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Kaiser's Tengelmann Ende gut, alles gut? Von wegen!

15.000 Jobs gerettet, ordnungspolitische Grundsätze geopfert. Der Preis für die Übernahme von Kaiser's Tengelmann ist höher als viele denken.

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Ein Angestellter der Kaiser's Tengelmann hält ein Schild mit dem Schriftzug

Es ist vollbracht. Mehr als zwei Jahre haben die Chefs von Edeka und Rewe um die Überbleibsel von Kaiser's Tengelmann gestritten. Nun bahnt sich eine finale Lösung an. Edeka und Rewe hätten sich auf einen Kaufpreis für die Berliner Kaiser's-Tengelmann-Märkte geeinigt, die Rewe übernehmen wird, teilte der Konzern am Freitag mit. Es gebe eine verbindliche Vereinbarung, bis zum 2. Dezember einen gemeinsamen Vertrag auszuhandeln.

Die 15.000 Beschäftigten können damit aufatmen. Endlich! Monatelang haben sich die Chefs der Konzerne bis zur Grenze des Erträglichen gezofft, mal standen die Gespräche vor dem Aus, mal gab es wieder Lichtblicke.

Die Mitarbeiter winkten am Ende nur noch entnervt ab, wenn wieder Rettung oder Untergang vermeldet wurden. Doch nun scheint die Zitterpartie tatsächlich überstanden zu sein und alle Beteiligten werden sich als Sieger feiern: Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub, weil er trotz horrender Verluste weiter verhandelt hat, Edeka-Boss Markus Mosa, weil er Kompromissbereitschaft gezeigt hat. Und Rewe-Chef Alain Caparros, weil er für sein Unternehmen das Beste rausgeholt. Bei all den vermeintlichen Gewinnern darf einer nicht fehlen: Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, der mit seiner Ministererlaubnis die Verständigung überhaupt erst möglich gemacht hat.

Die größten Lebensmittelhändler Deutschlands

So viele Sieger? In Wahrheit haben alle Beteiligten bei der verkorksten Übernahme Federn lassen müssen - und nicht nur sie. Auf der Verliererseite finden sich auch all jene Wettbewerber, die jetzt außen vor bleiben und mithin die gesamte deutsche Wettbewerbspolitik. Denn so erfreulich die Tengelmann-Einigung auf Basis der Ministererlaubnis für alle Mitarbeiter auch ist, so fatal ist das Signal, dass Gabriel damit ausgesendet hat.

Ohne Not hat sich der Minister über das Veto des Bundeskartellamtes und die Empfehlung der Monopolkommission hinweg gesetzt und die Übernahme durch Edeka auf eigene Faust durchgesetzt. Dabei gab es mit Rewe und weiteren Interessenten von Anfang an alternative Bieter.

Nur weil sich das Ministerium in dem Verfahren - mal vorsichtig formuliert - extrem ungeschickt verhalten hat, konnten die Anwälte von Norma, Markant und Rewe die Übernahme juristisch torpedieren, sich am Ende ein Stück der Beute sichern und so zumindest für einen Hauch mehr Wettbewerb sorgen als bei einer Komplettübernahme durch Edeka.

Das ist Kaiser's Tengelmann

Doch klar ist auch, dass Gabriel einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen hat. Wie will er in Zukunft noch eine Ministererlaubnis ablehnen, wenn wieder Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen? Was passiert, wenn dereinst womöglich der SB-Warenhausbetreiber Real als Ganzes losgeschlagen werden soll, oder die deutschen Filialen des dänischen Discounters Netto im Block verkauft werden sollen? Steht Gabriel dann erneut parat, um den Weg freizumachen?

Dabei geht es nicht nur um den Lebensmittelhandel. Auch für fusionswillige Konzerne aus anderen hochkonzentrierten Branchen muss die Ministererlaubnis im Fall Tengelmann wie eine Einladung klingen, einfach stur auf das Argument Arbeitsplätze zu setzen und Bedenken von Wettbewerbshütern getrost zu ignorieren. Die Konkurrenz leidet? Verbraucherinteressen geraten aus dem Blick? Egal, es kann schließlich nicht nur Sieger geben.

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