Strom- und Gaspreise „Die Energiewende gibt es nicht zum Billigstromtarif“

Quelle: imago images

Das Geschäftsmodell von Energiediscountern gerät ins Wanken. Ausbaden müssen das häufig die Grundversorger. Düsseldorfs Stadtwerke-Vorstand Manfred Abrahams fordert deshalb stärkere Regulierung – auch mit Blick auf den Klimaschutz.

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Seit Monaten eilen die Preise am Strom- und Gasmarkt von Rekordhoch zu Rekordhoch – eine Entwicklung, die sich durch die militärischen Angriffe Russlands auf die Ukraine derzeit noch verschärft. Zur Folge hatte das zuletzt auch eine Welle von Versorgungsstopps unter den Stromdiscountern. Die wiederum bescherte vielen Grundversorgern über Nacht Tausende Neukunden, mit denen sie vorher niemals hätten kalkulieren können – so auch den Stadtwerken Düsseldorf. Man habe Ende 2021 knapp 8000 Kunden auf einen Schlag übernehmen müssen, sagt Manfred Abrahams, Vertriebsvorstand der Stadtwerke Düsseldorf. „Um sie alle mit Energie zu versorgen, mussten wir in einen sehr volatilen Markt einsteigen, an dem die Preise gerade sehr aufgeheizt waren“. Ein Verlustgeschäft für das Unternehmen: „Das ist dann eben ein Einkaufspreis, den Sie über den Tarif, den Sie in Rechnung stellen, nicht refinanzieren können.“

Warum sich die Stadtwerke Düsseldorf dennoch gegen einen Zweittarif für Neukunden entschieden haben und weshalb er das Geschäftsmodell der Billigstromanbieter nicht nur für „ruinös“ hält, sondern auch für eine Gefahr für die Klimawende, erläutert Manfred Abrahams im Interview.

WirtschaftsWoche: Herr Abrahams, nach dem Lieferstopp des Billigstromanbieters Stromio mussten die Düsseldorfer Stadtwerke im Dezember plötzlich Tausende Neukunden auf einen Schlag versorgen. Inwiefern hat das für Sie ein großes Problem bedeutet?
Manfred Abrahams: Insgesamt waren es knapp 8000 neue Kundinnen und Kunden, die Ende 2021 von Stromio und Gas.de zu uns gekommen sind. Wir haben sie entsprechend unseres Auftrags in die Ersatzversorgung aufgenommen. Die Situation war aber eine große Herausforderung für uns. Mit so vielen Neukunden auf einen Schlag haben wir nicht gerechnet. Um sie alle mit Energie zu versorgen, mussten wir in einen sehr volatilen Markt einsteigen, an dem die Preise gerade sehr aufgeheizt waren – was nicht unserer Beschaffungsstrategie als Grundversorger entspricht. Normalerweise beschaffen wir Strom und Gas für unsere Privatkunden auf lange Sicht – mehr als zwölf Monate im Voraus.

Hunderte Stadtwerke haben sich deshalb dazu entscheiden, einen zweiten Grundversorgungstarif für Neukunden einzuführen. Ein Weg, den Verbraucherschützer juristisch anfechten wollen. Sie haben von vornherein anders agiert. Warum?
Auch wir haben anfangs darüber diskutiert, ob wir für die neuen Kundinnen und Kunden einen zweiten, teureren Tarif einführen. Es war aber abzusehen, dass unter anderem Verbraucherschützer dann Unterlassungen begehren würden. Deswegen und auch aus Gründen der Reputation haben wir uns dagegen entschieden. Denn unser Ziel ist es, auch die ersatzversorgten Kundinnen und Kunden zufriedenzustellen und langfristig für uns zu gewinnen.

Sie schließen jedoch nicht komplett aus, dass Sie doch noch einen Zweittarif einführen?
Das ist nicht unsere Absicht – auch wenn es sich angesichts des volatilen Marktes nicht gänzlich ausschließen lässt. Wir müssen künftig aber natürlich abwägen, was wir wirtschaftlich für das Unternehmen verantworten können. Wir werden beobachten müssen, ob die Tarife auskömmlich sind.

Manfred Abrahams Quelle: Presse

Im Moment ist das aber noch nicht der Fall, oder? Zumindest haben Sie selbst im Januar noch von einem Verlustgeschäft gesprochen.
Ja, im Moment belastet diese Entwicklung unser Ergebnis. Das ist auch nicht verwunderlich: Die Situation am Energiemarkt ist derzeit angespannter denn je. In der Vergangenheit gab es zwar auch immer wieder Bewegungen in den Märkten, aber es gab einen abzuschätzenden Korridor, in dem sich Gas- oder Strompreise entwickelt haben. Diesmal ist es anders. Auf einen Schlag sind die Preise massiv nach oben gegangen – sowohl für kurzfristige Einkäufe als auch an den Terminmärkten für die kommenden Jahre. Wir mussten im Dezember zu den aktuellen Konditionen am Markt einkaufen. Das ist dann eben ein Einkaufspreis, den Sie über den Grundversorgungstarif, den Sie in Rechnung stellen, nicht refinanzieren können. Aktuell beschaffen wir schon Mengen für 2023 und 2024. Und auch die kriegen Sie jetzt nun mal nicht mehr zu den Preisen von vor einem Jahr. Wir werden deshalb zwangsläufig auch unsere Preise anpassen müssen – vielleicht sogar noch 2022. Unsere Grundversorgungskunden werden aber in einem Tarif bleiben.

Ist das Geschäftsmodell der Billigstromanbieter das Problem, das am Ursprung von allem steht?
Zumindest ist das der Grund für die aktuell unglückliche Situation vieler Kundinnen und Kunden, die nun von den Grundversorgern aufgefangen werden. Denn das Geschäftsmodell der Billigstromanbieter besteht ja darin, Energie zeitnah günstig einzukaufen und dann diese Preise an die Verbraucher weiterzugeben. Wenn sie jetzt aber in einem Jahr drei Quartale haben, die normal verlaufen, und dann im vierten Quartal der Beschaffungspreis plötzlich so hochschießt, dass sie mit ihrem Budget nichts mehr beschaffen können – dann haben sie ein großes Problem. Es gibt gute Gründe, warum die Stadtwerke Düsseldorf und auch die Mehrzahl der anderen Anbieter so nicht haushalten.



Es gibt deshalb ja auch Forderungen, Billigstromanbieter stärker zu regulieren. Wie sehen Sie das?
Das wäre sinnvoll. Es ist richtig und wichtig, dass man keinen ruinösen Wettbewerb zulässt. Billiganbieter sollten stärker überwacht und kontrolliert werden. Wir diskutieren in Deutschland intensiv über Klimaschutz. Vielleicht sollte dazu auch gehören, dass wir mit fairen Preisen agieren – und zwar alle. Denn am Ende des Tages muss die Klimawende auch finanzierbar sein. Es gibt sie nicht zum Billigstromtarif. Die Düsseldorfer Stadtwerke etwa bieten nicht nur Strom und Gas zu Wettbewerbskonditionen an, sondern beispielsweise auch Fernwärme oder Wärmepumpenprodukte. So ein Wandel lässt sich eben nur über ein gesamtes Portfolio finanzieren – nicht, wenn ich es mir wie ein Discounter nur in einer Nische bequem mache.

Mehr zum Thema: Wladimir Putins Truppenentsendung und der Stopp von Nord Stream 2 haben die Gaspreise in die Höhe springen lassen. Was bedeutet das für Verbraucher und Unternehmen? Und wie wollen Berlin und Brüssel sie schützen?

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