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Wertstofftonne statt Gelber Sack Neue Mülltonne soll das Chaos beenden

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Lobby-Wettstreit zwischen Kommunen und Müllbranche

Allerdings haben einige Verbraucher das eh nie anders gemacht. Und rund 12 Millionen Deutsche kennen die Wertstofftonne bereits, ergab eine Auswertung des Osnabrücker Sachverständigenbüros Cyclos. In Hamburg, Berlin oder Bielefeld haben die Städte diese Tonnen bereits vor einigen Jahren eingeführt. Zwischen vier und sieben Kilogramm mehr Wertstoffe pro Person kamen so innerhalb eines Jahres zusammen.

Für die Kommunen allerdings ist das keine gute Nachricht: Denn jedes zusätzliche Gramm Müll, das in Zukunft in der Wertstofftonne statt im Restmüll landet, entzieht sich ihrer Zuständigkeit. Denn die Städte sind zwar für die Sammlung des Restmülls und auch der Bioabfälle zuständig. Doch um die Wertstoffe kümmern sich die privaten Unternehmen, in deren Hand auch etwa 90 Prozent der Recyclinganlagen stehen. Der Großteil der Verbrennungsanlagen für Müll wiederum gehört den städtischen Unternehmen.

Was mit unserem Müll passiert
Insgesamt betrug das Abfallaufkommen im letzten Jahr in Deutschland rund 343 Millionen Tonnen, 36,7 Millionen Tonnen davon waren Hausabfälle. Das entspricht also 456 Kilogramm Müll pro Einwohner. Seit dem Jahr 2002 ist das Abfallaufkommen zwar leicht gesunken, jedoch wird laut Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit immer noch zu viel Abfall erzeugt. Immerhin: 14 Prozent der Rohstoffe, die die deutsche Wirtschaft einsetzt, werden mittlerweile aus Abfällen gewonnen; entsprechend werden der Abbau von Rohstoffen und die damit verbundenen Umweltbelastungen reduziert. Quelle: dpa
Grund ist die am 8. Mai 1991 beschlossene Verpackungsverordnung, die den Grundstein für die Mülltrennung in Deutschland legte. Von den 456 Kilogramm Müll pro Nase und Jahr sind 164 Kilogramm Restmüll, 113 Kilo Biomüll, und 148 Kilogramm getrennte Wertstoffe, also Papier und Pappe (72 Kilogramm), Glas (24 Kilogramm) und Holz (14 Kilogramm). Pro Einwohner fielen zusätzlich rund 30 Kilogramm Sperrmüll an. Quelle: Statista Quelle: dpa
Die Mülltrennung nutzt aber nicht nur der Umwelt und liefert billige Rohstoffe, sie schafft auch Arbeitsplätze: Fast 200.000 Beschäftigte arbeiten in rund 3.000 Abfallentsorgungs- oder Verarbeitungsbetrieben. Sie machen einen Umsatz von rund 40 Milliarden Euro jährlich. Quelle: dpa
Anders als in vielen anderen Ländern landen unsere Abfälle eher selten auf Deponien zum Verrotten. Zuvor müssen sie in irgendeiner Art und Weise verwertet werden. Hausmülldeponien beispielsweise dürfen seit Mitte 2005 nur noch vorbehandelte Abfälle aufnehmen, bei denen organische Bestandteile nahezu völlig entfernt sind. Anders sieht es beispielsweise in Bulgarien, Rumänien, Griechenland oder Polen aus, wo mehr als 70 Prozent der Abfälle auf Deponien landen. Quelle: dpa
Ein großer Teil der Abfälle in Deutschland, nämlich 35 Prozent, werden deshalb in Müllverbrennungsanlagen verbrannt. Die Überreste landen dann auf der Deponie. Die Energie, die bei der Verbrennung entsteht, wird vielfach zur Erzeugung von Strom oder zum Heizen verwendet. Wir heizen also mit unserem Müll. Quelle: ZB
Immerhin 18 Prozent unserer Abfälle kompostieren wir. Quelle: dpa
47 Prozent der kommunalen Abfälle werden recycelt - damit ist Deutschland der Wiederverwertungskönig innerhalb der 28 EU-Staaten. In keinem anderen Land wird ein so großer Anteil der kommunalen Abfälle noch einmal verwendet. Quelle: AP

Und die müssen dafür sorgen, dass ihre Anlagen auch mit genügend Müll gefüllt werden. „Die Müllverbrennungsanlagen der kommunalen Unternehmen sind überwiegend ausgelastet, das ist kein Argument“, erklärt jedoch Katherina Reiche, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), zu dem auch 430 Entsorgungsunternehmen der Städte zählen.

Beide Parteien streiten sich nun darum, wer die Mülltonnen abholen darf. Nach dem Eckpunktepapier der Koalition bleibt diese Aufgabe erst mal bei der privaten Abfallwirtschaft. Die Städte allerdings werden mit neuen Einflussmöglichkeiten dafür entschädigt, dass ihnen ein Anteil ihrer Müllmenge nun entgeht. Sie sollen in Zukunft über die Art entscheiden können, ob in einer Stadt mit Tonnen oder Säcken die Wertstoffe gesammelt werden und auch, wie oft der gesammelte Müll abgeholt werden soll. Bei der gelben Tonne treffen diese Entscheidungen noch die Dualen Systeme, die auch die Kosten dafür zahlen müssen.

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    So viel Müll macht unser Einkauf

    Städte wollen mehr Einfluss

    Doch den Städten geht das noch nicht weit genug, sie fordern mehr Einfluss: „Die kommunalen Unternehmen haben ihre Kompetenz in der Sammlung und Erfassung der Wertstoffe, weshalb wir auch dafür zuständig sein sollten. Die Expertise der privatwirtschaftlichen Unternehmen liegt im Recycling und in der Sortierung", sagt Reiche vom VKU. BDE-Präsident Peter Kurth entgegnet: „Die Sammlung und Verwertung des Mülls muss in der Hand der Privatwirtschaft bleiben, weil eine wettbewerbliche Lösung letztlich die kostengünstigste und bürgerfreundlichste ist."

    Der Ruf der Abfallwirtschaft allerdings hat gelitten, seit im vergangenen Jahr das Duale System wegen der Schummelei der lizenzpflichtigen Unternehmen beinahe zusammengebrochen wäre. So fordert die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg, dass der Wertstoffkreislauf wieder ganz in die Verantwortung der Kommunen gestellt wird - und damit nach über zwanzig Jahren des Modells der Dualen Systeme wieder verstaatlicht wird.

    Immerhin stärkt das neue Gesetz die Finanzierungsstruktur der Dualen Systeme: Denn in Zukunft sollen die Händler und Produzenten nicht nur Verpackungen, sondern eben auch Kleiderbügel, Plastikeimer oder Barbie-Puppen lizensieren müssen. Dadurch fließen neue Einnahmen ins System, der Umsatz der Dualen Systeme dürfte damit ordentlich steigen.

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