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Werner knallhart

Apotheker sind Supermarktverkäufer mit Hochschulabschluss

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Apotheker. Der liest sie Ihnen dann vor. Vom Display seines Kassencomputers. Das kann ich auch selber.

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Eine Apotheke Quelle: dpa

Stellen Sie sich vor, ein Kunde kommt zu Rewe oder Edeka und sagt zu einer Verkäuferin: "Ich suche einen Brotaufstrich für meine Enkelin. Der heißt Nutello oder so ähnlich. Haben Sie den?"

Die Verkäuferin blickt in Gedanken versunken an die Decke: "Nutello, Nutello, Nutello. Nee, tut mir leid. Nie gehört. Haben wir nicht, hatten wir auch nie und kriegen wir auch nicht rein."

"Schade. Ok, dann suche ich noch nach einer Weingummi- und Lakritzmischung. Die heißt irgendwie Coloradi und ist von Haribu."

"Sowas haben wir auch nicht."

"Und Frischkäse namens Philodolphia oder so?"

"Nee, keinen blassen Schimmer."

Alberne Geschichte, oder? Unrealistisch. Weil sie nicht in der Apotheke spielt.

Wer in der Pharmabranche wen übernehmen will
Die Pharmaindustrie steckt im Übernahmefieber. Die Meldungen über Megadeals häufen sich. Ein Überblick über die wichtigsten Pläne in der Pharmabranche. AbbVie und ShireDer US-Pharmakonzern AbbVie hat im Juli die Übernahme des britischen Rivalen Shire für umgerechnet rund 40 Milliarden Euro angekündigt. Damit wird der Medikamentenbestand deutlich ausgebaut. Zudem soll der Zusammenschluss signifikante Steuervorteile bringen. Quelle: REUTERS
Durch den Kauf von Shire, unter anderem Hersteller von Medikamenten gegen ADHS, erweitert AbbVie sein Produktportfolio deutlich. Größter Umsatzbringer des US-Konzerns ist bislang das Rheumamittel Humira. Quelle: REUTERS
Bayer und MerckDer Dax-Konzern baut sein Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten aus. Da passte es gut, dass US-Konzern Merck & Co seine entsprechende Sparte zum Verkauf feil geboten hat. Für rund 14 Milliarden Dollar (etwa zehn Milliarden Euro) hat Bayer den Zuschlag für die Sparte bekommen und dabei den britischen Konkurrenten Reckitt Benckiser ausgestochen. Quelle: REUTERS
Die ehemalige Merck-Sparte stellt unter anderem Dr. Scholl's-Fußpflegeprodukte, Sonnencremes der Marke Coppertone und das Allergiemittel Claritin her und kam 2013 auf Umsätze von etwa 1,9 Milliarden Dollar. Quelle: dpa
Novartis und Glaxo-Smithkline und Eli LillyEin großes Tauschgeschäft haben Novartis und Glaxo-Smithkline eingefädelt. Am 22. April gaben die beiden Konzerne bekannt, jeweils eine Sparte voneinander zu übernehmen. Der Schweizer Pharmariese Novartis kauft für 14,5 Milliarden Dollar der britischen Glaxo-Smithkline das Geschäft mit Krebsmedikamenten ab. Im Gegenzug erhält Glaxo für 7,1 Milliarden Dollar die Impfsparte von Novartis. Quelle: AP
Mit im Paket des großen Pharma-Deals: ein Gemeinschaftsunternehmen für rezeptfreie Medikamente. Glaxo hält daran die Mehrheit, Novartis lediglich 36,5 Prozent. Das Joint Venture wird zu einem bedeutenden internationalen Spieler bei nicht verschreibungspflichtigen Mitteln. Im Rahmen des Novartis-Konzernumbaus wird noch eine weitere Firma an der Vereinbarung beteiligt. Der US-Konzern Eli Lilly kauft den Schweizern für 5,4 Milliarden Dollar den Bereich Tiergesundheit ab. Quelle: REUTERS
Mylan und MedaAuch der US-Konzern Mylan ist auf Übernahmekurs. Der Generikahersteller hat Branchenkreisen zufolge den schwedischen Arzneimittelhersteller Meda ins Visier genommen. Rund neun Milliarden Euro soll Mylan die Übernahme wert sein. Doch es gibt ein Problem. Quelle: REUTERS

Neulich bat mich eine Kollegin, auf dem Weg zum gemeinsamen Mittagessen etwas aus der Apotheke mitzubringen. Ich mag sie, also tat ich ihr den Gefallen. Sie nannte mir den Namen des Präparats. Ich versuchte, ihn mir zu merken. Es gelang mir nur halbwegs.

Irgendwas mit Vitracap. Ein Präparat gegen winzige Verklumpungen im Glaskörper des Auges, die sich als nervige graue Mini-Schatten im Gesichtsfeld bemerkbar machen. "Ein rezeptfreies Nahrungsergänzungsmittel", wie meine Kollegin sagte.

Der Apotheker war ein typischer Apotheker. Hager, Brille, mit weißem Kittel, weil es anders ja sehr unhygienisch wäre, Pappschachteln anzufassen, in denen Tabletten in Blisterverpackungen eingeschlossen sind.

Ich war an der Reihe: "Ich hätte gerne Vitracap oder so ähnlich."

Der Apotheker tippte auf seiner Kasse herum: "Das gibt es nicht."

"Das ist ein Mittel, das für eine klare Flüssigkeit im Glaskörper des Auges sorgt. Irgendwas mit Cap am Ende."

"Hmm, der kann nicht nach hinteren Silben suchen."

"Und Prozentzeichen plus Cap?"

"Nein, das geht nicht."

Wer die Pharmawelt beherrscht
Aufsteiger 1: Valeant (Kanada)Der kanadische Pharmariese wächst und wächst – hauptsächlich durch Zukäufe. Im Jahr 2013 kaufte Valeant den Kontaktlinsen-Hersteller Bausch & Lomb aus den USA für 8,7 Milliarden Dollar. Im Bereich Augengesundheit wollen die Kanadier ganz vorne mitmischen. Beim Umsatz hat es der Konzern zumindest schon einmal in die Top 30 der Welt geschafft. Die Pharma-Erlöse stiegen um 62,4 Prozent auf 5,8 Milliarden Dollar. Quellen: Unternehmen, HB-Schätzungen Quelle: AP
Aufsteiger 2: Biogen Idec (USA)Erst Ende März 2013 wurde das Multiple-Sklerose-Mittel Tecfidera in den USA zugelassen. Doch die Tablette ist eine Goldgrube für das aufstrebende US-Biotech-Unternehmen Biogen Idec. Im Jahr 2013 steigerte es dank Tecfidera den Umsatz um gut ein Viertel auf 6,9 Milliarden Dollar. Quelle: AP
Aufsteiger 3: Actavis (Irland/USA)Das Unternehmen ist der weltweit zweitgrößte Hersteller von Nachahmerpräparaten. Doch allzu großes Wachstum verspricht dieses Geschäftsfeld nicht unbedingt, da der Preisverfall oft das Mengenwachstum aufzehrt. Actavis wächst daher vor allem mit Übernahmen: In den vergangenen drei Jahren steckte der Konzern mehr als 14 Milliarden Dollar in Zukäufe. Der Konkurrent Forest Laboratories soll nun für 25 Milliarden Dollar ebenfalls geschluckt werden. Im Jahr 2013 legte der Umsatz um 46,7 Prozent auf 8,7 Milliarden Dollar zu. Quelle: PR
Deutsche Unternehmen: MerckDer Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern wächst im Jahr 2013 moderat. Der Umsatz legt um 2,6 Prozent auf umgerechnet 7,9 Milliarden Dollar zu (Schätzung). In der Rangliste der größten Pharmaunternehmen der Welt schafft es Merck damit auf Platz 23. Das könnte sich aber ändern, denn das Unternehmen plant einen Zukauf: Die Darmstädter bieten rund zwei Milliarden Dollar für die britische Spezialchemiefirma AZ Electronic Materials – eine ehemalige Hoechst-Tochter, die unter anderem Komponenten für Apples iPad liefert. Quelle: dpa
Deutsche Unternehmen: Boehringer IngelheimDas Familienunternehmen ist der zweitgrößte deutsche Pharmakonzern. Im Jahr 2013 hielt Boehringer Ingelheim die Umsätze stabil und landet mit umgerechnet 14,7 Milliarden Dollar (Schätzung) auf Platz 17 der Rangliste. Aktuell ist Boehringer in den USA mit einer Klagewelle konfrontiert. Mehr als 2000 Kläger werfen dem Unternehmen vor, für schwere und zum Teil tödliche Blutungen nach einer Behandlung mit dem Gerinnungshemmer Pradaxa verantwortlich zu sein. Quelle: dpa
Deutsche Unternehmen: BayerBayers Pharma-Umsätze wachsen, die Leverkusener legen zum sieben Prozent zu und rücken in der Rangliste mit umgerechnet 14,9 Milliarden Dollar Umsatz auf Platz 16 vor. Gerade Bayers neue Medikamente wie das Schlaganfallmittel Xarelto laufen prächtig. Die Umsatzziele für die fünf stärksten Medikamente wurden erhöht. Quelle: REUTERS
Platz 10: Teva (Israel)Der weltgrößte Generika-Hersteller kommt aus Israel: Teva. Im Jahr 2013 stagnierte der Umsatz des Konzern allerdings bei gut 20 Milliarden Dollar. Große Hoffnungen ruhen auf dem neuen Chef Erez Vigodman. Teva ist auch in Deutschland aktiv – so gehört seit 2009 die Ulmer Ratiopharm zum Konzern. Quelle: Presse

"Also muss man immer die ersten Silben des Namens kennen? Wie in den Achtzigerjahren, als man noch Karteikarten und Kataloge durchgeblättert hat?"

Schweigen. Ich setzte neu an: "Naja, der Name ist ja auch egal. Es ist ein Mittel gegen Verklumpungen von Collagenketten im Glaskörper."

Der Apotheker wirkte nun noch hagerer. Er glotzte stumm auf sein Kassendisplay. Seine Hände bewegten sich nicht. Ich überlegte, wie ich dem Apotheker weiterhelfen konnte: "Probieren Sie doch mal Vitrocap."

Klackern auf der Tastatur: "Das gibt es, aber das haben wir nicht da. Kann ich Ihnen bis heute Nachmittag bestellen."

"Nee, ich..."

"Oder Moment, hier haben wir noch was anderes."

Er griff schräg hinter sich ins Regal. Auf der Schachtel stand fett unter dem Namen: Makula-Degeneration.

Ich: "Das ist doch was gegen Netzhautprobleme."

Er: "Ach so, ja."

Ich suchte das Weite. Denn ich hatte noch ein paar Minuten. Und wo eine Apotheke war, war die nächste nicht weit. Stellen Sie sich in einer Fußgängerzone mal vor eine Apotheke und gucken Sie links und rechts. Fast immer erblicken sie die nächste Apotheke.

Warum ist das so? Solange es sich lohnt, in Innenstädten alle 200 Meter eine Apotheke zu betreiben, läuft was falsch im Gesundheitssystem - auf Kosten der Patienten.

Salben mischen und Pillen drehen

"Guten Tag, ich hätte gerne Vitrocap."

"Gerne." Die Apothekerin drückte eine Taste am Computer und hielt dann ihre Hand in den Schachtelschacht hinter sich. Die Pillen plumpsten ihr automatisch in die Finger. Ich las: "Ergänzende bilanzierte Diät zu diätetischen Behandlung". Ich fragte: "Wie genau muss man denn diätetisch essen, um Collagen-Klumpen im Auge vorzubeugen?"

Sie sagte: "Gesund." Sie hätte doch einfach sagen können: "Keine Ahnung. Ich bin ja keine Ärztin."

Was gegen Erkältung hilft - und was nicht
Fast jedes dritte von rund 2000 überprüften rezeptfreien Medikamenten ist laut Stiftung Warentest wenig gegen Erkältungen geeignet. Darunter fallen bekannte Mittel gegen Erkältung, Schnupfen, Halsentzündung, Verstopfung, Durchfall oder Insektenstiche. Oft schneiden die Kombinationen verschiedener Wirkstoffe schlecht ab, etwa von Schmerzmitteln und anregenden Mitteln in Erkältungsmedikamenten. In anderen Fällen bemängeln die Tester hohen Alkoholgehalt etwa bei einem Erkältungsmittel für die Nacht oder ungeeignete Zusammenstellungen bei Tabletten gegen Halsinfektionen. Die 2000 rezeptfreien Medikamente sind Teil einer umfassenderen Datenbank von Stiftung Warentest mit Arzneimitteln. Quelle: dpa
Bei Erkältung und Grippe hat die Apotheke so einiges an rezeptfreien Mitteln zu bieten. Doch viele halten nicht, was sie versprechen. Aspirin Complex Granulat: Nicht sinnvolle Kombination aus einem Schmerzmittel und einem anregenden Mittel, das über die Blutbahn im ganzen Körper verteilt wird. Doregrippin Tabletten: Wie beim Aspirin Complex Granulat stuft die Stiftung Warentest die Kombination der Mittel als nicht sinnvoll ein. Grippostad C Kapseln: Enthält ein müde machendes Antihistaminikum, das über die Blutbahn im ganzen Körper verteilt wird. WICK DayMed und MediNait (Kapseln und Getränke): Nicht sinnvolle Kombination unter anderem aus einem Schmerzmittel, einem Hustenmittel und einem anregenden Mittel. Alternative: Die einzelnen Erkältungssymptome sollten besser getrennt behandelt werden. Gegen Schmerzen und Fieber reicht Parazetamol allein. Bei Schnupfen ist die kurzzeitige Anwendung von abschwellenden Nasentropfen verträglicher. Quelle: Fotolia
Schnupfen und AllergienRhinopront Kombi Tabletten: Wenig geeignet bei Schnupfen. Nicht sinnvolle Kombination an Mitteln. Reactine duo Retardtabletten: Hilft kaum bei allergischem Schnupfen. Wenig sinnvolle Kombination aus einem Antihistaminikum und einem anregenden Stoff, der über die Blutbahn im ganzen Körper verteilt wird und dabei auch die Schleimhäute abschwillt. Bei Daueranwendung kann es zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kommen. Alternative: Tabletten, Tropfen oder Saft mit Cetirizin oder Loratadin sollen bei akuten Allergie-Beschwerden helfen. Cromoglizinsäure als Nasenspray zur Vorbeugung (früh genug mit der Behandlung beginnen, unkonservierte Präparate bevorzugen). Bei einem normalen Schnupfen ist die kurzzeitige Anwendung von abschwellenden Nasentropfen verträglicher. Quelle: dpa
Nahrungsergänzungsmittel mit Zink und Vitamin C sollen das Immunsystem unterstützen. Natürlich braucht der Körper bestimmte Nährstoffe, damit das Abwehrsystem gegen Bazillen und Viren funktioniert. Doch Vitamin C- und Zinktabletten können Erkältungen nicht heilen oder gar verhindern. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) gibt es keine wissenschaftlichen Beweise für den Nutzen der bunten Pillen. Die Zufuhr ist normalerweise über die Ernährung sichergestellt, Mangelzustände an Vitamin C und Zink kommen in Deutschland nur selten vor. Gute Vitamin C-Lieferanten sind zum Beispiel Orangensaft, Brokkoli, Kiwi oder rote Paprika. Zink ist zum Beispiel in Fleisch, Ei, Vollkorn- und Milchprodukten enthalten. Die empfohlene Tagesdosis wird etwa bereits durch ein Stück Rindfleisch (150 Gramm) und ein Glas Milch gedeckt. Quelle: dpa
Doch nicht nur gegen Erkältungssymptome gibt es rezeptfreie Mittelchen, die leider nichts bewirken. Auch gegen andere Wehwehchen ist nutzloses Kraut gewachsen... Quelle: dpa
SchürfwundenBrand- und Wundgel Medice: Das Gel ist laut Stiftung Warentest wenig zur Wundpflege geeignet. Die therapeutische Wirksamkeit ist nicht ausreichend nachgewiesen. Zudem kann der Inhaltsstoff Benzethonium leicht Allergien auslösen. Alternative: Leichten Verbrennungen mit unverletzter Haut unter fließendem Wasser schnell kühlen. Offene Wunden sollten aber nicht selbst behandelt werden. Pyolysin Salbe: Auch diese Salbe für oberflächliche Wunden verfehlt ihre Wirkung. Alternative: Povidon-Jod-Lösung eignet sich zum Desinfizieren, Dexpanthenol-Salbe zur Pflege bei oberflächlichen Schürfwunden. Quelle: Fotolia
HalsschmerzenDobendan Strepsils Dolo bzw. Dolo-Dobendan Lutschtabletten: Die Kombination der Inhaltsstoffe ist nicht sinnvoll: Antiseptika wie Cetylpyridiniumchlorid sind gegen Viren nur lückenhaft oder gar nicht wirksam. Bakterien in tieferen Schleimhautschichten werden zudem nicht erreicht. Das schmerzstillende Benzokain kann leicht Allergien hervorrufen. Dorithricin Lutschtabletten/ Lemocin Lutschtabletten: Auch diese Tabletten helfen nicht wirklich gegen Entzündungen im Hals. Das Antibiotikum Tyrothrizin wirkt nur oberflächlich und erreicht Bakterien in tieferen Gewebeschichten nicht. Auch hier ist das schmerzstillende Benzokain enthalten, das leicht Allergien auslösen kann. Locabiosol 0,125 mg Spray: Die therapeutische Wirksamkeit des Antibiotikums Fusafungin bei Halsinfektionen ist nicht ausreichend nachgewiesen. Die Anwendung als Spray kann bei empfindlichen Personen zu Asthmaanfällen führen. Alternative: Halsentzündungen werden häufig durch Viren verursacht, bei denen Antibiotika nicht wirken. Zuckerfreie Halsbonbons befeuchten die Schleimhäute und  können Schluckbeschwerden lindern. Lutschtabletten mit Ambroxol oder Lidokain wirken schmerzstillend. Quelle: Fotolia

Da lernen die Apotheker an der Uni jahrelang vor sich hin. Aber an den Bedürfnissen vieler Kunden vorbei. Heutzutage müssen sie eben kaum noch Salben mischen und Pillen drehen. Sie müssen Schachteln in kleine Plastiktütchen stecken und ein Päckchen Tempos dazu.

Und weil ihnen der Monitor auf der Kasse den Text der Beipackzettel anzeigt, wissen sie auch eine Menge über die gekauften Präparate zu berichten. Aber sobald eine Frage aufkommt, die sich nicht mit ein paar Mausklicks lösen lässt, herrscht in vielen Apotheken dösige Stille. Macht aber nichts. Ich frage einfach meinen Arzt, lese die Packungsbeilage und recherchiere im Internet. Das reicht völlig. Warum sollte ich auch ausgerechnet auf jenen hören, der mit meiner Medizin Geld verdienen will?

Die größten Pharmahändler
Marktführer in Deutschland ist der Mannheimer Pharmahändler Phoenix. Das 1994 gegründete Unternehmen, das in vielen Ländern Europas aktiv ist, gehört der schwäbischen Unternehmerfamilie Merckle. Phoenix erzielte zuletzt mit rund 29.000 Beschäftigten einen Jahresumsatz von weltweit 21,2 Milliarden Euro, rund ein Drittel davon in Deutschland. Nach Expertenschätzungen kommt Phoenix hierzulande im Pharmagroßhandel auf einen Marktanteil von etwa 25 bis 28 Prozent. Zuletzt hatte das Unternehmen allerdings etwas an Boden verloren. Bild: Phoenix Quelle: Presse
Nach dem Marktführer Phoenix folgen vier Unternehmen, die im deutschen Arzneihandel auf Marktanteile zwischen 12 und 17 Prozent kommen. Die deutsche Apothekergenossenschaft Noweda aus Essen ist nach eigenen Angaben derzeit die Nummer zwei. Die Geschichte des Unternehmens reicht bis ins Jahr 1939 zurück. Mit rund 1900 Beschäftigten erzielte Noweda zuletzt einen Jahresumsatz von 4,3 Milliarden Euro. Im Bild: Wilfried Hollmann, Vorsitzender des Vorstands. Bild: Noweda Quelle: Presse
Der Stuttgarter Apotheker-Zulieferer Celesio erwirtschaftete 2012 mit 38.000 Beschäftigten weltweit einen Jahresumsatz von gut 22 Milliarden Euro, davon vier Milliarden Euro im deutschen Pharmagroßhandel. Experten zufolge kommt das Unternehmen hierzulande auf einen Marktanteil von rund 16 Prozent. Das 1835 gegründete Unternehmen gehört mehrheitlich der Duisburger Familienholding Haniel, die 50,01 Prozent der Anteile hält. Der Mischkonzern hatte 1973 die Mehrheit am Celesio-Vorgänger Gehe übernommen, der 2003 in Celesio umbenannt wurde. Der US-Branchenführer McKesson will Celesio für 6,1 Milliarden Euro übernehmen. Quelle: dapd
Hinter dem Namen Alliance Healthcare Deutschland verbirgt sich der traditionsreiche Frankfurter Pharmahändler Anzag (Andreae-Noris Zahn AG), der 2012 von der britischen Drogeriekette Alliance Boots übernommen wurde. 2013 firmierte Anzag um in Alliance Healthcare Deutschland. Das Unternehmen erwirtschaftete zuletzt mit mehr als 2700 Beschäftigten einen Jahresumsatz von rund vier Milliarden Euro. Bild: Alliance Healthcare Deutschland Quelle: Presse
Der Pharmahändler Sanacorp kam im Jahr 2011 mit rund 3000 Beschäftigten auf einen Jahresumsatz von etwa 3,7 Milliarden Euro. Das Unternehmen ist inzwischen eine Tochterfirma der in Italien ansässigen Sanastera Holding. Die Geschichte der Sanacorp reicht bis ins Jahr 1924 zurück, als in Esslingen eine erste Apothekergenossenschaft gegründet wurde. Aus der Fusion mehrerer dieser Genossenschaften ging schließlich 1992 die Sanacorp hervor. Bild: Sanacorp Quelle: Presse

Wie kommt es zum Beispiel, dass jetzt im November gefühlt jede Apotheke ihre Auslagen hinter dem Tresen bis zur Decke mit den blauen Kartons von Orthomol immun vollstopft? Antwort: Weil das Zeug unfassbar teuer ist. Dabei gibt es keine einzige Studie, die die Wirksamkeit des Sirups zur Vorbeugung gegen Erkältung belegt. Keine!

Muss es auch nicht geben. Ist ja nur ein Nahrungsergänzungsmittel. Selbst der Hersteller behauptet das nirgends. Aber die Apotheken verkaufen es als gesundes Herbstmittelchen vor der kalten Jahreszeit. Motto: Kann doch zumindest nicht schaden.

Geldmacherei und seriöse Beratung gleichzeitig. Kann das funktionieren? Dass Ärzte ihre Fortbildungen zum Teil von der Pharmaindustrie bezahlen lassen, ist denen selber nicht geheuer. Viele Mediziner fordern ein Verbot des Sponsorings. Aber dass wir Apotheker zu Risiken und Nebenwirkungen befragen sollen, obwohl sie mehr verdienen, je mehr und je teurer sie verkaufen, stört die Apotheker-Zunft offenbar nicht. Wie Supermarktverkäufer mit Hochschulabschluss.

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Und nun berichtet die WiWo in der aktuellen Ausgabe: Einzelne Apotheken fallen jetzt auch noch auf organisierte Kriminelle rein und lassen sich versehentlich gefälschte Medizin andrehen - die sie ahnungslos an ihre Kunden weiterverkaufen. Nahezu monatlich werden neue Fälle bekannt.

Das war doch das letzte unumstößliche Argument der Apotheker: Originale Präparate kauft man am sichersten beim Original und nicht im Pfui-Bäh-Internet. Was spricht nun noch gegen eine anonyme Internet-Apotheke, solange sie seriös ist? Den netten Apotheker von nebenan können die Kriminellen von der Pillenmafia ja offensichtlich genauso erwischen. Trotz des weißen Kittels.

Ich bin gar nicht der Meinung, dass Apotheker alles auswendig wissen müssen und kein Geld verdienen sollen. Aber wenn sie wenig auswendig wissen, sollen sie eben weniger verdienen. Das macht die Zäpfchen und Tabletten und Säfte und Salben und Ampullen billiger. Und wenn sich Apotheken nur lohnen, wenn wir Patienten dafür ordentlich drauf zahlen, dann sollten lieber einige Apotheken dort verschwinden, wo es sie doppelt und dreifach gibt. Dann bleibt uns am Ende des Monate mehr Geld für Brotaufstrich, Lakritz und Frischkäse.

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