Alfred Stern: OMV-Chef: „Deutschland könnte eigene Gasquellen erschließen“
Alfred Stern ist seit September 2021 Vorstandsvorsitzender der OMV.
Foto: REUTERSDer Chef von Österreichs größtem Energiekonzern OMV, Alfred Stern, rät Deutschland, wieder eigenes Gas zu fördern. „Der Gaspreis wird primär durch Angebot und Nachfrage bestimmt“, sagt Stern im Interview mit der WirtschaftsWoche. „Die einzige Möglichkeit, den Preis zu senken, ist ein höheres Angebot. Also müssen wir jede neue Gasquelle prüfen. (…) Auch Deutschland könnte wieder eigene Quellen erschließen.“
Stern sagte, Europa werde bis 2050 Nettoimporteur bleiben. Also müsse man nicht nur kurzfristig Ersatz schaffen. „Energie ist inzwischen ein emotionales Thema“, so der OMV-Chef. „Wir müssen aber weg von Extrempositionen – und auf den Boden der Realität.“ OMV setzt dabei verstärkt auf die eigene Produktion in Europa.
Stern verwies auf das „Neptun Deep“-Projekt der Tochter OMV Petrom im Schwarzen Meer, wo die Österreicher mit dem rumänischen Erdgasproduzenten Romgaz 4 Milliarden Euro investieren. Das größte Gasentwicklungsprojekt der EU soll ab 2027 100 Milliarden Kubikmeter liefern. Darüber hinaus baut OMV die LNG-Kapazitäten weiter aus.
OMV, das mit 23.000 Mitarbeitern pro Jahr 34 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet, hatte sich erst zum Jahreswechsel vom russischen Gas gelöst – nach einem Rechtsstreit mit Gazprom, im Zuge dessen der russische Konzern 230 Millionen Schadensersatz zahlen musste. OMV musste 2,5 Milliarden Euro auf Darlehen für Nord Stream II und Anteile an dem in Westsibirien liegenden Erdgasfeld Juschno Russkoje abschreiben. „Das war viel Geld, dafür sind wir nun besser aufgestellt“, sagte Stern. „Russland ist nicht mehr der Partner, der es 60 Jahre lang war. Wir haben dadurch gelernt, dass wir uns nie wieder einseitig von einem Lieferanten abhängig machen dürfen.“
Ein Wachstumsfeld von OMV ist die Chemiesparte. Derzeit plant der Konzern gemeinsam mit dem arabischen Ölkonzern Adnoc – der auch Großaktionär des österreichischen Energieversorgers ist –, die Kunststofftöchter Borealis und Borouge zusammenzulegen. Im Zuge dessen erwägt man, den kanadischen Kunststoffproduzenten Nova Chemicals zu kaufen. „Diese potentielle Kombination würde ein global führendes Unternehmen für Polyolefine bilden“, so Stern.
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