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Strukturwandel als ChanceLasst die Kunst in die leeren Läden!

Innenstädte werden nach Corona nicht mehr wiederzuerkennen sein. Dieser Wandel ist eine Chance: Museen, Galerien, Sammlungen können den öffentlichen Raum wiederbeleben. Doch ohne Politik geht es nicht. Die Mietpreise für Kulturschaffende müssen sinken – das wird sich langfristig auszahlen. Ein Gastbeitrag.Julia Stoschek 23.01.2021 - 13:26 Uhr

Kein Spaßbad: Museen sind nicht gleichzusetzen mit anderen Freizeiteinrichtungen, meint Julia Stoschek. Sie fordert kreativere Lösungen.

Foto: Presse

Als die Ausstellungshäuser während der ersten Infektionswelle vergangenes Frühjahr schließen mussten, weil sie nicht als „systemrelevant“ eingestuft wurden, war das nachvollziehbar. Diese Maßnahme war richtig und verantwortungsvoll, angesichts der dünnen Informationslage über das Virus. Die Situation ist heute eine andere.

Der gegenwärtige Lockdown und die Unabsehbarkeit seines Endes gehen an die Substanz, individuell und gesellschaftlich. Ausstellungshäuser können in dieser Zeit Rettungsinseln sein. Kunst und Kultur sind in der Lage, eine Öffentlichkeit herzustellen, die vom Meinungsimperativ und der oftmals toxischen Dynamik des Digitalen unberührt bleibt Museen, Privatsammlungen und auch Kunstgalerien sind Räume der Reflexion und des Diskurses. Nach bald einem Jahr mit der Coronapandemie sind sie nicht nur grundsätzlich relevant für das System, sie werden jetzt gesellschaftlich dringend gebraucht.

Selbstverständlich wird für eine nationale Fluggesellschaft der Rettungsschirm aufgespannt. Aber was bedeutet es für unser geistiges Leben, wenn Kunst und Kultur über Monate ausfallen? Nachdem die Häuser anfangs mit Spaß- und Freizeiteinrichtungen gleichgesetzt worden sind, setzte langsam eine Diskussion über ihren tatsächlichen Stellenwert ein. Wenn wir am Ende – hoffentlich bald – etwas Gutes an der Krise suchen, dann ist es diese Einsicht: Ohne Kunst gibt es eine kollektive geistige Verarmung.

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Was sollte daraus folgen? Die Konsequenz. Seit November sind Museen, Privatsammlungen und mit etwas Verspätung auch Kunstgalerien geschlossen: Wir müssen sie so bald wie möglich wieder öffnen dürfen. Bei unserem letzten Opening Anfang September für die Ausstellung des Videokünstlers Jeremy Shaw in Berlin haben insgesamt mehr als 1000 Menschen vor der Tür gewartet, sie standen teils bis zu zwei Stunden im Abstand von mindestens 1,5 Metern an. Für mich war das die bewegendste Eröffnung, an die ich mich erinnern kann.

Wie in anderen Bereichen auch, hat die Pandemie in der Kunstwelt zu Umstrukturierungen geführt. Es gibt weniger Biennalen, (zum Glück) weniger Jetset und neue digitale (Ausstellungs-)Formate. Diese Entwicklung ist richtig und wichtig, auch wir haben die Pandemie mit ihren Folgen als Anlass genutzt, um meinen lang gehegten Traum in die Tat umzusetzen: Sämtliche Werke meiner Sammlung werden nach und nach auf unserer Webseite ohne Einschränkung zugänglich gemacht.

Digitale Formate sind kein Ersatz

Kunst will gesehen werden, und die hochaktuelle, politische Form der Medienkunst eignet sich wie keine andere zur digitalen Demokratisierung. Ihre Reproduktion produziert keinen Qualitätsverlust, jeder sollte sie sehen können. Die Erfahrung von Ausstellungen in öffentlichen Räumen werden digitale Formate allerdings nicht ersetzen können.

Mehr noch als sonst tausche ich mich derzeit regelmäßig mit Institutionsleitern und Kuratoren anderer Häuser aus. Der Tenor ist überall der gleiche: Es herrscht ein Mangel an rationaler Nachvollziehbarkeit. Die Verantwortlichen haben im Sommer mit viel Einsatz intelligente Hygienekonzepte erarbeitet, die es ermöglichen, dass eine begrenzte Anzahl von Besuchern sich mit ausreichend Platz, geordnet, und unter Einhaltung der gebotenen Maßnahmen bewegen kann. Es sind seitdem keine Ansteckungen aus Museen bekannt geworden.

Ich bin sicher, dass wir in Deutschland zu intelligenteren Lösungen fähig sind, als die Häuser wie derzeit generell zu schließen. Wir brauchen kreative, intelligente Wege, die auch die digitalen Möglichkeiten unserer Zeit ausschöpfen, um differenziert auf die veränderliche Lage antworten zu können – und um jetzt wieder mehr Leben zuzulassen, wo es möglich ist.

Die Stadt neu planen

Unsere Innenstädte werden nach Corona nicht mehr wiederzuerkennen sein. Der zunehmende Onlinehandel wird Firmen, die diese Umstellung verpasst haben, in die Insolvenz treiben und jene, die ihn ernst genommen haben, daran binden. Daraus ergibt sich ein Strukturwandel, der in dieser Geschwindigkeit nicht zu erwarten war – und nun stadtplanerisch zu meistern ist.

Wie aber können die verlassenen Räume wiederbelebt werden, die durch diesen Wandel gerade entstehen? Wer kann dies kurz-, mittel- und vielleicht sogar langfristig übernehmen? Am besten die Kunst- und Kulturschaffenden, die Museen, Institutionen, Sammlungen und auch die darstellenden Künste – und zwar nicht zu den alten kommerziellen Mietpreisen. Deshalb ist es dringend geboten, dass sich die politisch Verantwortlichen zu Kunst und Kultur hinwenden. Es wird sich langfristig auszahlen.

Mehr zum Thema: Onlinekonkurrenz und Lockdown zwingen immer mehr Einzelhändler zum Aufgeben. Den Innenstädten droht der Tod. Ist die City noch zu retten?

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