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Gefälschte Bewertungen Das Geschäft mit den Amazon-Sternen

Der Schriftzug von Amazon am Brandenburger Sortierzentrum des Versandhändlers. Quelle: dpa

Rund um Amazons Marktplatz wuchert eine milliardenschwere Dienstleistungsindustrie. Mit dabei sind auch unseriöse Anbieter, die auf Bestellung gefälschte Bewertungen liefern. Was unternimmt Amazon gegen die Fakefabriken?

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Hunderttausende Händler verkaufen ihre Produkte über die Plattform des Onlinegiganten Amazon. Doch ohne eine milliardenschwere Dienstleistungs- und Beratungsindustrie im Hintergrund läuft nichts auf dem Marktplatz: Logistikspezialisten und Werbeexperten, Coaches und Kreative, Übersetzer, Softwareentwickler und Fotografen mischen im Amazon-Business mit. Selbst Banker und Steuerberater haben Marktplatzhändler als lukrative Zielgruppe entdeckt – der Onlineriese toleriert das nicht nur, sondern empfiehlt den Händlern sogar einzelne Anbieter. Einer speziellen Gruppe von Dienstleistern hat Amazon indes den Krieg erklärt: Anbietern von manipulierten Kundenrezensionen, die im großen Stil und gegen Bezahlung Fünf-Sterne-Bewertungen liefern. Doch der Kampf ist zäh.

Auf der Startseite von Fivestar Marketing leuchten der potenziellen Kundschaft fünf Sterne entgegen. Dazu der Appell: „Kaufen Sie Bewertungen für Ihr erfolgreiches Amazon Business“. Der Rivale Lutendo mit Sitz im georgischen Rustavi bietet „verifizierte Bewertungen von echten Personen“, ab 99 Cent pro Stück. Und der Rezensionslieferant AMZ Tigers mit Adresse auf Zypern wirbt mit dem Einsatz von 60.000 „Produkttestern“, die darauf spezialisiert seien „Bewertungen schnell und zuverlässig zu schreiben.“ Wie die in aller Regel ausfallen, ist klar.

Zig solcher Anbieter tummeln sich im Netz, obgleich Amazon seit Jahren versucht, das Geschäft mit Fake-Bewertungen zu unterbinden. „Wir wollen, dass Amazon Kunden vertrauensvoll einkaufen mit der Gewissheit, dass Bewertungen, die sie lesen, authentisch und relevant sind“, sagt ein Amazon-Sprecher.

Hunderte menschlicher Bewertungsbewerter sind jeden Tag dafür weltweit für Amazon im Einsatz, durchflöhen händisch die Plattform, gehen Betrugshinweisen anderer Nutzer nach. Vor allem aber füttern sie Maschinen mit Daten, Mustern, Altfällen, um gekaufte Rezensionen automatisch aufzuspüren. „Dafür setzen wir leistungsstarke Programme des maschinellen Lernens und erfahrene Prüfteams ein, um wöchentlich mehr als 10 Millionen Rezensionen zu analysieren“, sagt der Amazon-Sprecher. Ziel sei es, „missbräuchliche Bewertungen zu unterbinden, bevor sie überhaupt veröffentlicht werden.“ Gegen die Fake-Fabriken und ihre Rezensenten geht Amazon teils juristisch vor, „wir haben Tausende von ihnen verklagt, weil sie versuchten, unser Bewertungssystem zu manipulieren“, teilt der Onlinekonzern mit.

Sperrung des Amazonkontos

Auch Marktplatzhändlern, die beim Bewertungskauf erwischt werden, müssen mit empfindlichen Strafen rechnen: Ihnen droht die vorübergehende oder dauerhafte Sperre ihres Amazonkontos, zumindest aber ein Verkaufsbann für verdächtige Produkte. 

Zuletzt wurden etwa mehrere chinesische Firmen abgestraft, die Technikzubehör wie Powerbanks, Ladegeräte und Handyhalterungen verkauften. Zuvor hatten externe IT-Experten eine sieben Gigabyte große Datenbank im Netz entdeckt. Der Inhalt: Massenweise Nachrichtenverläufe, in denen Verkäufer Kunden kostenlose Produkte als Gegenleistung für positive Rezensionen angeboten hatten. Ein klarer Verstoß gegen Amazons Richtlinien, der offenbar zur Auslistung zahlreicher Artikel führte. 



Regelmäßig komme es zu solchen Lösch- und Sperraktionen, berichten Experten. Oft geht es dabei um Fake-Bewertungen, teils nimmt Amazon Händler aber auch wegen Produktfälschungen oder angeblicher Wucherpreise von der Seite, wie zu Beginn der Coronakrise als reihenweise Verkäufer von Schutzmasken und Desinfektionsmittel gesperrt wurden. Ob immer zu Recht, ist umstritten. Manch Händler zieht vor Gericht, um die Frage zu klären. Auch an Rechtsanwälten mangelt es schließlich nicht; einige Kanzleien sind bereits auf Amazon-Fälle spezialisiert.

Mehr zum Thema: Hunderttausende Händler nutzen Amazons Marktplatz, um ihre Produkte zu verkaufen. Noch bessere Geschäfte aber machen viele Service- und Beratungsunternehmen im Hintergrund. Ein Lagebericht aus der Kampfzone der Digitaldienstleister.

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