Das Ende von Online-Only Warum die reale Welt für Online-Händler sexy ist

Amazon geht offline. In wenigen Wochen will der Online-Riese offenbar sein erstes stationäres Geschäft in New York eröffnen – und ist damit in bester Gesellschaft. Zahlreiche Online-Unternehmen wagen den Schritt in die reale Welt. Warum eigentlich?

Quelle: AP

Amazons jüngster Coup ist weder digital noch auf den ersten Blick attraktiv. Es ist ein grau-brauner Klotz mitten in Manhattan. Amazon, die "Feuerwalze", die unsere Innenstädte platt macht, geht offline. Der Online-Händler will offenbar noch in diesem Jahr einen eigenen Laden eröffnen.

Zwar schweigt Amazon zu den Plänen, doch die Meldung schlug in der Branche und der Medienwelt ein. Nur: Wirklich überraschend wäre der Schritt nicht. Der Trend zum Multichannel-Handel, zur Verquickung von On- und Offline-Kanälen hält seit Jahren an. Bislang waren es vor allem die stationären Händler, die – lange mehr schlecht als recht – das Internet für sich entdeckten. Rund jeder dritte stationäre Händler ist laut dem Handelsverband Deutschland (HDE) mittlerweile auch im Netz vertreten.

Schon länger nimmt die Gegenbewegung an Fahrt auf. Weltweit investieren immer mehr Online-Händler in den Aufbau von stationären Läden – quer durch alle Branchen. In Deutschland haben etwa die Computerhändler von notebooksbilliger.de und Cyberport eigene Läden eröffnet – ebenso das Möbelportal Fashion4Home. Die Müsli-Mixer von mymuesli.de vertreiben ihre Produkte mittlerweile in eigenen Geschäften. Selbst Deutschlands Vorzeige-Onliner Zalando betreibt in Berlin einen Outletstore.

Die Konzepte dahinter sind unterschiedlich. Sie reichen von besseren Lagerhallen über einfache Abholshops bis hin zu edel eingerichtet Läden nach Apple-Vorbild. Das zeigt: Offline ist für Online-Händler längst attraktiv geworden.

Was bedeutet überhaupt Multi-Channel?

Wie viele von ihnen in den letzten Jahren in Deutschland den Schritt in den stationären Handel gewagt haben, ist unklar. "Der Trend geht aber definitiv in diese Richtung", sagt HDE-Sprecher Stefan Hertel.

Vom großen Boom will Martin Groß-Albenhausen, Experte des E-Commerce-Verbands bevh noch nicht sprechen. Gemessen an der Zahl der Online-Händler, die nicht auf einem bestehenden Handelsgeschäft aufsetzen, sei die Zahl recht klein. "Wir sehen allerdings, dass etablierte und finanziell über Wagniskapital gut ausgestattete Onlinehändler mit Shops experimentieren."

Diese Unternehmen sind in Gefahr
Bedrohte C&A-Filiale Quelle: REUTERS
Logo und Schriftzug von Quick Schuh Quelle: PR
Reno-Filiale Quelle: Gemeinfrei
Bedrohte Runners Point Filiale Quelle: AP
Bedrohte P&C Filiale Quelle: dpa
Bedrohte Saturn Filiale Quelle: REUTERS
Bedrohte NKD Filiale Quelle: PR
Bedrohte Karstadt Filiale Quelle: dpa
Logo und Schriftzug von Babywalz Quelle: PR
Takko-Filiale Quelle: Creative commons - Joeb07
Bedrohte Euronics Filiale Quelle: PR
Platz 19: KiK - Bedrohungsgrad: 70Kernsortiment: Mode Wichtigste Online-Angreifer: Zalando, brands4friends, Asos Unter den zehn Unternehmen mit dem schlechtesten Image tauchen mit KiK, Netto Marken-Discount, Norma, Penny und Lidl gleich fünf diskontierende Formate auf. Das zieht auch die Gesamtbewertung nach unten. Kik steigt in der Liste der bedrohten Unternehmen auf Platz 19 ein. Quelle: dapd
Platz 18: Wöhrl - Bedrohungsgrad: 71,3Kernsortiment: Mode Wichtigste Online-Angreifer: Zalando, Brands4friends, Asos Während Kaufhäuser wie Breuninger oder P&C mit gutem Service und Image punkten, fällt Wöhrl negativ dagegen ab. Das Warenhaus kann sich deshalb auch nicht auf eine besonders loyale Kundschaft stützen. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 17: Media Markt - Bedrohungsgrad: 71,6Kernsortiment: Elektronik Wichtigste Online-Angreifer: Notebooksbilliger, Cyberport, Amazon Media Markt ist wie Schwester Saturn erst spät in den Online-Handel eingestiegen. Der Elektronik-Riese kann weder mit überzeugenden Service-Leistungen noch besonders gutem Image punkten. Die Kunden sind daher auch wenig loyal. Media Markt wird es in der harten Branche mit so aggressiven Online-Mitbewerbern wie Notebooksbilliger.de immer schwieriger haben. Quelle: dapd
Platz 16: Hugendubel - Bedrohungsgrad: 71,8Kernsortiment: Bücher Wichtigste Online-Angreifer: Amazon, buch.de Gerade wurde bekannt, dass Hugendubel seine Filiale am Münchener Marienplatz 2016 schließen wird. Amazon hat den den Handel mit Büchern revolutioniert und ist mit rund 3/4 aller Online-Umsätze bei Büchern führend. Das Verbrauchervertrauen spiegelt sich auch im Fit Score (86,8) wider, obwohl Amazon die niedrigsten Imagewerte erzielt. Hugendubel hat es angesichts dieser massiven Konkurrenz schwer, sich zu behaupten - trotz gutem Image und guten Serviceleitungen. Quelle: dpa
Platz 15: Butlers - Bedrohungsgrad: 72,4Kernsortiment: Möbel/Deko Wichtigster Online-Angreifer: Home24, Westwing Butlers kann sich zwar über hohe Imagewerte, sowie zufriedene und loyale Kunden freuen, aber das Deko- und Möbelhaus betreibt Geschäfte in der hoch online-affinen Branche der Multi-Sortimenter. Amazon hat „das längste Regal der Welt“. Und das zeigt auch die überragende Bewertung der Konsumenten, vor allem in der hohen Loyalität (97,0!). Butlers hat das Nachsehen. Quelle: PR
Platz 14: Charles Vögele - Bedrohungsgrad: 72,5Kernsortiment: Mode Wichtigste Online-Angreifer: Zalando, brands4friends, Asos Das Modehaus hat das Pech in direkter Konkurrenz zu einem so genannten "Category Killer" wie Zalando zu stehen. Die Unternehmen haben finanzstarke Geldgeber hinter sich, die massiv in Bekanntheit, Marktanteile und Service investieren und den Ertrag hinten anstellen. Für eine Kette wie Vögele wird das zum massiven Problem, Image und Loyalität sind nur mittelprächtig. Der eigene Online-Auftritt könnte deutlich besser sein. Vögele muss sich warm anziehen. Quelle: PR
Platz 13: Babyone - Bedrohungsgrad: 72,7Kernsortiment: Kinderbedarf Wichtigste Online-Angreifer: myToys, windeln.de babymarkt.de Bereits jeder vierte Euro für Spielzeug wird im Internet ausgegeben. Eine Vielzahl an Online-Händlern haben sich beim Konsumenten mit einem breiten Sortiment etabliert. Mit kidoh.de und mytoys.de folgen zwei weitere Pure Onliner in der Verbrauchergunst. Fachmarktketten wie Babyone aus dem Siegerländischen Freudenberg haben es schwer, sich gegen die wachsende Konkurrenz zu behaupten. Sie stehen in der Reihe der Spielwaren- und Babybedarf-Anbieter in punkto Image, Service und Loyalität ganz unten. Quelle: PR
Platz 12: Kaufhof - Bedrohungsgrad: 72,9Kernsortiment: Warenhäuser Wichtige Online-Angreifer: Amazon, Ebay "Der Betriebstyp Kaufhaus hat sich stationär überlebt", glauben die Autoren der Studie von Dr. Wieselhuber & Partner. "Die einst größten Handelsunternehmen Deutschlands, Hertie, Horten, Karstadt oder Kaufhof, klingen heute wie „Dinosaurier“, und einige von ihnen sind bereits ausgestorben." Spezialisten und Monolabel-Stores würden in die Innenstädte drängen und so das Geschäftsmodell „Multisortimenter“ herausfordern. Gleichzeitig bieten Onlinehändler ein Sortiment an, das größer ist als das aller Warenhäuser. In diesem Umfeld wird das Überleben für Kaufhof nicht leicht. Quelle: dpa
Platz 11: ElectronicPartner - Bedrohungsgrad: 73Kernsortiment: Elektronik Wichtigste Online-Angreifer: Notebooksbilliger, Cyberport, Amazon Die Verbundgruppe verzichtet auch 2014 noch völlig auf einen eigenen Online-Shop. Zwar will EP sein Angebot in Zukunft schrittweise in Netz verlagern, noch setzt V erbundgruppe für selbstständige Elektro-Fachgeschäfte aber vor allem auf den den direkten Kundenkontakt. "Wir glauben an den stationären Fachhandel, seine Stärken und vor allem seine unstrittige Daseinsberechtigung. Unsere Aufgaben ist es, den Kunden, die überwiegend stationär kaufen – nach Zahlen, die uns vorliegen sind das nach wie vor zwischen 75 und 80 Prozent – das bestmögliche Angebot zu machen", sagt Friedrich Sobol, Vorstand von ElectronicPartner. Zudem ist EP am Online-Händler Notebooksbilliger.de beteiligt. Quelle: PR

Experiment mit hohem Risiko

Das hat Gründe. Die Unternehmer gehen mit ihrer Offline-Offensive ein Risiko ein. Beispiel Cyberport: Kaum ein deutscher Online-Händler treibt die stationäre Expansion so voran wie der Computer- und Technikspezialist. Anfang Oktober hat Cyberport in München seinen 14. Store eröffnet. Das Unternehmen betreibt unter anderem Läden in Berlin, Stuttgart, Hamburg, Köln, Dresden und Wien. Weitere sollen folgen.

Das Unternehmen gibt sich Mühe, mit seinen Geschäften aus der Masse heraus zu stechen. Im neuen Laden haben Kunden nicht nur die Möglichkeit Produkte zu testen und anzufassen. Über Tablets oder über eine per Gesten gesteuerte Wand können sie im Onlineshop stöbern, Testberichte und Kundenbewertungen lesen oder Vergleichslisten anlegen .Alles wird auf schick, hip und kundenfreundlich getrimmt.

Gemessen an Wachstumszahlen geht die Strategie offenbar auf. Der Schritt in die Fußgängerzone beschert dem Unternehmen viele neue Kunden. Laut dem aktuellsten veröffentlichten Geschäftsbericht steigerte der Onlinehändler seinen Umsatz 2012 im Vergleich zum Vorjahr um satte 48 Prozent auf rund 538 Millionen Euro.

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