Werner knallhart
An einer Anlaufstelle der Deutschen Bahn im Hauptbahnhof erhalten ukrainische Flüchtlinge kostenlose Bahntickets Quelle: dpa

Ukraine-Flüchtlinge: Wie die Deutsche Bahn über ihren Schatten springt

Am Berliner Hauptbahnhof zeigt sich dieser Tage: Die Deutsche Bahn wirft mutig jeden Tag ein paar mehr Regeln über Bord, um Ukrainern schnell zu helfen. Wenn Nächstenliebe die Angst vor Dienstvorschriften schlägt.

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Damit Sie mal wissen, was da in Berlin zurzeit los ist. Bei der Ankunft der ukrainischen Flüchtlinge (überwiegend Frauen und Kinder) am Hauptbahnhof Berlin läuft es so:

Der Zug fährt ein und dutzende Freiwillige in gelben Westen (sprechen meist Deutsch und Englisch) und orangefarbenen Westen (sprechen meist Russisch und Ukrainisch) positionieren sich an den Türen des meist aus Polen oder Tschechien stammenden Zuges.

Wenn die Türen aufgehen, tut sich meist für mehrere Sekunden nichts, weil die Passagiere direkt an den Türen erst einmal ihre Taschen, Koffer und Plastiktüten und vor allem ihre Kinder, Hunde, Katzen und Meerschweinchen zusammenraffen müssen, kurz gesagt: alles, was ihnen im Leben geblieben ist.

Dann stolpern Hunderte in die fremde Welt (wenn es gut für sie läuft, nur eine vorübergehende). Unter dem riesigen Hallendach.

Noch beim Verlassen des Bahnsteigs, was zügig passieren sollte, werden die ersten Ankömmlinge schon durch die Gelb- und Orangewesten gebrieft:

1. Wer in Berlin bleiben möchte (wovon die ehrenamtlichen Koordinierenden wegen des zumindest teilweise niedrigen Standards der Unterkünfte abraten und das Land Berlin ebenfalls, weil es nicht ein und aus weiß), muss mit Sack und Pack vor den Bahnhof auf den Washingtonplatz weiter, wo erst Mitte vergangener Woche ein großes, weißes Ankunftszelt aufgebaut worden ist. Von dort geht es nach einer Stärkung mit Essen und Getränken (wenn die Verpflegung nicht plötzlich aus ist) mit Bussen des Nahverkehrs irgendwohin in Berlin weiter – zumindest für eine Nacht.

2. Wer in ein anderes europäisches Land weiter möchte, etwa nach Frankreich, muss sich unterhalb von Gleis 13 und 14 im Reisezentrum für eine kostenlose internationale Fahrkarte anstellen. Wenn dann innerhalb einer Stunde fünf Züge aus Osteuropa ankommen, wird es für die Ukrainer auf der Zwischenebene eng und die breite Schlange von Gruppen aus oftmals drei Familiengenerationen und deren Gepäck schlängelt sich weit. Wer nach 21 Uhr an die Tür des Reisezentrums tritt, hat oft Pech. Es schließt offiziell um diese Uhrzeit. Dann steht eine Nacht in einer Notunterkunft in Berlin an. Oder die Menschen reisen innerhalb Deutschlands weiter. Denn dafür gibt es noch Tickets.

3. Wer also innerhalb Deutschlands weiter möchte, muss über mehrere Geschosse runter an Gleis 1 vor McDonald’s. Dort hat die Deutsche Bahn improvisiert und Tresen aufgestellt, über denen Wimpel mit der Aufschrift „Information“ und „Kurzinfo“ emporragen, was aber untertrieben ist, denn hier werden die kostenlosen nationalen Tickets ausgegeben.

Und wer dachte, die deutschen Institutionen haben in der Pandemie die Grenze dessen erreicht, was an Improvisation in dieser Gesellschaft möglich ist, der erlebt dort ein neues Level an deutschem Beide-Augen-Zudrücken.

„Glauben Sie, ich bin so irre, und kontrolliere noch die Tickets?“

Dort werden Tickets ausgegeben fast wie selbst gemalte Einladungskarten für Kindergeburtstage. Zwar auf dem mit Prägedruck versehenen originalen DB-Ticketpapier mit dem Hinweis „help ukraine“ (damit nicht jeder Berufspendler dieses Ticket nutzen kann), aber sympathisch wild mit Kugelschreibern ausgefüllt. Vorgedruckte Tickets Berlin-Basel etwa wurden vergangene Woche vor meinen Augen reihenweise durchgekritzelt und zu Köln-Tickets umgemünzt. Mit dem Kulli. Dass dies theoretisch jeder und jede machen könnte, spielt keine Rolle. Denn auf mein Nachfragen im Zug, wie das Personal denn auf solch munter umgeschriebene Tickets reagiere, sagte mir der Zugchef: „Glauben Sie, ich bin so irre, und kontrolliere noch die Tickets? Der ukrainische Pass reicht.“

Am Berliner Hauptbahnhof sind derzeit Improvisationskünste gefragt. Quelle: Privat

Wobei mir wiederum ein DB-Mann der Führungsebene fast wortwörtlich zugegeben hat: „Die Menschen legen uns laminierte blaugelbe Dokumente vor, von denen wir gar nicht sagen können, ob das Ausweise sind oder irgendwelche Sporturkunden. Aber egal, was sollen wir machen?“

Es ist erleichternd zu sehen, wie in der Not des Krieges der Kokon der Angst aufplatzt, von dem einige Mitarbeitende an Bord und in den DB-Lounges immer wieder berichten: „Wenn ich beim Fünfe gerade sein Lassen erwischt werde, bin ich meinen Job los.“

Und ein bisschen schimmert die Angst vor Fehlern immer noch durch, etwa wenn am Schalter diskutiert wird, ob die Flüchtlingsfamilien ein Ticket für ihren Hund benötigen („Wie groß ist der denn?“) und wenn an einem Tickettisch immer noch alle Mitfahrenden ihre ukrainischen Pässe vorzeigen müssen, bevor sie das „Billett“ (russisch für Fahrkarte, das verstehen alle) bekommen, während am Tisch nebenan kein Mensch mehr nach den Ausweisen fragt – was sehr hilfreich ist. Denn:

a. Welche Kriegsflüchtlingsfamilie lässt einen deutschen Reisenden unberechtigt auf der Fahrkarte mitreisen?

b. Die Pässe werden im Zug kontrolliert.

c. Der Anschlusszug fährt gleich ab! Und viele Reisegruppen schicken den am wenigsten Erschöpften an den Schalter vor, während sie hunderte Meter weiter hinten/oben auf das Gepäck und die Kinder aufpassen (mit ihren Pässen in der Tasche).

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