Werner knallhart: Die Kritik der Apotheken an Günther Jauch zeigt, wie schlimm es um Deutschland steht
Günther Jauch macht Werbung für Shop Apotheke.
Foto: imago imagesStellen Sie sich vor, Volkswagen würde einen deutschen Prominenten dafür kritisieren, dass er Werbung für preiswerte französische Elektroautos macht: „Wenn Sie Ihr Gesicht dafür hingeben, ausländische Konkurrenten zu unterstützen, tragen Sie Verantwortung dafür, dass die überforderte deutsche Automobilbranche weiter zurückfällt. Sie sollten lieber den guten deutschen Diesel bewerben, so lange es geht.“
Natürlich lächerlich. Man würde sich in Wolfsburg schämen.
Die Apotheken-Branche hat da eine andere Haltung zur eigenen Angst vor der innovativen Konkurrenz. Die Pharmazeutische Zeitung hat jüngst zufrieden beschrieben, wie die Medien die Kritik einzelner Apotheker an Günther Jauchs Engagement für die aus den Niederlanden betriebene Shop Apotheke aufgegriffen haben: „Klar ist, dass TV-Moderator Günther Jauch wegen seiner Reklame für Shop Apotheke zumindest bei den Apothekerinnen und Apothekern zur Persona non grata geworden ist.“
Was hat der Mann denn verbrochen? Also: In Werbespots erklärt er uns deutschen Digital-Skeptikern, wie super praktisch es dank des E-Rezeptes nun ist, online verschreibungspflichtige Medikamente zu kaufen.
- Sie öffnen die App der Online-Apotheke
- Sie halten die Krankenkassenkarte ans Handy
- Sie lassen sich die vom Arzt verschriebenen Medikamente nach Hause liefern. Fertig.
Wenn es um regelmäßig verschriebene Medizin geht, müssen wir als Patienten noch nicht einmal unbedingt in die Arztpraxis tapern. Ein Anruf beim Arzt genügt, der hinterlegt das Rezept im Patienten-Konto von seinem Computer aus, Sekunden später können Sie von zuhause aus per Handy das Präparat bestellen. Und wer verschreibungspflichtige Medikamente online ordert (noch machen die nur einen Bruchteil des Online-Umsatzes aus, wenn auch einen stark wachsenden), der bestellt auch Freiverkäufliches eben noch mit: von Ibu über Nahrungsergänzung bis Kosmetik.
Dass die althergebrachte Konkurrenz da zittert, ist klar. So zitiert die Pharmazeutische Zeitung zwei aus ihrer Zielgruppe: „Günther Jauch sollte wissen, dass das mancher Kleinstadt den Todesstoß versetzt.“ Und: „Persönliches Dankeschön auch an Sie, Herr Jauch, dass Sie das Apothekensterben so aktiv unterstützen.“
Die Apotheken vor Ort setzen auf Menschlichkeit. Die Nähe zu ihren Kunden. Und das ist unbenommen ein großes Plus der stationären Apotheken. Deshalb gehen einige auch gerne mal ins Kino, statt immer nur Netflix zu gucken, gehen in der Kneipe um die Ecke einen trinken, statt immer nur das Feierabendbier aus dem Kühlschrank daheim zu trinken.
Wir sind eben soziale Wesen.
Doch mit dem Argument, dass nur in der Apotheke vor Ort gut beraten werden kann, wird es schon dünne. Natürlich kann auch das sehr bald zu einem großen Anteil wunderbar von KI übernommen werden. Als erstes bei Standard-Fragen.
Gerade gestern habe ich für ein Familienmitglied eine Wundsalbe in einer Apotheke besorgen wollen. Das einzige, was wir noch wussten (der Notizzettel lag leider zu Hause): Es sollte die Wundränder für eine erfolgreiche Heilung feucht halten und der erste Buchstabe war ein P.
Am Ende hatten wir uns für eine Salbe breitschlagen lassen, die die Apothekerin aus dem Kopf kannte und vorrätig hatte. Dieses Präparat war laut Beipackzettel allerdings nicht sonderlich gut geeignet. Dann habe ich mit den selben Informationen ChatGPT gefüttert. Und der Name vom Notizzettel erschien als erstes. Dieses Medikament war in der besagten Apotheke allerdings nicht vorrätig. Ich habe es dann online bestellt. So muss ich nicht ein weiteres Mal hin.
Und vergessen wir nicht: Die immer als mit dem Digitalen überfordert angeführten Senioren, die deshalb das persönliche Beratungsgespräch in der Apotheke benötigen, werden seltener. Wer im Jahr 2030 siebzig Jahre alt sein wird, war bei Einführung des iPhones 47 Jahre alt. Auch die Älteren sind mittlerweile mit digitalen Angeboten vertraut.
Letztendlich hat die Branche der Apotheker in Deutschland ein Nachwuchs- und damit Fachkräfteproblem. Und letztendlich hält sie mit dem effizient zu betreibenden Online-Handel einen Baustein zur Überwindung des Fachkräftemangels in Händen. Weil eine breite Versorgung mit Medikamenten so auch mit weniger Fachleuten funktioniert. Wir wären doch dankbar, wenn das fehlende Personal in allen anderen Branchen so gut zu kompensieren wäre.
Bleibt das Problem mit dem Apotheken-Sterben auf dem Lande. Die Apotheker kritisieren mit diesem Argument den Online-Handel, der ihnen im großen Stil das Wasser abgräbt. Und macht uns Kunden damit Angst. Aber es kann nicht die Aufgabe der Konkurrenz und der Kunden sein, innovative Konzepte zu verschmähen, die in den allermeisten Fällen mehr Komfort bieten und Geld sparen, um der Branche über die Runden zu helfen.
Wir rennen nicht in Bankfilialen, um die Jobs in Banken zu fördern, wenn es Online-Banking gibt.
Wir verschicken nicht mehr Briefe, um die Post glücklich zu machen.
Wir tragen auch keine Kleidung, in der wir uns hässlich finden, um Karstadt und Esprit zu retten.
Innovation aus Holland muss eben durch Innovation aus Deutschland getoppt werden. Los! Es gibt ja einige Apotheker, die sich der Zukunft stellen. Und die neben ihrem stationären Angebot auch Online-Handel anbieten. Wie Christian Kraus mit seiner Apotheke am Markt in Pforzheim, dessen „E-Rezept APP“ allein im Appstore von Apple bei gut 360 Bewertungen auf 4,5 von fünf Sternen kommt und der bundesweit liefert.
Das sind noch nicht die über 235.000 Bewertungen von Jauchs Shop Apotheke. Aber weit weg von deren 4,8 ist er nicht.
Es sind nicht die mit den guten Ideen, die der Branche schaden. Sondern die ohne gute Ideen. Die Apotheker sind die Profis. Wer, wenn nicht die, werden die guten Idee haben, die ihre Branche mit cleveren Vertriebsmodellen online und vor Ort zukunftsfit machen.
Wir haben hier in Deutschland Innovation lange genug ausgebremst. Gucken Sie mal, wo wir heute stehen.
Apotheken könnten doch die Speerspitze der deutschen Wandlungsfähigkeit werden.
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