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Urlaub „Dieses Jahr wird es unmöglich sein, Geld in der Reisebranche zu verdienen“

Urlaub mit Abstand? Die Urlaubsansprüche haben sich geändert. Quelle: dpa

Ab sofort sind Reisen ins EU-Ausland wieder größtenteils möglich. Doch die Urlaubsansprüche haben sich geändert. Trivago-Chef Axel Hefer verrät, worauf es den Deutschen ankommt und wieso nur wenige ins Ausland wollen.

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Urlaub im Inland ist in Deutschland wieder erlaubt. Kommende Woche will die Bundesregierung sogar die Reisewarnungen für 31 EU-Staaten aufheben. Für die Tourismusbranche sind diese Schritte überlebenswichtig, allerdings ist die Krise im Gastgewerbe damit nicht überstanden: Neben Sonderregeln wie der Maskenpflicht und besonderen Hygieneregeln dürfen etwa Hotels nicht alle Betten belegen. Noch ist unsicher, ob sich die Öffnung für sie mit weniger Gästen überhaupt lohnt. Trivago vergleicht die Preise von über einer Million Hotels, Hostels und Bed-and-Breakfasts weltweit. Im Interview spricht Geschäftsführer Axel Hefer über die neue Realität in der Reisebranche und erklärt, warum es Jahre dauern könnte, bis der Tourismus wieder richtig anläuft.

WirtschaftsWoche: 2020 wird kein Reisejahr. Während des Lockdowns war Urlaub verboten, Hotels hatten geschlossen. Jetzt werden die Beschränkungen stetig gelockert. Wie läuft es zur Zeit bei Trivago?
Axel Hefer: Als Ende März alle Länder im Lockdown waren, ist unser Umsatz um 95 Prozent eingebrochen. Schließlich durfte niemand mehr reisen und das war auch richtig so. Seitdem man in einzelnen Ländern wieder reisen darf, sehen wir aber eine leichte Erholung im Tourismus – vor allem dort, wo die Regierung einen klaren Fahrplan vorgibt. Sobald klar ist, wann man wieder reisen kann, fangen die ersten Leute an, nach Urlaubszielen zu suchen. Trotzdem rechnen wir dieses Jahr mit einem Umsatzeinbruch von über 50 Prozent.

Tourismus ist innerhalb Deutschlands zwar wieder erlaubt, aber das Virus grassiert weiterhin. Haben die Leute denn wieder Lust zu reisen?
Momentan ist die Nachfrage noch sehr niedrig. Wegen der Pandemie gibt es ganze Bevölkerungsgruppen, für die Reisen gerade nicht in Frage kommt. Besonders ältere Menschen sind sehr verunsichert. Jüngere Leute fühlen sich hingegen sicherer und wollen deshalb auch eher verreisen. Es kommt aber auch auf das Reiseziel an: Während Städtereisen eher zögerlich gebucht werden, sind Reisen in die Natur sehr gefragt. Insgesamt wird aktuell wesentlich weniger als im Vorjahr gereist, aber bei einigen Zielen für Natururlaube liegen wir bereits deutlich über Vorjahresniveau, weil die Leute raus aus den Ballungsräumen wollen. Die Top-Ziele sind aktuell die Küste, also Nord- und Ostsee und die Alpen.

Hat sich neben der Ortswahl auch etwas am grundsätzlichen Reiseverhalten geändert?
Wir beobachten, dass den Leuten Unabhängigkeit und Kontrolle sehr wichtig geworden sind. Sie verreisen zum Beispiel mit dem eigenen Auto und fahren auch erstmal in eine gewohnte Umgebung, damit sie schnell nach Hause kommen, wenn sich die Situation plötzlich verschlechtern sollte. Außerdem werden zur Zeit Appartements gegenüber Hotels bevorzugt. Was es aktuell praktisch gar nicht gibt, sind Geschäftsreisen. Das liegt daran, dass digitale Lösungen gut funktionieren, aber auch an der schlechten Wirtschaftslage. Deshalb wird sich das auch nicht so schnell ändern.

Hotels dürfen nur unter bestimmten Hygiene- und Sicherheitsauflagen wieder öffnen, zudem suchen Urlauber ähnliche Ziele aus. Gibt es überhaupt genügend Platz für alle, die gerade nach einer Unterkunft suchen?
Für die Urlaubssaison ist die Auslastung schon relativ hoch, weil die Hotels nicht alle Betten belegen dürfen. Das könnte in der Tat ein Problem werden. Dass die Bundesregierung die Reisewarnung für EU-Staaten aufhebt, wird sicherlich dazu beitragen, dass alle, die möchten, auch Urlaub machen können. Für viele kommt eine Auslandsreise aktuell aber nicht in Frage. Ob es in Deutschland letztendlich wirklich zu wenig Platz gibt, hängt davon ab, wie sicher sich die Leute fühlen und wie stark die Kapazitäten der Hotels eingeschränkt werden.

Mehr Ballung, aber weniger Betten – werden Übernachtungen jetzt teurer?
Bisher sind die Preise stabil geblieben. Aber es ist für Hoteliers nicht einfach, ihr Geschäft mit weniger Gästen zu betreiben. Genauer gesagt ist noch gar nicht klar, ob Hotels bei den geringen Auslastungen, die möglich sind, überhaupt profitabel betrieben werden können. Wenn die Nachfrage steigt, könnten Übernachtungen deshalb teurer werden – je nachdem, wie die Gesundheitslage sich entwickelt. Denn was Reisende zurückhält, ist nicht das Budget, sondern das Gefühl, dass Wegfahren vielleicht nicht sicher ist. Nächstes Jahr wird sich das ändern: Wenn die Folgen der Rezession spürbar werden, wird der Preis für viele Reisende relevanter.

Der Lockdown hat die Tourismusbranche bereits hart getroffen, nun belasten die Kontingentsbegrenzungen ihre Erholung. Rechnen Sie mit einer Pleitewelle?
Die Liquiditätsprogramme scheinen das Überleben der meisten Hotels vorerst gesichert zu haben. Wem die finanziellen Mittel langfristig ausreichen, wird sich aber erst in den kommenden Monaten zeigen. Denn jeder touristische Betrieb, der öffnet, aber nur einen kleinen Teil der üblichen Kunden hat, macht Verlust. Das ist eine große Herausforderung für die Politik: Sie muss einen Weg finden, den Betrieben mehr Kapazitäten einzuräumen und die Verluste zu schultern.

An der Tourismusbranche hängen sieben Prozent der Jobs in Deutschland. Was ist nötig, um sie langfristig wieder aufzubauen?
Das wichtigste ist natürlich, dass sich die gesamte Gesundheitssituation verbessert. Bis es einen Impfstoff gibt, wird es immer Leute geben, die nicht reisen wollen. In den nächsten Jahren wird die Nachfrage auf jeden Fall geringer sein, allein wegen der Wirtschaftskrise. Bis der Tourismus wieder auf altem Niveau ist, können Jahre vergehen. Es ist sinnvoll, jetzt sicheren Urlaub zu ermöglichen, allerdings sollten dabei nur Maßnahmen getroffen werden, die schnell wieder rückgängig gemacht werden können. Denn das schlimmste für alle wäre aber ein zweiter Lockdown. Außerdem müssen die Regelungen in den verschiedenen EU-Staaten angeglichen werden: Wenn jedes Land seine eigenen Konzepte verfolgt, verunsichert das Reisende. Wenn man gerne ins Ausland reisen möchte, muss man wissen, was genau einen dort erwartet.

Wie wird sich die Reisebranche nach Corona verändern?
Wir glauben, dass lokale Reisen immer attraktiver gegenüber Fernreisen werden. Die aktuelle Situation beflügelt diese Entwicklung, aber langfristig wird auch der Trend zu mehr Nachhaltigkeit für eine höhere Nachfrage sorgen. Es könnte auch sein, dass wieder bewusster gereist wird. In den letzten Jahren konnte man jederzeit überall hinreisen, das ist jetzt nichtmehr so. Vielleicht verreisen die Leute in Zukunft seltener aber dafür länger.

Wie geht es für Trivago weiter?
Dieses Jahr wird es unmöglich sein, Geld in der Reisebranche zu verdienen. Deshalb bereiten wir uns seit März auf die neue Realität in der Reisebranche vor. Wir wollen uns jetzt darauf konzentrieren, diejenigen zu unterstützen, die reisen wollen, statt möglichst viele Kunden zu werben. Denn diese ersten Reisen sind extrem wichtig, um das Vertrauen der Urlauber zurückzugewinnen. Wir wollen sie Schritt für Schritt dabei begleiten, indem wir ihnen zum Beispiel alle wichtigen Informationen zu Gesundheitslage oder Stornierung bereitstellen. Nächstes Jahr können wir uns dann wieder darauf konzentrieren, Gewinne einzufahren.

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