sie nie gegeben. Bellenhaus hatte Ex-Konzernchef Braun schwer belastet, ihn als Chef der Wirecard-Bande beschrieben. An diesem Tag soll er mit seinem Eröffnungsstatement fortfahren. Doch dazu kommt es zunächst nicht.

Dierlamm nutzt die Möglichkeit, ein bisschen Luft rauszunehmen. Er bemängelt die Zeugenliste, auf der seiner Meinung nach zu wenig direkte Tatzeugen stehen. Und kündigt einen Antrag an, dass zusätzliche Zeugen geladen werden sollen. Anwalt Florian Eder sieht in Dierlamms Einlassungen ein Manöver, Zeit zu schinden. Er will, dass Bellenhaus endlich loslegen kann. „Wir haben hier eine Einlassung – die ist zu hören“, sagt er aufgebracht. Der Vorsitzende Richter Markus Födisch beendet den Zwist, Fortsetzung folgt garantiert.

„Soll ich mal an Dr. Braun schreiben?“

Es geht schließlich um die Frage, wessen Wirecard-Story hier stimmt. Braun zufolge hat Bellenhaus zusammen mit dem flüchtigen Ex-Vorstand Jan Marsalek die Millionen abgezweigt – ohne Brauns Wissen.
Bellenhaus verteidigt sich zunächst gegen die Vorwürfe aus dem Team Braun: Er habe keine TPA-Gelder beiseitegeschafft. Gelder, die auf seiner Stiftung landeten, seien normale Sonderzahlungen gewesen.
Dann geht er zur Attacke über: Brauns Verteidigungsstrategie diene allein dessen egozentrischen Eigeninteressen, sagt er.

Das Geld, mit dem Braun die Existenz von TPA-Geldern belegen will, sei zum Großteil von Wirecard selbst gekommen. Die Transaktionen habe Braun persönlich freigegeben. Bellenhaus lässt einen Chat an die Wand projizieren, es ist ein Signal-Chat zwischen Jan Marsalek und einer Mitarbeiterin aus einer Zeit, in der Bellenhaus offenbar Probleme machte. „Soll ich mal an Dr. Braun schreiben“, fragt die Mitarbeiterin Marsalek. „Gute Idee“, antwortet Marsalek.
Bellenhaus will damit belegen, dass Braun auf ihn Einfluss genommen hat, dass er ihn gelenkt hat. Ob sich das mit dem Chat wirklich nachweisen lässt, bleibt offen. Braun sei die Kontroll- und Steuerungsinstanz gewesen, sagt Bellenhaus.

Tag 3 im Wirecard-Prozess

„Wirecard krankte de facto in allen Bereichen“

von Volker ter Haseborg und Angelika Melcher

Es gibt auch Signal-Chats zwischen Braun und Bellenhaus. Einen davon lässt Bellenhaus an die Wand projizieren. Bellenhaus vermeldete an Braun, dass die Protokolle raus sind. „Der Task ist erledigt.“ – „Sehr gut!!!“, antwortet Braun. Und: „Danke dir und bleibt jetzt voll dran“. Bellenhaus meldet: Abrechnungen sind fertig. „Sehr gut“, antwortet Braun. Bellenhaus will dadurch belegen, dass es Kontakt zu Braun gab, dass Braun mit dem Fake-Geschäft in Berührung war. Am Montag hat er vor Gericht erklärt, wie er die Protokolle zu den TPA-Geschäften gefälscht hat. Auch hier gilt: Es ist offen, ob sich damit eine unmittelbare Tatbeteiligung Brauns belegen lässt.

200 Millionen Transaktionsdaten seien für die KPMG-Sonderuntersuchung gefälscht worden, sagt Bellenhaus. In der Sonderuntersuchung flog der Schwindel schließlich auf, Wirecard meldete im Juni 2020 Insolvenz an. Mehr als mit Braun befasst sich Bellenhaus mit seinem ehemaligen Vorgesetzten Stephan von Erffa, der ebenfalls mitangeklagt ist und schräg rechts von ihm mit seinen Anwälten sitzt.

Von Erffa wäre gerne Finanzvorstand geworden, sagt Bellenhaus. Auf seinen Titel als „Deputy CFO“ habe er großen Wert gelegt und ihn zur Durchsetzung seiner Interessen genutzt. Er sei mitnichten ein kleiner Buchhalter am Ende der Nahrungskette gewesen. Tatsächlich sei von Erffa „der heimliche CFO“ von Wirecard gewesen.

Die Fälschungen im Bereich von Erffas seien weder durch Inkompetenz noch durch „Geisteskrankheit“ zu erklären, sagt Bellenhaus. Immer wieder habe von Erffa die Wirtschaftsprüfer getäuscht, Schecks rückdatiert. Als ein Mitarbeiter korrekte Angaben gegenüber den Wirtschaftsprüfern gemacht habe, soll dieser laut Bellenhaus von von Erffa entlassen worden sein. „Wir wussten ganz genau, was wir getan haben“, sagt Bellenhaus.

Was Bellenhaus über seine und von Erffas Arbeit berichtet, wirft ein katastrophales Bild auf die Wirtschaftsprüfer von EY, die die Jahresabschlüsse bis 2018 mit uneingeschränktem Testat versahen. Die Fälschungen hätte man leicht enttarnen können, sagt Bellenhaus. Dieselbe Geschäftsadresse eines angeblichen Händlers tauchte in mehreren Ländern auf. Teilweise verbuchte ein Händler identische Rechnungsbeträge für alle Kunden.

EY habe eine unabhängige Bestätigung für die Transaktionen gefordert und sich nicht nur auf seine Zahlen verlassen wollen. Also habe er seine gefälschten Zahlen zusätzlich noch in ein Datenbanksystem eingespeist – sie waren natürlich identisch zu den ohnehin schon gefälschten Zahlen. Das habe den Prüfern gereicht. „Es klang halt gut.“, sagt Bellenhaus.
Wenn Prüfer einen Vertrag sehen wollten, hätten er und von Erffa halt einen Vertrag im Nachhinein „zusammengefrickelt“ und zurückdatiert, dazu hätten sie sich Fake-Verträge hin- und hergeschickt.

Die Fronten im Wirecard-Prozess stehen also: Bellenhaus gegen Braun. Bellenhaus gegen von Erffa. Eine Konfrontation zwischen Braun und von Erffa ist bislang nicht zu erkennen. Am 11. Januar geht es weiter mit der Vernehmung von Bellenhaus.

Und Braun? Der will Angaben machen, sagt dessen Anwalt Dierlamm, „sobald die Vernehmung von Herrn Bellenhaus abgeschlossen ist.“ Das wird wohl im Verlaufe des Januar der Fall sein. Braun werde Fragen von allen Prozessbeteiligten beantworten, kündigt der Strafverteidiger an. Vorher will Dierlamm aber noch seine Fragen an Bellenhaus ans Gericht weiterleiten, damit sie Bellenhaus gestellt werden, denn dieser hat es abgelehnt, Fragen von verfahrensbeteiligten Anwälten zu beantworten. Richter Markus Födisch gibt zu erkennen, dass er die Fragen aus dem Braun-Lager gerne stellen wird. Aber: „Herr Bellenhaus hat ein Schweigerecht.“

Lesen Sie nachfolgend das WirtschaftsWoche-Live-Blog vom vierten Prozesstag:

21.12.2022 – 15:38 Uhr Volker ter Haseborg
Die Sitzung ist jetzt zu Ende. Ich schreibe jetzt noch eine Zusammenfassung über den heutigen Tag - kommt dann später auf wiwo.de. 

Die nächste Sitzung, die wir im Wiwo-Liveblog begleiten, findet am 11. Januar 2023 statt. Dann wird Bellenhaus weiter vernommen. 

Ebenfalls im Januar wird eine Aussage von Markus Braun erwartet. Da sind wir natürlich auch vor Ort. 

Bleibt mir noch, Ihnen frohe Weihnachten und einen guten Start ins neue Jahr zu wünschen. 
Bis bald!
21.12.2022 – 15:32 Uhr Volker ter Haseborg
Marsalek, von Erffa und er seien diejenigen gewesen, die den Prüfern das TPA-Geschäft vorgegaukelt hätten. 
21.12.2022 – 15:29 Uhr Volker ter Haseborg
Er hätte sich mit von Erffa solche Fake-Verträge hin- und hergeschickt, sagt Bellenhaus.
21.12.2022 – 15:28 Uhr Volker ter Haseborg
Wenn Prüfer einen Vertrag sehen wollen, hätten sie halt einen Vertrag zusammengefrickelt. 
21.12.2022 – 15:20 Uhr Volker ter Haseborg
Die Wirtschaftsprüfer wollten eine unabhängige Bestätigung der Transaktionen. EY habe von ihm Einblick in die Transaktionen bekommen. Allerdings in seine gefälschten Daten. Um die Sache noch seriöser erscheinen zu lassen, habe er seine gefälschten Zahlen noch in ein Datenbanksystem eingespeist. Das habe den Prüfern gereicht. "Es klang halt gut.", sagt Bellenhaus.
21.12.2022 – 15:12 Uhr Volker ter Haseborg
"Kein Mensch hatte Zugriff auf das Treuhandvermögen." Eine Bank, die das Geld für den Händler einzieht, hätte im Normalfall doch Zugriff darauf haben müssen. Denn dieser Acquiring Bank stand gegenüber Kreditkartenunternehmen wie Visa und Mastercard in der Haftung - und eben nicht Wirecard. 
21.12.2022 – 15:09 Uhr Volker ter Haseborg
"Von den Wirtschaftsprüfern hat niemals jemand gefragt", sagt Bellenhaus.
21.12.2022 – 15:08 Uhr Volker ter Haseborg
"Auf das Treuhandkonto haben wir nie zugegriffen", sagt Bellenhaus. "Es gab ja auch kein Geld auf dem Treuhandkonto."
21.12.2022 – 15:07 Uhr Volker ter Haseborg
Wirecard hat behauptet, dass der TPA für die Händler (allesamt angebliche Wirecard-Kunden) eine Sicherheit aufbringen muss für etwaige Ausfallzahlungen. Dieses Risiko wurde als sehr, sehr hoch dargestellt. Sogar eine 500.000-Euro-Strafe hätten sie mal erfunden, um das Risiko zu belegen, sagt Bellenhaus. Deshalb wurde die Idee der Treuhandkonten entwickelt, auf denen die erfundenen Milliardenumsätze aus dem Drittpartnergeschäft lagern sollten - und nicht angetastet wurden, weil sie als Pfand für Ausfallzahlungen einbehalten wurden.
21.12.2022 – 15:01 Uhr Volker ter Haseborg
Jetzt soll Bellenhaus die Funktion eines Drittpartners (Third Party Acquirer(TPA)) erklären. Er bekommt dafür einen Stift und darf ein bisschen fürs Gericht auf dem Projektor herumzeichnen. 
Er macht es so: Ein Händler bekommt sein Geschäft nicht abgewickelt, geht damit zu Wirecard. Die bekommen es aber auch nicht abgewickelt, zu riskant. Deshalb geht Wirecard zum Drittpartner und fragt ihn, ob dieser den Händler aufschalten kann. Dieser sucht eine Bank für ihn, um Kreditkartenzahlungen abwickeln zu können. 
Wirecard ist in diesem Geschäft ein reiner Vermittler, hat mit dem Geld für die Zahlung nichts zu tun. "Wir haben immer so getan, als würde der TPA das Geld bekommen." Musste man auch, um das Volumen des Geschäfts voll mit in die Wirecard-Bilanz nehmen zu können. Dass TPA das Geld bekommen, finde in der Praxis kaum noch so statt, sagt Bellenhaus. Der TPA bekomme von den abwickelnden Banken eine Gebühr. Von dieser Gebühr wiederum hätte der TPA auch Wirecard eine Gebühr zahlen müssen. Kompliziert, oder?
21.12.2022 – 14:41 Uhr Volker ter Haseborg
"Wir nehmen einen Obdachlosen, duschen ihn - und schicken ihn in die Oper"
So beschreibt Bellenhaus das System, mit dem wenig seriöse Händler dennoch Banken fanden, die ihre Zahlungen abwickelten
21.12.2022 – 14:39 Uhr Volker ter Haseborg
Bellenhaus erklärt gerade, wie eine Kreditkartenzahlung funktioniert. Wie das Geld eines Kunden, der online einkauft, zum Händler gelangt. 
21.12.2022 – 14:33 Uhr Volker ter Haseborg
Und weiter geht's.
21.12.2022 – 14:16 Uhr Volker ter Haseborg
Puh, ganz schön anstrengend, das hier alles mitzuschreiben. Verstehen Sie alles? Ich hoffe es. Jetzt haben wir uns zehn Minuten Pause verdient. 
21.12.2022 – 14:13 Uhr Volker ter Haseborg
Wurde nach Leuten gesucht, die Befehle ausführten und leicht lenkbar waren? "Ja, das ist so."
21.12.2022 – 14:12 Uhr Volker ter Haseborg
Die Ernennung von Susanne Steidl zur Produkt-Vorständin sei "die schlimmste Fehlbesetzung in den letzten 20 Jahren gewesen", sagt Bellenhaus.
21.12.2022 – 14:10 Uhr Volker ter Haseborg
"Wir wussten ganz genau, was wir getan haben." - "Jeder außerhalb der Gruppe musste funktionieren." Von Erffa jedoch sei kein Typ, der nur Befehle befolgt hat, was Braun, Marsalek und Bellenhaus ihm gesagt haben. Bellenhaus beschreibt ihn also als Täter. 
21.12.2022 – 14:09 Uhr Volker ter Haseborg
So sei die Personalmanagerin von Wirecard völlig unqualifiziert gewesen. "Das war halt so." Bei Wirecard habe man nach Leuten gesucht, die leicht lenkbar waren. Unbequeme Mitarbeiter, die den Kurs anzweifelten, hätten "nicht überlebt". "Es war keine Demokratie."
21.12.2022 – 14:07 Uhr Volker ter Haseborg
Viele, die bei Wirecard in Positionen kamen, seien dafür nicht qualifiziert gewesen, sagt Bellenhaus.
21.12.2022 – 14:05 Uhr Volker ter Haseborg
"Fühlten Sie sich überfordert?", fragt Födisch. "Ich glaube nicht", sagt Bellenhaus.
21.12.2022 – 14:03 Uhr Volker ter Haseborg
Der dritte Drittpartner: Payeasy. Gemanagt vom ehemaligen Wirecard-Mitarbeiter Christopher Bauer, seinem Schwager, seiner Ehefrau. Treuhänder war wieder "Shan" aus Singapur. An Payeasy hingen noch die Firmen Centurion und Conepay.
21.12.2022 – 14:01 Uhr Volker ter Haseborg
Seit 2015 haben sie bei Al Alam angefangen TPA-Daten zu erfinden. 2016 habe er angefangen, das zu professionalisieren. 
21.12.2022 – 13:53 Uhr Volker ter Haseborg
Jetzt Al Alam. Vertragspartner war die Card Systems Middle East. Treuhänder für die Gewinne war Rajaratnam Shanmugaratnam aus Singapur. Er selbst habe die Al Alam gegründet, sagt Bellenhaus. Danach hat er einen offiziellen Geschäftsführer eingestellt und später noch einen weiteren Mitarbeiter. 
21.12.2022 – 13:49 Uhr Volker ter Haseborg
Jetzt geht es um die wichtigsten Drittpartner. Zuerst Senjo. Und Marsalek-Kumpel Henry O'Sullivan: "Dem gehörte das alles." Das habe er mitbekommen, wenn er mit den Senjo-Leuten gesprochen habe. "Er hat die Entscheidungen getroffen. Er hat die Leute eingestellt. Er hat gesagt, wo es langgeht."
21.12.2022 – 13:44 Uhr Volker ter Haseborg
Es gab viele Doppelstrukturen. Ein Teil der Informationen sei in Deutschland, ein anderer Teil im Ausland gewesen. So hätte man Herrschaftswissen behalten, sagt Bellenhaus.
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