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Das Jahr des Online-Giganten Warum wir bald alle Kunden von Amazon sind

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Ein Knopfdruck, das Waschmittel kommt

Komfort, Zuverlässigkeit und Benutzerfreundlichkeit – zufriedene Kunden also – gibt Bezos selbst als oberste Maxime seines Handelns aus. Strategisch im Haushalt verteilte Knöpfe sollen dies für Produkte sind, die gemeinhin kaum einer mit Versandhandel in Verbindung bringt: Waschmittel oder Kondome. Das kleine Gerät Amazon Dash in Gestalt einer Haustürklingel besitzt lediglich einen Knopf und trägt das Logo des Produktes, das angeliefert wird, sobald der Knopf betätigt wird. Bequem – und problematisch in einem Haushalt mit Kindern, der keinen Wert darauf legt, täglich mehrere Pakete Katzenfutter, Rasierklingen oder Kinderknete zugesandt bekommen. Im Internet existieren Anleitungen, wie über komplizierte Einstellungen am heimischen Router eine derartige Kindersicherung eingestellt werden kann.

Bislang steht der Button in Deutschland eh nur Kunden zur Verfügung, die Mitglied von Amazons Prime sind – „dem erfolgreichsten Kundenbindungsprogramm überhaupt“ laut Heinemann. Wer nur gelegentlich bei Amazon ordert, sieht sich rasch einer Art Hindernisparcours ausgesetzt, der – einmal nicht aufgepasst - dazu führt, dass man einen Probemonat kostenlos das Angebot testet.

Dabei umgarnt das Unternehmen die Interessenten gar nicht mehr in erster Linie mit dem schnelleren und kostenlosen Versand von Herden, Zahnbürstenköpfen oder Olivenöl, sondern der riesigen Bibliothek an Filmen und Serien. 49 Euro kostet das im Jahr und soll die Kunden immer näher binden.

Bis sie eines Tages alles dort kaufen diesseits von Haus, Auto, Yacht. Ende vergangenen Jahres veröffentlichte Amazon einen kurzen Trailer, der einen Vorgeschmack auf den Einkauf von Radieschen, Kaffeefilter und Fertiggerichten in Amazons Supermarkt Go gibt. Keine Kassen. Keine Schlangen. Die mit zahlreichen Patenten versehene Technologie, für die etwaige Mitbewerber mindestens Lizenzgebühren zahlen müssten, hält fest, was im Einkaufskorb landet, was eventuell wieder zurückgestellt wird, dann doch wieder genommen wird und am Ende aus dem Geschäft herausgetragen wird. Abgerechnet wird via Smartphone.

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    Lebensmittel liefern – mit Amazon Fresh kratzt das als Bücherversender gestartete Unternehmen der nächsten Branche am Lack. Der stationäre Handel für Kleidung oder Bürobedarf oder die Warenhäuser von Generalisten in den USA zeigt bereits deutliche Krisenzeichen. Die Kette Macy’s gab am Mittwoch bekannt, rund 60 Geschäfte landesweit zu schließen, 10.000 Mitarbeiter wären betroffen, Pläne, Geschäfte zu schließen haben auch Ketten wie The Gap oder American Eagle Outfitters bekannt gegeben. Staples hat bereits hunderte Schließungen hinter sich.

    In Deutschland betrachten Lebensmittelkonzerne deshalb mit Sorge Amazons Eintritt in das Geschäft mit Milch, Eiern und Gemüse. Noch fehlt es hierzulande an der nötigen Infrastruktur, um die Waren dem Kunden auch zu bringen. Wer auf der Arbeit ist, kann in der Regel eine Sendung nicht annehmen, wer es auf die Arbeit geliefert bekäme, müsste es schlimmstenfalls selber nach Hause schleppen. Lagermöglichkeiten mit intakten Kühlketten beim Kunden – noch ist der Gang in den Supermarkt bequemer. „Das verzögert Amazons Vorgehen aber nur“, sagt Heinemann, aufhalten würde es ihn aber nicht. Die nächsten, die zittern dürften, sind Lieferdienste für Restaurantgerichte, nachdem Amazon angekündigt hat, dass in den USA zunächst die Sprachsteuerung nun auch die Bestellung für Pizza oder Burger von einem der Partner-Restaurants entgegennimmt.

    Indirekt ist es bereits heute fast unmöglich, nichts zum Umsatz von rund 107 Milliarden US-Dollar im Geschäftsjahr 2015 beigetragen zu haben. Wer über Spotify Musik hört, sich Cornflakes von Kellog’s morgens in die Müslischale kippt, im Internet die Bedienungsanleitung für seinen Kärcher Hochdruckreiniger studiert, Software von Adobe runterlädt, ein Konzert in der Digital Concerthall der Berliner Philharmoniker schaut, oder mit dem Fitnessanbieter Freeletics seinen Körper stählt – im Hintergrund laufen mit Amazon Web Services Teile oder gleich die ganze Technik auf den Servern des Internetgiganten.

    So umgeben die Kunden die Produkte des Unternehmens mehr oder minder überall und wenn es nach den Wünschen von Jeff Bezos geht, dank Echo und Alexa bald noch mehr. Nur Amazons Kunde René R. aus Bad Neuenahr hat seine liebe Not mit der schönen neuen vernetzten Welt von Echo und der Sprachsteuerung, die auf ein Schlüsselwort reagiert und fragte im September auf Amazons Webseite: „Meine Freundin heißt Alexa, was nun?“. Aber Amazon hat selbst daran gedacht. Das Schlüsselwort lässt sich ändern. In Echo und Amazon.

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