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Das Geschäft mit der Magen-Medizin Wer an der Weihnachts-Völlerei verdient

Vor allem an Weihnachten wird viel gegessen - damit steigt der Bedarf an Präparaten für Magen und Darm. Quelle: imago images

Rund um die Festtage steigt der Bedarf an Präparaten gegen Völlegefühl. Erst recht, seitdem sich die Deutschen zunehmend für Magen- und Darmprobleme interessieren. Wer profitiert davon?

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Eigentlich ist das Thema ja tabu. Doch dann reden diese netten, sympathischen Menschen doch über Blähungen und Magenprobleme. Obwohl das Thema ja irgendwie peinlich ist. Sie erzählen, dass sie sich vor lauter Angst schon gar nicht mehr unter Leute trauen. Und dann kommt irgendwie immer ein Arzt oder ein Apotheker ins Spiel, der ihnen Kijimea für den gereizten Darm empfiehlt. Und nun ist alles gut. Sagen die netten Werbe-Testimonials jedenfalls. Jeden Abend, immer kurz vor der Tagesschau. Der Hersteller Synformulas wirbt in teuren 20-Sekunden-Spots so für sein Reizdarm-Präparat.

Der Zeitpunkt ist gut gewählt. An Tagen wie diesen – nachdem die Gans gegessen und die letzten Weihnachtsplätzchen verspeist sind – steigt der Bedarf an Präparaten, die in Magen und Darm wieder Ordnung schaffen. Die Hersteller, darunter zahlreiche Mittelständler, verdienen gut an der alljährlichen Weihnachtsvöllerei und ihren Folgen.

Doch nicht nur zur Weihnachtszeit boomt inzwischen das Geschäft. Sagt etwa Thomas Golly, Partner bei der auf den Apothekenmarkt spezialisierten Beratung Sempora: Dass sich der Markt seit Jahren gut entwickelt, habe vor allem damit zu tun, dass Magen-Darm-Präparate inzwischen stärker ins Bewusstsein gerückt sind. Die Deutschen interessieren sich inzwischen zunehmend für diese Körperregion. Das Sachbuch „Darm mit Charme“ der damaligen Medizinstudentin Giulia Enders erreichte vor einigen Jahren Platz eins in den Bestseller-Listen. Inzwischen reagieren manche Ärzte freilich gereizt auf Reizdarm-Patienten, die sich ihre Leiden oft nur einbildeten.

Die Hersteller freut die steigende Nachfrage jedenfalls. Das Marktforschungsinstitut Insight Health nennt nun Zahlen, zum Gesamtmarkt in Deutschland und zu einzelnen Unternehmen: Danach lag der Umsatz mit Medikamenten, die Magen- und Darmgesundheit verbessern, in den vergangenen zwölf Monaten – zwischen November 2018 bis Oktober 2019 – bei 382 Millionen Euro.

Dabei sind es vor allem die Hersteller probiotischer und pflanzlicher Magen- und Darmpräparate, die profitieren. Laut Insight Health legten pflanzliche Präparate um zwanzig Prozent zu. Probiotika, die auf lebensfähige Organismen setzen, um den Körper zu stärken, steigerten sich um sieben Prozent. Zu den Probiotika zählen etwa die sogenannten Bifido-Bakterien, die in Kijimea enthalten sind und das Immunsystem ankurbeln sollen.

Laut Insight Heath ging allerdings der Umsatz von Kijimea zwischen November 2018 und Oktober 2019 um vier Prozent auf 27 Millionen Euro zurück – womöglich ein Grund warum der Hersteller nun verstärkt auf Werbung vor der „Tagesschau“ setzt. Im vergangenen Jahr bemängelte das Verbrauchermagazin „Öko-Test“ fehlende Wirksamkeitsbelege bei Kijimea. Das Unternehmen wies den Vorwurf zurück.

Zu den Einzelpräparaten, die sich in den vergangenen zwölf Monaten besonders gut entwickelt haben, gehört etwa Carmenthin des mittelständischen Herstellers Dr. Wilmar Schwabe. Das Unternehmen wirbt damit, Verdauungsstörungen mittels Pfefferminz und Kümmelöl zu bekämpfen – und setzt ähnlich wie Kijimea auf TV-Spots.

Zu den Verlierern zählt dagegen eher Bayer mit seinem klassischen Magenpräparat Iberogast. Laut Insight Health verlor Iberogast rund 15 Prozent auf knapp 100 Millionen Euro. Der Grund hierfür sind wahrscheinlich die Diskussionen, die sich in den vergangenen Jahren am Schöllkraut entzündeten, einem der Inhaltsstoffe von Iberogast. Die Pflanze aus der Familie der Mohngewächse soll, so der Verdacht, leberschädigend wirken, was Bayer bestreitet. Das Unternehmen sieht ein positives Nutzen-Risiko-Profil und verweist auf zahlreiche Studien, welche die Sicherheit von Iberogast bestätigt hätten. Jahrelang stritt sich Bayer mit der deutschen Arzneibehörde darum, einen entsprechenden Warnhinweis in den Beipackzettel aufzunehmen.

Insgesamt erscheinen jedoch auch die Aussichten für 2020 erfreulich. Den Deutschen wird das Interesse für die Magen- und Darmregion so schnell nicht vergehen. Und das nicht nur zu Weihnachtszeit.

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