Tourismus: Ausgerechnet Pauschalreisen werden für Tui zum Problem
Mit seiner Kleidung vermittelt Tui-Chef Sebastian Ebel gern mehr oder weniger versteckte Nachrichten. Vor einem Jahr stellte er die Bilanz für das Geschäftsjahr 2022/23 im Hoodie vor. Die Techie-Uniform war bewusst gewählt: Danach verkündete er, dass Europas Urlaubsmacher Nummer eins eine hochprofitable Vermittlungsplattform werden solle, wie das Hotelportal Booking.com oder Amazon. Das sollte die Gewinne steigern und das Lächel-Logo der Hannoveraner als neue Weltmarke für Fernweh etablieren.
Am Mittwoch nun präsentierte der 61-Jährige mit Finanzvorstand Mathias Kiep und Kommunikationschef Thomas Ellerbeck die Zahlen für das Ende September abgeschlossene Geschäftsjahr – und wählte dafür die moderne Variante der klassischen CEO-Uniform vor: dunkler Anzug, weißes Hemd, keine Krawatte. Seriös, so wie die Botschaft, die nun folgte: Tui hat die Coronakrise endgültig überwunden und ist wieder ein solides und profitables Wachstumsunternehmen. „Unser Fokus liegt auf operativer Exzellenz, schneller Umsetzung der definierten ergebnisverbessernden Maßnahmen und Transformation“, jubelte Ebel mit angriffslustigen Blick.
Erleuchtung auf Seite 59
Leider übersteht diese Botschaft den Blick in die Details ebenso wenig ohne Blessuren wie die im vorigen Jahr vom werdenden Digitalriesen. Denn auf Seite fünf des Geschäftsbericht wird klar: So sehr auch die fett gedruckten Werte steigen, etwa das „Bereinigte Ebit Tui Group zu konstanten Wechselkursen“, so enttäuschend entwickeln sich einige durchaus bedeutsame, mager gedruckte Werte, etwa der „Konzerngewinn“.
Die Zahl legte zwar um gut 55 Prozent zu. Doch bezogen auf den Umsatz bleibt dennoch eine Rendite von nur drei Prozent übrig. Dabei profitierte der Konzern sogar von einigen Sondereffekten. So ist Tui besonders stark im gehobenen Sektor der Reisen mit Hotels der Kategorie mit vier bis fünf Sternen, wo Kunden für etwas mehr Qualität deutlich mehr zahlen. Zudem brachte die Pleite des Münchner Veranstalters FTI in Deutschland viele neue Kunden. Trotzdem liegt der Marktführer bestenfalls im Mittelfeld der Reisebranche und weit hinter anderen ähnlich großen Unternehmen.
Wer die Ursache dafür finden will, muss ein wenig blättern, bis auf Seite 59 und 60. Wer einen Taschenrechner parat hat, erkennt: Herbergen und Schiffe könnten Tui beflügeln. Doch das Kerngeschäft der Pauschalreisen hält den Konzern am Boden. In Zahlen heißt das: Während von 100 Euro Nettoumsatz bei den Hotels 58 Euro operativer Gewinn bleiben und bei den Kreuzfahrten immerhin noch 44,6 Euro, behält Tui bei Urlaubspaketen im Schnitt nur rund 1,50 Euro. In den „Region West“ genannten Märkten Belgien, Niederlande und Frankreich sind es gar nur 30 Cent.
Die wahre Rendite: Zwei Prozent
So richtig zum tragen kommen die Unterschiede, weil die Bereiche sehr unterschiedlich groß sind. Zwar wächst der Umsatz aus Übernachtungen und Kreuzfahrten deutlich schneller als der mit Kompletturlauben. Doch am Ende liefert das margenschwache Kerngeschäft mit gut 20 Milliarden den zehnfachen Umsatz der Einnahmen aus Betten und Kojen. Sogar das angesichts der Null-Marge fast wohltätig zu nennende Geschäft der „Region West“ ist deutlich größer. Das verdirbt jeden Schnitt.
Zudem sind die Margen aus Herbergen und Schiffen ein wenig schöngerechnet. Zwar werden die meisten Betriebe des Bereichs wie die Tui-Blue-Hotels oder Tui-Cruises-Kreuzfahrten de facto von Ebels Mitarbeitern gesteuert und mehr oder weniger exklusiv gefüllt. Doch der Konzern bucht nur seinen Teil der Überschüsse als Einnahmen. Das ist möglich, weil die Schiffe selbst und zunehmend auch die Hotels ganz oder mehrheitlich Investoren gehören und Tui quasi nur Kunden vermittelt. Würden die Bereiche mit allen Kosten und Einnahmen voll konsolidiert, wären die Margen wohl nicht mal halb so groß. Und Tuis Konzernrendite läge eher bei zwei Prozent.
Investoren bevorzugen Spezialisten
Auch die Wachstumspotenziale dieser Sparte sind wohl überschaubarer als Ebel es glauben machen will. Um mehr Hotels und Schiffe an sich zu binden, muss er mehr Investoren überzeugen, dass Tui aus diesen Assets auf Dauer mehr macht als etwa Marriott Hotels oder Carnival Cruises. Derzeit sehen die Anleger das jedoch überwiegend umgekehrt: Der Börsenwert der Spezialisten ist bezogen auf den Umsatz deutlich höher als bei Tui.
Wohl auch deshalb forciert Ebel die Digitalisierung seines Kerngeschäfts Paketurlaub: Sein Mittel ist das „Dynamic Packaging“ genannte spontane Kombinieren von Reiseteilen wie Flug, Übernachtung oder Mietwagen zum Tagespreis. Hier ist Tui zwar Nachzügler hinter IT-getriebenen Anbietern wie Booking oder den Urlaubsprogrammen von Fluglinien wie Easyjet oder Eurowings. Doch der Markt wächst so schnell, dass auch für Tui einiges abfällt. Und zwar nicht nur in Form von mehr Umsatz, sondern auch als Gewinn.
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