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Präsident des Getränke-Einzelhandels „Die Ächtung von Einweg ist nicht der richtige Weg“

Die Zukunft gehört den Mehrwegflaschen. Trotzdem sollte man Einwegflaschen nicht verdammen, meint Andreas Vogel. Quelle: dpa

Das Mehrweg/Einweg-Chaos, Nachhaltigkeit und Konkurrenz durch Online-Lieferdienste: Der deutsche Getränke-Einzelhandel steht vor einigen Herausforderungen. Verbands-Chef Andreas Vogel über die Zukunft der Branche.

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Bier, Wasser und Schorlen: Dafür wird an der Kasse Pfand fällig. Anders ist das etwa bei vielen Getränken ohne Kohlensäure und Säften. Die hessische Landesregierung will dem einen Riegel vorschieben und das Pfandsystem erweitern. Für ihren Plan brachte sie eine Initiative im Bundesrat ein. Das Ziel: Künftig sollen Verbraucher auf sämtliche Dosen und Einweg-Kunststoffflaschen Pfand zahlen. So soll weniger Müll anfallen und die Mehrwegverpackungen gestärkt werden.

Mehrwegflaschen bringt momentan auch der Discounter Aldi Süd vermehrt in Umlauf, eigentlich bekannt auch für sein Bier aus Einwegflaschen. Hier testet man momentan in einigen Filialen den Verkauf von Bier in Mehrwegflaschen.

Hat nun also der Krieg gegen die Einwegflaschen begonnen? Fragen an Andreas Vogel, Vorstand des Verband des Deutschen Getränke-Einzelhandel e.V. (VDGE).

WirtschaftsWoche: Glauben Sie, dass die Initiative aus Hessen zur Vereinheitlichung des Einwegpfands sinnvoll ist?
Andreas Vogel: Ich stehe zu 100 Prozent hinter dieser logischen Forderung, denn es kann ja wirklich niemandem vernünftig erklärt werden, warum auf eine PET-Einwegflasche mit Apfelsaft ohne Kohlensäure kein Pfand erhoben wird, dafür aber auf eine PET-Einwegflasche mit Apfelschorle oder eine Cola mit Kohlensäure sehr wohl. Vielmehr lautete bei der seinerzeitigen Einführung der Pfandpflicht für Einweg- und Dosengebinde die entsprechende Argumentation für diese aus heutiger Sicht absurde Ausnahmeregelung, dass Fruchtsäfte damals überwiegend in Mehrwegflaschen und Kartons abgefüllt wurden und damit keine Notwendigkeit für eine Pfandeinführung bestehen würde. Dieses Argument zieht heutzutage aber längst nicht mehr, da Fruchtsäfte zunehmend in PET-EW-Flaschen angeboten werden.

Ist das Thema Nachhaltigkeit denn in der Getränkebranche angekommen?
Absolut. Ein positives Beispiel ist da etwa der deutliche Zuwachs von ökologisch vorteilhaften Glasgebinden insbesondere im Bereich der Mineralwässer. Momentan ist es sogar so, dass die Glashütten mit der Neuproduktion von Flaschen kaum hinterherkommen. Bei PET-Einweggebinden gab es laut dem Marktforschungsinstitut Nielsen im letzten Jahr dagegen einen Rückgang um etwa elf Prozent. Aber von der im Verpackungsgesetz festgeschriebenen Quote von 70 Prozent Mehrweg sind wir trotzdem noch weit entfernt. Wenn diese nicht erreicht wird, ist in meinen Augen eine Lenkungsabgabe von 20 Cent auf Einwegverpackungen unvermeidbar, denn eine solche Lenkungsabgabe kann den ökologisch sinnvolleren Weg Richtung Mehrweg ebnen. Allerdings ist es, wenn wir von Nachhaltigkeit reden, auch wichtig, das Verständnis der Verbraucher zu schärfen, welche nach allen aktuellen Umfragen unter Umweltgesichtspunkten die Vorteilhaftigkeit von Mehrweg bejahen. Leider ist vielen aber oft nicht klar, wie sich Mehrweg- und Einwegflaschen ganz konkret unterscheiden lassen. Nur weil der Verbraucher beim Kauf Pfand zahlt und bei der Rückgabe zurückbekommt, handelt es sich nicht automatisch um eine Mehrwegflasche.

Andreas Vogel ist Vorstand des Verbands des Deutschen Getränke-Einzelhandels e.V. Quelle: Privat

Wie könnten Getränkehändler denn die Verbraucher aufklären?
Ein erster Schritt dahin wurde Anfang 2019 mit dem neu eingeführten Verpackungsgesetz unternommen. Seitdem muss durch entsprechende Kennzeichnung beim Einkauf deutlich erkennbar sein, ob es sich um eine Einweg- oder Mehrwegflasche handelt. Inzwischen haben auch alle Getränkemärkte und Discounter diesem Gesetz Rechnung getragen. Kunden können so also direkt im Geschäft Mehrwegflaschen als solche erkennen und von ebenfalls angebotenen Einwegflaschen unterscheiden. Das Problem ist nur: Hersteller sind bislang nicht verpflichtet, ihre Flaschen auch auf dem Etikett eindeutig als Mehrweg- bzw. Einwegflasche zu kennzeichnen, weshalb nach dem Kauf bzw. vor der Rückgabe durchaus Irritationen beim Verbraucher entstehen können. Deshalb fordern wir als VDGE mit den anderen Mitgliedern des Verbandes Pro Mehrweg eine verpflichtende Kennzeichnung auf jedem Produkt. Für mich ist auch nicht nachvollziehbar, warum Mehrweg-Produzenten nicht von selbst Interesse daran haben, ihre Produkte deutlich als Mehrweg auszuloben.

Der Discounter Aldi Süd testet in einigen Filialen den Verkauf von Bier in Mehrwegflaschen. Kann das Projekt Erfolg haben?
Aldi hat auch in der Vergangenheit immer wieder durch innovative Neuerungen überrascht. Ich wage aber zu bezweifeln, dass das Unternehmen über diesen Testlauf hinaus nachhaltigen Erfolg damit haben wird. Ein Discounter wie Aldi ist von seinem bisherigen Geschäftsmodell her nicht unbedingt prädestiniert dafür, Mehrwegflaschen mit den dazugehörenden Sortier- und Logistikleistungen zu verkaufen. Das Handling von Mehrwegflaschen erfordert bestimmte Voraussetzungen, die nach meiner Erfahrung für klassische Discount-Filialen eher nicht praktikabel umsetzbar sind. Dennoch ist es natürlich aus ökologischer Sicht ein sehr respektabler Schritt und sicher auch ein gutes Zeichen für mehr Umweltschutz.

Mitte des vergangenen Jahres sorgte ein Getränkehändler für Furore, der keine Plastikflaschen mehr verkauft. Wären solch radikale Schritte auch ein Weg, Mehrwegflaschen zu fördern?
Vor seinem Mut habe ich größten Respekt, da er auch klar gesagt hat, dass dieser Weg im „worst case“ bis hin zur Geschäftsaufgabe führen kann. Danach sieht es momentan zum Glück aber wohl nicht aus. Ich muss nichtsdestotrotz sagen, dass ich als Vorstand den Mitgliedern des Verbandes des Deutschen Getränkeeinzelhandels keinen solch radikalen Schritt empfehle. Es gibt natürlich sehr viele gute Gründe für Mehrweg, aber auch Verzehranlässe wie etwa auf Reisen, bei Großveranstaltungen oder im Straßenkarneval, bei denen Konsumenten bewusst auf Mehrweg-Glasverpackungen zugunsten bestimmter Einwegprodukte verzichten. Eine komplette Ächtung von Einweg ist deshalb zumindest meiner Meinung nach nicht der richtige Weg. Eher sollten wir hier aufklären und gezielt auf ökologisch vorteilhaftere Mehrweg-Alternativen hinweisen.

Seit einigen Jahren sind in Städten Onlinelieferdienste für Getränke unterwegs, die die Bestellung dem Kunden direkt nach Haus bringen. Bekommen Getränkehändler das zu spüren?
Das Konzept, Waren direkt nach Hause zu liefern, ist nicht neu, aber durch das Internet einfacher geworden. Und normalerweise sollte man meinen, dass Händler das auch zu spüren bekommen. Tatsache ist aber, dass die Umsätze der unserem Verband angeschlossenen Getränkehändler sowohl in 2018 als auch in 2019 weiter gestiegen sind. Noch leidet der klassische Getränkefachmarkt also nicht unter den Onlinediensten. Zuerst werden wohl Convenience-Händler wie Tankstellen und Kioske die Konkurrenz zu spüren bekommen, was auch nachvollziehbar ist. So musste sich etwa die Bevölkerungsgruppe, die nicht von 9 bis 17 Uhr, sondern auch mal bis spät abends arbeitet, früher bei Bedarf noch an der Tankstelle etwas zu trinken holen. Mit den Lieferdiensten können sie das nun viel besser steuern – und zwar zu oftmals günstigeren Preisen. Aber der eigentliche Vorteil, den die Lieferdienste haben, ist genau genommen ein anderer.

Und zwar?
Die Daten. Onlinelieferdienste haben direkten Zugriff auf die Konsumgewohnheiten der Kunden, wissen, wann sie bestellen, in welchem Rhythmus und mit welchem durchschnittlichen Warenkorb. Damit lassen sich dann natürlich gezielte Aktionen planen.

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