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Schnelllebige Mode zu Billigpreisen Deutsche Läden trüben Primarks Erfolge

Primark ist vor allem für seine günstigen Preise bekannt, doch in Deutschland scheint die Hysterie vorbei zu sein. Quelle: REUTERS

Nach zehn Jahren in Deutschland sind Hysterie und Euphorie um Billigmode abgeklungen. Wachstum erzielt die irische Billigmode-Kette Primark nur noch über Neueröffnungen. Droht ihr das gleiche Schicksal wie H&M?

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In Kiel gab es in den vergangenen Wochen und Monaten nur noch ein Thema: Kommt Primark? Und wenn ja, wann denn endlich? Jetzt gab es grünes Licht aus dem Unternehmen. Am 6. November werde in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt die 31. deutsche Primark-Filiale eröffnet. Für die Teens und Twens aus Kiel und dem Umland ist die Vorfreude auf einen preiswerten Einkauf von T-Shirts, Jeans und allerlei anderem modischen Schnickschnack riesig. Schnelllebige Mode zu Billigpreisen hat auch in Kiel Fans. Bekannt sind die Bilder von Menschenmengen, die zu Primark stürmen, wenn ein neuer Laden eröffnet. Darauf hofft die irische Modekette auch im hohen Norden.

So mancher Primark-Manager dürfte angesichts eines weiteren Standortes in Deutschland jedoch genervt die Augen verdrehen. Denn in Deutschland scheint die Hysterie und Euphorie um den irischen Klamotten-Aldi insgesamt vorbei zu sein. Ausgerechnet die 30 deutschen Läden haben Primark im vergangenen Geschäftsjahr gehörig die Bilanz verhagelt. Das geht aus einem Zwischenbericht hervor, den der Mutterkonzern Associated British Foods kurz vor dem Ende des laufenden Geschäftsjahres Mitte September veröffentlichte.

Genaue Zahlen für den deutschen Markt werden zwar in dem Bericht nicht genannt. Doch während Primark in der gesamten Eurozone immerhin noch mit einem Plus von fünf Prozent rechnet, sei das Wachstum in Spanien, Frankreich und Italien „besonders durch die schwache Performance in Deutschland“ belastet gewesen. Primark wächst ohnehin nur noch über Neueröffnungen, nicht nur in Deutschland. Das zeigt das flächenbereinigte Wachstum in der Eurozone, das wohl um rund drei Prozent niedriger ausfallen dürfte als im Vorjahr. Während Branchenkenner warnen, dass die Goldgräberstimmung und der Hype um Primark den Zenit bereits überschritten haben, sagte Deutschland-Chef Wolfgang Krogmann anlässlich der Bekanntgabe des Eröffnungstermins in Kiel, das im Handel auch nur mit Wasser gekocht werde. Das gelte auch für Primark. Er sei jedoch froh, „dass uns die äußert positive Kundenresonanz in den vergangenen Jahren geholfen hat, schnell aus den Startlöchern zu kommen“.

Insgesamt rechnet Primark im Geschäftsjahr mit Erlösen in Höhe von 8,5 Milliarden Euro, einem Plus von rund vier Prozent. Flächenbereinigt hingegen seien die Erlöse um zwei Prozent gesunken. Zufrieden ist Primark mit der Entwicklung in Großbritannien. Dort konnte Primark trotz schwieriger Bedingungen „beträchtliche“ Marktanteile gewinnen. Dennoch konnte auch im Vereinigten Königreich kein Wachstum auf vergleichbarer Fläche erzielt werden. Flächenbereinigt sanken die Erlöse dort um ein Prozent. Ein „starkes Umsatzwachstum“ sei dagegen in den USA erzielt worden. Dort stiegen die Erlöse sogar auf vergleichbarer Fläche, gleichzeitig wurde der operative Verlust verringert. Im Herbst eröffnet Primark seinen zehnten US-Store in New Jersey, der elfte folgt Ende kommenden Jahres in Florida. Außerdem wurden Verträge für eine Filiale in Chicago unterzeichnet.

Die operative Marge lag im ersten Halbjahr bei knapp zwölf Prozent und damit deutlich über dem Wert des Vorjahreszeitraums in Höhe von knapp zehn Prozent. Die Marge für das zweite Halbjahr werde jedoch durch einen stärkeren US-Dollar beeinflusst. „Unsere Prognosen für das operative Ergebnis für das Gesamtjahr haben sich nicht verändert und liegen leicht über dem Vorjahresniveau“, teilt Primark mit. Die Verkaufsfläche von Primark ist im vergangenen Geschäftsjahr um 88.000 auf 1,45 Millionen Quadratmeter gewachsen. Das Unternehmen betreibt 373 Filialen, davon 30 in Deutschland. Hierzulande sollen Filialen teilweise verkleinert werden, um die Flächenproduktivität zu erhöhen. Im kommenden Geschäftsjahr will Primark 19 neue Geschäfte eröffnen, darunter das erste in Polen.

Besonders belastend ist für Primark das Thema Brexit. Das Unternehmen hat zwar seinen Sitz in Irland, ein Teil der Zentrale liegt aber in England. Hinzu kommt: England ist der wichtigste Markt für Primark. Den Brexit kommentieren die Iren kurz und schmerzlos am Schluss ihres Zwischenberichtes: „Unser Geschäft hat alle praktischen Vorbereitung durchlaufen, sollte das Vereinigte Königreich nicht mehr länger EU-Mitglied sein. Sollten unsere Geschäfte mit dem Austritt eine Störung erfahren, liegen Notfallpläne bereit.“ Wie die im Detail aussehen, dazu äußert sich das Unternehmen nicht.

Insgesamt hat die Wachstumsdynamik der Fast-Fashion-Riesen wie H&M, Zara oder Primark nachgelassen. Am Montag verkündete die US-Modekette Forever 21, dass sie insolvent ist. Bis zu 178 Läden in den USA würden geschlossen, internationale Standorte in Europa und Asien aufgegeben. Über viele Jahre stand Fast Fashion gleichbedeutend mit schnellem Wachstum. Jedes Jahr viele Dutzend neue Läden, die das Umsatzwachstum und die Gewinne in die Höhe trieben. Diese Zeiten sind vorbei. Besonders der schwedischen Textilkette H&M ist seit vielen Quartalen die Puste ausgegangen. Die Erlöse stiegen nur noch durch die Eröffnung vieler neuer Läden. Die Gewinne brachen ein, die operative Marge stürzte von mehr als zehn auf gut sieben Prozent. Mittlerweile stellen sich durch hohe Investitionen in die Digitalisierung des Konzerns zarte Erfolge ein.

Mit dem Online-Handel und digitalen Lieferketten dagegen hat Rivale Primark nichts am Hut. Der irische Discounter setzt einzig und allein auf seine Läden. Ganz ohne Anpassungen kommen aber auch die Iren nicht mehr aus. In Deutschland sollen die Filialen insgesamt kleiner werden. So soll die Flächenproduktivität erhöht werden. Auch die Neueröffnung in Wuppertal fiel deutlich kleiner aus als geplant: Der Laden, der im April eröffnet wurde, sollte ursprünglich Mode-Schnäppchen auf rund 4500 Quadratmetern anbieten. Tatsächlich sind es gut tausend Quadratmeter weniger.

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