Titelwahn bei Karstadt Frau Erzherzogin, darf es eine Kreditkarte sein?

Warum Kunden nur mit einem schnöden „Prof.“ oder „Dr.“ begrüßen, wo es doch so schöne Titel wie „Baronesse“, „Lord“ oder „Kurfürstin“ gibt? Karstadt jedenfalls übt sich in standesgemäßer Ansprache.

Eingang des Karstadt-Warenhauses in Düsseldorf Quelle: dpa

Als Karl-Heinrich Groth, seines Zeichens Diplom-Volkswirt und Geschäftsführer im Ruhestand, jüngst die Online-Dependance des Warenhausgroßbetriebs Karstadt aufsuchte, war er doch ein wenig überrascht. Eigentlich wollte sich Herr Groth nur über die Modalitäten einer Karstadt-Visa-Karte informieren, stolperte im Online-Formular aber über eine Titel- und Anredevarianz, die es mühelos mit jedem genealogischen Adels-Handbuch aufnehmen konnte.

Statt eines schnöden „Professor“ oder „Doktor“ habe er zwischen insgesamt 141 Titelformen wählen können, berichtet Groth. Darunter nieder- und hochadelige Exotika à la „Erzherzog“, „Baronesse“, „Lord“ und „Kurfürst“; er habe zwischen „Land- und Markgraf“ entscheiden müssen, so Groth, die „Pflazgräfin“ (!) freilich aus orthographischem Dünkel verworfen.

Karstadts Krisen-Chronik

Offenkundig erwarteten Karstadts Online-Konstrukteure auch regen Zuspruch theologischer Kreise an ihrer Kreditkartenvariante. So schrieb sich Groth die Anredeformen „Abt“, „Bruder“, „Schwester“, „Priester“, „Pastor“ und „Kardinal“ aus dem Titelreigen im Internet ab. Nur der „Papst“ fehlte.

Enttäuschend unvollständig fiel auch der wissenschaftliche Bereich aus. Zwar fanden sich im karstädtischen Fundus allerhand „Dr.rer.phxsiol.“, „Dr.rer.forest“ nebst „Dr.Sportwiss.“. Auf gleichermaßen gängige wie gemeine Diplom-Volkswirte und Diplom-Kaufmänner verzichteten Karstadts Titelexperten jedoch.

Herr Groth fragte sich folgerichtig „in wessen Kopf ein derartiges Werk entstanden ist", ging in die nächstgelegene Karstadt-Filiale und beschwerte sich, schrieb noch einen Brief an den Vorstand – und siehe da: Im Online-Formular wurde die Auswahl inzwischen wieder auf „kein“ Titel, „Prof.“, „Dr.“ oder  „Prof. Dr.“  begrenzt.

Die größten Baustellen von Karstadt
Der neue Karstadt-Eigentümer René Benko übernimmt ein Unternehmen in der Krise. Die Karstadt-Warenhäuser schreiben rote Zahlen und kämpfen mit sinkenden Umsätzen. Ein Teil der Probleme ist auf den Strukturwandel im deutschen Einzelhandel zurückzuführen. Andere Schwierigkeiten sind hausgemacht. Welche Herausforderungen erwarten den Immobilieninvestor. Quelle: dpa
Übermächtige KonkurrenzDie Warenhäuser in Deutschland haben in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt massiv an Marktanteilen verloren. Denn Konkurrenten wie H&M, Zara und zuletzt Primark haben sich mit preiswerten, schnell wechselnden Kollektionen einen immer größeren Teil des Einkaufsbudgets der Verbraucher gesichert. Außerdem geht der Siegeszug der Einkaufszentren zulasten der Warenhäuser. „Alles unter einem Dach“ gibt es dort in der Regel in weitaus größerer Auswahl als in den Warenhäusern. Quelle: dpa
Schwaches Online-GeschäftDer Online-Handel ist zurzeit der mit Abstand größte Wachstumsträger im Einzelhandel. Doch auch hier kann Karstadt bislang mit der Konkurrenz nicht mithalten. Im Gegenteil: Während die meisten Online-Anbieter im vergangenen Weihnachtsgeschäft zweistellige Zuwachsraten verzeichneten, schrumpften die Verkäufe des Essener Unternehmens über das Internet. Quelle: dpa
Unklare MarkenpositionierungDer bis Ende 2013 amtierende Karstadt-Chef Andrew Jennings versuchte Karstadt mit der Brechstange ein jugendlicheres Image zu verpassen. Er wollte den Konzern stärker auf Mode ausrichten, setzte auf neue trendige Marken und gab ganze Sortimentsbereiche wie etwa Elektronik auf. Das verschreckte die ältere Stammkundschaft. Doch neue Zielgruppen wurden dennoch nicht im erhofften Umfang erreicht. Quelle: dpa
Verunsicherte MitarbeiterDie Unsicherheit der vergangenen Jahre und der schleichende Personalabbau in den Filialen ist an den Karstadt-Mitarbeitern nicht spurlos vorübergegangen. Die Gewerkschaft Verdi kritisiert vor allem den bisherigen Eigentümer Nicolas Berggruen: „Die Beschäftigten sind von diesem angeblich sozialen Investor Berggruen bitter getäuscht worden“, sagt Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Wenn Benko die Karstadt-Mitarbeiter auf einem harten Sanierungskurs mitnehmen will, muss er das Vertrauen der Beschäftigten zurückgewinnen. Quelle: dpa
Großer InvestitionsstauDie meisten Handelsexperten sind sich einig, dass bei Karstadt in den letzten Jahren viel zu wenig investiert wurde. Heinemann schätzt den Investitionsstau sogar auf mindestens 1,5 Milliarden Euro. Soviel Geld wäre nach seiner Auffassung nötig, um das Unternehmen zukunftsfähig auszurichten - im stationären, wie im Internethandel. Quelle: ZB

Hat Karstadt-Anführer Stephan Fanderl – übrigens ein „Dr. rer. pol“ – die Experimente seiner Webmaster beerdigt? Hat gar Karstadt-Eigentümer René Benko seine Hände im Spiel? Dessen österreichische Heimat gilt mit all ihren Hofräten, Magistern und rund 900 weiteren Bezeichnungen schließlich als alpenländische Titel-Bastion.

Wer weiß! Ein Unternehmenssprecher jedenfalls schweigt zu Karstadts Titelambitionen.

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