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Bilanzskandal Möbelriese Steinhoff bittet Banken um Stillhalteabkommen

Seit Wochen verhandeln die kreditgebenden Banken mit dem ins Schwanken geratenen internationalen Konsumgüterkonzern Steinhoff. Jetzt bittet der Konzern seine Kreditgeber um Zeit.

Steinhoff bittet Banken um Stillhalteabkommen Quelle: Steinhoff International

Der in Schieflage geratene Konsumriese Steinhoff International strebt laut einer an die Börsen gerichteten Mitteilung vom Freitagnachmittag an, dass seine Schulden in Europa neu verhandelt werden und bittet die Banken um ein Stillhalteabkommen bis 30. Juni. Die Zinsen sollen weiterbezahlt werden.

Nachdem kurzfristige Liquiditätsprobleme gelöst seien, gehe es nun um die mittelfristige Perspektive. Betroffen von den neuen Arrangements sollen ausschließlich Bankschulden in Europa sein. Laut einer Präsentation des Konzerns vom Dezember betragen diese rund 4,5 Milliarden Euro. Sie werden zum Teil bereits 2018 fällig.

Als Hausbanken nannte Steinhoff im letzten veröffentlichten Geschäftsbericht die Commerzbank und die Standardbank of South Africa, dazu kämen noch Kreditfazilitäten mit vielen anderen Banken und Finanzinstituten weltweit. Nach Meldungen der Nachrichtenagentur Bloomberg haben internationale Banken, darunter auch Bank of America und Nomura, ihre Kredite an Steinhoff bereits in Höhe von rund einer Milliarde Euro abgeschrieben.

Nicht betroffen seien von dem angestrebten Stillhalteabkommen die Kreditgeber der US-Tochter Mattress Firm und der britischen Töchter Pepkor Europe und Poundland (Billigkaufhäuser), heißt es in der neuen Börsenmitteilung weiter. Auch Kredite an Südafrika, die französische Conforama und die österreichische Tochter Kia/Leiner seien außen vor.

Steinhoff hatte sich über Finanzierungsvehikel in einem unübersichtlichen Gesamtgeflecht den größten Teil seiner Darlehen in Europa besorgt, zum Teil auch in Dollar: Von mindestens 10, 7 Milliarden Euro Schulden sind inklusive aller Anleihen und Schuldscheindarlehen sieben Milliarden Euro in Europa gezeichnet. Einen Teil seiner Bankschulden hatte Steinhoff mit Aktien besichert. Selbst die europäische Zentralbank EZB hatte Bonds von Steinhoff gekauft und hat sie inzwischen wieder abgestoßen.

Die Katastrophe war bei Steinhoff Anfang Dezember ausgebrochen. Als die Wirtschaftsprüfer des internationalen Möbelriesen und M-Daxmitglieds die Zahlen für das Geschäftsjahr 2016/17 nicht mehr testieren wollten, stürzte der Aktienkurs des Konzerns um bis zu 90 Prozent ab und hat sich davon nicht mehr erholt. Über mehrere Jahre zurück sollen die Konzernbilanzen nun neu aufgestellt werden. Das riesige Konsumgüterkonglomerat mit Sitz in Südafrika muss um das Überleben zittern.

In einem Verhandlungsmarathon hatten die Geldgeber und das Management in London zunächst die kurzfristige Liquidität gesichert. Einige Töchter wie die österreichische Möbelkette Kika/Leiner oder die französische Möbeltochter Conforama entdeckten in der Not eigene Geldquellen und verkauften Immobilien oder Beteiligungen. Ein Cash-Pool, in den die Töchter ihre Erlöse einzahlen mussten, wurde eingefroren. Die südafrikanische Mutter, die als relativ gesund gilt, schlug in zwei Tranchen Anteile an der südafrikanischen Investmentgesellschaft PSG-Group los und stopfte mit den Erlösen die dringlichsten Löcher.

Im Aufsichtsrat, der seit Dezember von der unabhängigen Heather Sunn geleitet wird, gab es unterdessen einen neuen Abgang. Lacoste Chef Thierry Guilbert trat von dem Steinhoff-Überwachungsposten zurück. Er könne sich wegen seiner übrigen Verpflichtungen in dieser kritischen Zeit nicht intensiv genug um Steinhoff kümmern.

Der langjährige Chef des Steinhoff-Konzerns, Markus Jooste, 56, war Anfang Dezember zurückgetreten. Am Montag gab der Konzern bekannt, er habe Jooste bei der südafrikanischen Ermittlungseinheit Hawks wegen möglicher wirtschaftskrimineller Handlungen angezeigt. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt gegen Jooste und drei weitere Steinhoff Manager bereits seit Dezember 2015 wegen möglicher Bilanzmanipulation.

Auf den Pferderennen in Kapstadt, bei denen der Stall des Hobbypferdezüchters Jooste zuvor mit den besten Pferden vertreten gewesen war, lief kein Pferd mehr unter seinen Farben. Jooste selbst ist aus der Öffentlichkeit abgetaucht und für Anfragen nicht mehr erreichbar.

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