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EU-AbstimmungAlles hat ein Ende – womöglich auch die Soja-Wurst

Das EU-Parlament stimmt dagegen, dass Fleischalternativen als Steak, Schnitzel oder Wurst angeboten werden dürfen. Die Branche ist alarmiert.Kevin Gallant 08.10.2025 - 14:53 Uhr
Marken wie Rügenwalder Mühle müssen ihre Fleischersatzprodukte künftig womöglich umbenennen Foto: Imago

Kann ein Schnitzel aus Soja bestehen? Das EU-Parlament stimmte am Mittwoch darüber ab, ob pflanzliche Fleischersatzprodukte als Steak, Wurst oder auch Hamburger im Supermarktregal angeboten werden dürfen. Und es entschied sich dagegen. Die Begriffe sollen Produkten vorbehalten sein, die aus Tieren gemacht werden.

Das endgültige Ende der Soja-Wurst ist allerdings noch nicht gekommen. Damit ein Verbot in Kraft treten kann, muss nicht nur das EU-Parlament zustimmen, auch die Mehrheit der EU-Staaten müsste sich für diese Neuregelung aussprechen.

Zu den Befürwortern zählt auch die Fleischindustrie. „Fleisch sollte als wertvolles tierisches Lebensmittel klar von anderen Artikeln unterschieden werden können, ohne dass man dadurch einen Kulturkampf entfacht“, sagte etwa Steffen Reiter, Geschäftsführer beim Verband der Fleischwirtschaft, der Nachrichtenagentur dpa. Ein einfacher Weg dahin sei es, die Bezeichnung „Fleisch“ klar zu schützen.

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Anbieter von Ersatzprodukten fürchten Kosten in Millionenhöhe

Der Markt für Ersatzprodukte ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. 2024 wurden laut Statistischem Bundesamt rund 126.500 Tonnen solcher Produkte hergestellt, vier Prozent mehr als im Vorjahr. Seit 2019 hat sich die Menge verdoppelt. 2024 betrug der Umsatz mit den Produkten in Deutschland ungefähr 640 Millionen Euro.

Im Vergleich zur konventionellen Fleischproduktion ist der Markt für Fleischersatz aber noch klein. Der Pro-Kopf-Konsum von Produkten wie Veggie-Burgern oder Tofu-Wurst lag 2024 bei 1,5 Kilogramm, bei echtem Fleisch waren es 53,2 Kilo.

Trotzdem haben sich im Vorfeld mehrere Unternehmen gegen eine Neuregelung ausgesprochen, darunter die Discounter Aldi Süd und Lidl und der Fast-Food-Riese Burger King. Auch Rügenwalder Mühle sieht die EU-Abstimmung kritisch. Eine Sprecherin sagte der dpa, Fleischbegriffe seien für Verbraucher eine wichtige Orientierung, weil sie dann etwa wüssten, was sie geschmacklich erwarte. „Schnitzel ist nicht Verbrauchertäuschung, wenn kein Fleisch drin ist.“

Fälle, in denen sich verwirrte Kunden gemeldet haben, habe es fast nie gegeben, seitdem Rügenwalder vor über zehn Jahren damit begonnen hat, auch auf Fleischalternativen zu setzen, erklärt Sprecherin Claudia Hauschild auf Nachfrage der WirtschaftsWoche.

„Wir haben in Deutschland mit den gegebenen Kennzeichnungen eigentlich schon ein funktionierendes und transparentes System“, sagt Hauschild. „Es wäre schön gewesen, wenn dieses System auch in Europa als Blaupause hätte dienen können.“

Wenn Hersteller dagegen gezwungen wären, Namen zu erfinden, könnte das die Verbraucher nach ihrer Einschätzung sogar noch mehr verwirren. Ob sich Rügenwalder schon jetzt mit neuen solcher „Fantasienamen“ beschäftigt? „Es wäre fahrlässig, das nicht zu tun, wir konzentrieren uns aber lieber auf neue Produkte“, heißt es aus dem Unternehmen.

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Rügenwalder Mühle ist nach eigenen Angaben Marktführer im Bereich veganer und vegetarischer Ersatzprodukte – und fürchtet nun um Kosten in Millionenhöhe. „Die kurzfristigen Umstellungskosten schätzen wir auf einen einstelligen mittleren Millionenbetrag“, sagte die Sprecherin. Immerhin müsste das Unternehmen rund 60 Produkte umgestalten. Nach Einschätzung des Unternehmens könnten durch eine entsprechende EU-Regelung auch zweistellige Millionenbeträge im Jahr verloren gehen, weil bis zu 20 Prozent der Neukäufer abspringen könnten. „Deutschland ist hier der wichtigste Markt in Europa, und so werden der Branche jetzt Steine in den Weg gelegt“, sagt Hauschild.

Abstimmung stößt bei Verbraucherschützern auf Kritik

Die im Europaparlament zuständige Abgeordnete Céline Imart sieht durch das Vorhaben den Verbraucherschutz gestärkt. Die Politikerin der EVP-Fraktion, zu der auch CDU und CSU gehören, teilte auf Anfrage der dpa mit, es bestehe „ein echtes Verwechslungsrisiko“. Pflanzenbasierte Ersatzprodukte böten etwa nicht die gleichen Nährwerte wie ihre tierischen Originale.

Zudem geht es laut der EVP-Politikerin Imart darum, Landwirte zu schützen. Pflanzliche Lebensmittelhersteller versuchten, den Ruf tierischer Lebensmittel, den Generationen von Landwirten aufgebaut hätten, für die Vermarktung von Konkurrenzprodukten zu nutzen.

Verbraucherschützer sehen das anders. „Obwohl wir sehr auf deutliche Kennzeichnungen bei Lebensmitteln achten, können wir in diesem Fall kein Problem erkennen“, sagt Armin Valet, Lebensmittelexperte bei der Verbraucherzentrale Hamburg. „Die Hersteller wollen hier ja sogar klar und deutlich darauf hinweisen, dass die Produkte vegetarisch oder vegan sind.“

Für Valet wäre die Neuregelung eine Rolle rückwärts – und eine große Umstellung für die Verbraucher. „Auch wenn die Branche gegenüber der Fleischwirtschaft noch klein ist, hat sie sich etabliert, die Verbraucher haben sich daran gewöhnt – nun alles umzumodeln, halten wir für den falschen Weg“, sagt er.

Der Geschäftsführer der Organisation foodwatch, Chris Methmann, spricht indes von „Lobbyismus im Dienste der Fleischindustrie“. Niemand kaufe versehentlich Tofu-Würste, weil er glaube, es seien Rinderwürste. Bundesernährungsminister Alois Rainer (CSU) müsse klarstellen, dass Deutschland „diesen Unsinn nicht mitträgt“, so foodwatch.

Verbraucher sind geteilter Meinung

Bislang dürfen Begriffe wie Wurst, Schnitzel oder Namen anderer typischer Fleischlebensmittel auch für pflanzliche Alternativen verwendet werden. Das Markt- und Meinungsforschungsinstitut YouGov befragte dazu rund 4200 Menschen ab 18 Jahren in Deutschland repräsentativ. Jeder Zweite findet, dass Bezeichnungen wie Schnitzel oder Wurst ausschließlich für tierische Produkte verwendet werden dürfen und pflanzliche Alternativen andere Namen tragen müssen. 28 Prozent lehnen dies ab, 21 Prozent machten keine Angabe.

Nur rund jedem Vierten ist es der Umfrage nach wichtig, dass sich das EU-Parlament mit der Frage befasst, ob Bezeichnungen wie Wurst, Burger oder Schnitzel für pflanzliche Produkte genutzt werden dürfen. Zwei Drittel halten das für unwichtig.

Das Parlament muss nun in Verhandlungen mit den EU-Staaten eine endgültige Einigung auf die neuen Regeln finden. Ob sich für das Bezeichnungsverbot eine Mehrheit findet, ist noch offen. Für Verbraucherschützer Valet hingegen ist klar: „Die Bundesregierung sollte dafür sorgen, dass dieser sinnlose Vorschlag nicht umgesetzt wird.“

Mit Material der Nachrichtenagentur dpa

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