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Unterhaltungswirtschaft Fünf Erfolgsrezepte für deutsche Museen

Spektakulären Kooperationen, neuen Einnahmequellen und ungewöhnlicher Vermarktung verdankt die lange verstaubte Museumsbranche den Aufstieg zum beliebtesten Teil der Unterhaltungswirtschaft. Fünf Erfolgsrezepte zeigen, wie auch die deutschen Kulturtempel den verlorenen Anschluss wieder finden können.

Museen steigen auf zum beliebtesten Teil der Kulturwirtschaft Quelle: dpa Picture-Alliance

Rote Hemden, dunkle Hosen und starrer Blick – gekleidet wie ihre Idole harren Hunderte Fans der Band Kraftwerk in eisiger Kälte geduldig auf Einlass. Das Warten lohnt. Zwei Stunden lang beleben die Pioniere elektronischer Musik mit kühlen Computerklängen den nüchternen Bau der K20 genannten Kunstsammlung NRW in Düsseldorf.

Die innerhalb weniger Minuten ausverkaufte Konzertreihe machte nicht nur trefflich Werbung für die hochkarätige Sammlung moderner Kunst – erstmals seit Jahren strömten 2014 wieder mehr als 300. 000 Besucher ins Haus. Der Auftritt der Techno-Pioniere reihte den Bau am Rhein zudem ein in einen illustren Kreis: Kraftwerk traten zuvor im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) auf, zogen weiter in den Riesensaal der Londoner Tate Modern und schließen nun vom 6. bis 13. Januar den Konzertzyklus in der Neuen Nationalgalerie in Berlin ab, bevor die auf Jahre zur Renovierung schließt.

Der Schulterschluss des Museums mit der klassischen Moderne der Popmusik bescherte dem K20 nicht nur einen Besucherstrom aus ganz Europa. Er steht auch für den wohl überraschendsten Wandel in der Unterhaltungswirtschaft: den Aufstieg der Museen weltweit zum beliebtesten Zeitvertreib außerhalb der eigenen vier Wänden mit immer neuen Rekorden bei Ausstellungshallen und Besucherzahlen.

Die außergewöhnlichsten Kunstmuseen
Museum of Medieval Torture Instruments, Damrak 33, 1012 LK AmsterdamDas niederländische Kulturzentrum Amsterdam bietet mit Häusern wie dem Van Gogh Museum oder dem Rijksmuseum nicht nur einige der besten Ausstellungshallen für die höhen Instinkte, sondern einiges für die weniger hohen. Neben Dingen, die dem lebensfrohen Image Amsterdams entsprechen wie Cannabisprodukten (Hash Museum) oder gleich zweien zum Thema Sex zählt das Foltermuseum zu den Touristenmagneten. Von Guillotine und dem Judas Thron bis zu weniger bekannten Dingen wie der Heretiker-Gabel, alle Arten menschlichen Erfindergeistes in Sachen Sadismus fein systematisch aufgeteilt in Instrument zu Ganz-Körper-Folter, sowie Unterleib und Oberkörper. Dargestellt mit Hifle lebensechter Wachspuppen. Foto: Ctny (Clayton Tang) Quelle: Creative Commons
Col·lecció de Carrosses Fúnebres, CArrer de la Mare de Déu de Port, 56-58, 08038 BarcelonaWarum ausgerechnet eine der lebensfrohesten Städte Europas die größte Schau von Leichenwagen hat, wird wohl eher ein Geheimnis der Katalanen bleiben. Freunde des Pomp auf der letzten Reise finden die Kutschen und Fahrzeuge vom späten 18. bis zu Mitte des vergangenen Jahrhunderts, viele davon mit stilecht in Uniformen und Perücken angetanen Puppen. Foto: Anoryat Quelle: Creative Commons
International UFO Museum and Research Center, 114 North Main Street, Roswell, New Mexico 88203, USAEs ist kein Ort für rationale Skeptiker: das Ufo Museum & Research Center dokumentiert akribisch alles rund um den Absturz eines Flugobjekts im Juli 1947 beim geheimen Flugplatz der Area 51 in Roswell im US-Bundesstaat New Mexico. Für die einen war es ein Ufo mit Außerirdischen, für die zuerst unsicheren Behörden ein Wetterballon, der da niederging. Das Ganze geschah nahe der Straße Richtung Corona - Verbindungen zum im Süden der USA sehr beliebten mexikanischen Bier des gleichen Namens sind sicher zufällig. Und wer die grünen Männchen mit den großen Augen im Trockeneis-Nebel oder die nachgestellte Alien-Autopsie nicht recht ernst nehmen kann, findet im Museumsladen immerhin eine Auswahl an Souveniers, die nicht so recht von dieser Welt ist. Dieser Tage sehr beliebt: außerirdischer Christbaumschmuck. Foto: Sand Quelle: Gemeinfrei
Meguro Parasitological Museum, 4-1-1, Shimomeguro, Meguro-ku, Tokyo 153-0064, JapanJapan vereint problemlos minimalistische Ästetik, hohe Sinnenfreuden und mit höchstem Ernst präsentierte Merkwürdigkeiten. Tokio-Besucher können entsprechend mit dem Grutt Pass für 60 Museen im Edo-Tokyo das Stadtleben früherer Jahrhunderte bestaunen, das kulturgeschichtliche Tokyo National Museum besuchen oder im obersten Stock des Mori Towers in Rappongi Hills Penthouse die Sammlung Moderner Kunst des Mori Museum bewundern. Es geht aber auch skurril bis unappetitlich: Da wäre zum Beispiel das Surigami Animation für selbst erstellte Comics, das (leider nicht im Grutt Pass enthaltene) Cupnoodles Museum zur Geschichte der Instant-Ramen-Nudel-Becher und natürlich das Parasiten Museum. Die streng wissenschaftliche Schau bietet Hartgesottenen einen tiefen Blick in die „wunderbare Welt“ (Museumswerbung) von Würmern, Maden und anderen Bewohnern lebendiger Wesen. Quelle: obs
Museum of Broken Relationships, Ćirilometodska ulica 2, 10000, Zagreb, KroatienAuch wenn die Internetadresse Brokenships.com eher auf Schiffunfälle deutet, am Ende geht es um Liebeskummer in allen Varianten und um die wohl größte Herausforderung: etwas darstellen, was nicht mehr da ist. Das Museum der zerbrochenen Beziehungen im kroatischen Zagreb versucht dies anhand von Gegenständen mit besonderem Erinnerungswert wie Kuschelbären, Gedichten und Dingen wie Nasensprays. Das brachte dem Museum nicht nur jede Menge Auszeichnungen wie „Innovativstes Museum 2011“, sondern auch jede Menge Einladungen zu Gastausstellungen vom amerikanischen San Francisco über Berlin und Kapstadt, Südafrika, bis in die taiwanesische Hauptstadt Taiwan. Mitgereist sind die passenden Dinge des Geschenkeladens wie Bad Memory Eraser (Radiergummi für schlechte Erinnerungen) oder dem Anti-Stress-Stift mit Sollbruchstelle in der Mitte.
The Museum of Witchcraft, The Harbour, Boscastle, Cornwall PL35 0HD, Vereinigtes KönigreichDie Liebe für das Mittelalter und alles Fantastische zeigt sich in der britischen Provinz nicht nur in Kult um Harry Potter oder dieser Tage besonders um J.R.R. Tolkien mit dem seiner Saga um den Hobbit und den Herrn der Ringe. Liebevoll pflegen sie auch viele kleine Museen. Das beliebteste ist das Museum of Witchcraft in Cornwall im Südwesten Englands, auch weil das Haus dank einem eigenen Twitter-Accopunt (@witchmuseum) recht zeitgemäß auftritt. Und doch wäre aus der Sammlung rund um Zauberei und Okkultismus fast nichts geworden, weil beim ersten Versuch der Gründung 1947 in Stratford-upon-Avon der Widerstand der Bürger der Shakespeare-Stadt zu groß war. So startete der zweite Versuch in der irischen See auf der Isle of Man, stilecht mit einer „Resident Witch“. Weil dem Gründer Cecil Williamson da zu wenig los war, zog er – nach drei von Anwohnern vereitelten Gründungsversuchen in den USA, Windsor und Gloucestershire – ins offenere Cornwall. Quelle: ZB

Zu den wenigen Ausnahmen zählt Deutschland – unterm Strich sinken hierzulande die Besucherzahlen. Trotz Leuchtturmprojekten wie der Berliner Museumsinsel kommen die deutschen Museen auf knapp 48 Besucher pro Tag. In Großbritannien sind es fast viermal so viele, und chinesische Einrichtungen schaffen fast die zehnfache Zahl. „Vielen Häusern droht ein Sterben auf Raten“, fürchtet Eckart Köhne, Präsident des Deutschen Museumsbundes und im Hauptberuf Chef des Badischen Landesmuseums Karlsruhe.

Museen brauchen modernes Marketing

An Rezepten, aus drögen Kulturtempeln aktive Mitspieler und Impulsgeber in ihren Kommunen zu machen, mangelt es nicht. „Erfolgreiche Museen orientieren sich weniger an traditionellen Kulturbetrieben als an Attraktionen wie Freizeitparks mit Faktoren wie Kundenerlebnis, effizienten Abläufen und modernem Marketing“, sagt Linda Cheu, Museumsspezialistin der US-Beratung Aecom.

Im Klartext heißt das: mehr Geschäfte abseits des Ticketverkaufs von Gastronomie bis zu Shops mit Bezug zu den Ausstellungen; dazu mehr private Sponsoren, stärkere Einbindung in der Heimatstadt und Kooperationen mit anderen Museen. Bei Vorreitern wie der Londoner Tate Gallery stammen bis zu drei Viertel der Umsätze aus diesen Feldern.

Die Museumsgeheimtipps der Wiwo-Korrespondenten

Zumal die einstigen Nebengeschäfte wiederum mehr Kunden in die Museen locken. „Wir haben fast doppelt so viel Publikum wie die großen Sportligen und Freizeitparks wie Disneyland zusammen“, freut sich etwa Kaywin Feldman, Chairman des US-Museumsverbundes AAM, über die jährlich 850 Millionen Besucher bei seinen Mitgliedshäusern.

Aber auch anderswo weisen die Indikatoren nach oben. Die Zahl der Museen hat sich binnen 20 Jahren von 23.000 auf gut 55.000 mehr als verdoppelt, schätzt der Museums-Weltverband ICOM. Weltweit lockten diese über zwei Milliarden Besucher, ein Drittel mehr als im Jahr 2000.

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