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Werner knallhart

Das deutsche Abendbrot lebt - mittags!

Abends essen wir heute Pizza und Nudeln. Aber dafür mampfen wir plötzlich mittags im Restaurant Stullen. Das ist die goldene Post-Starbucks-Ära in Deutschlands Bäckereien.

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Quelle: Fotolia

Es gibt Trends, die sind so dämlich, dass sie schon wieder vorbei, bevor sie die Provinz erreicht haben. Ich sage nur: "Bubble Tea". Nennen wir sie hysterische Hypes. Ich nehme an, bis über die Knöchel hochgekrempelte enge Jeans, unter denen dann haarige Storchenbeinchen rausgucken, wird mit Ende der Sommersaison 2016 von den Großstädten aus ebenfalls die langsame Welle des Todes überrollen.

Dann gibt es Trends, die halten sich gut und gerne ein Jahrzehnt. So wie die Gelkamine in den Nullerjahren. Heute findet man sie gerade noch in Baumärkten. Und auch dunkle Chilli-Schokolade mit Salz und Pfeffer und Kümmel und so war mal eine "Wie? Du kennst das noch nicht?"-Phase.

Und ich finde, Hipsterbärte sollten sich langsam auch mal erledigen. Aber das ist nur meine Meinung. Die riesigen Hipster-Retrobrillengestelle hat es aber schon erwischt, hihi.

Und dann gibt es Entwicklungen, die bleiben lange. Tattoos zum Beispiel. Die bleiben sehr, sehr lange, aber das liegt in der Natur der Sache. Spätestens wenn die ersten Geckos ihren Trägern von der Schulter unter die Achsel gewandert sind, werden es sich die jungen Leute aber überlegen mit Tattoos. Naja, egal.

Ich wollte ja eigentlich auf was ganz Anderes hinaus. Es gibt einen Trend, der hat sich in unserem Leben derart manifestiert, der ist schon kein Trend mehr, der ist ein nicht mehr wegdenkbarer Standard. Ich meine unsere Kaffeekultur. Und dabei spielt es keine Rolle, ob diese ganzen Karamell-Macchiatos mittlerweile ein oller Hut sind und ob der gute, alte Filterkaffee wieder salonfähig wird. Starbucks und seine Konkurrenten haben uns vor gut zwölf Jahren neben Espressokaffee aus der Litertasse zu Mondpreisen auch etwas anderes beigebracht: Brot zum Mittagessen.

Bagels mit Thunfisch oder Curryhuhn. So ging es los. Dann kamen die italienisch angehauchten Ketten mit Panini mit Parmaschinken oder Putenpastrami oder Tomate und Mozzarella.

2002 plakatierte der Billigburger-Imbiss McDonalds noch: "Butterbrot ist tot." Und zeigte einen Bagel. Und das deutsche Bäckerhandwerk schäumte.

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Mittagspause Quelle: dpa/dpaweb
Kantine Quelle: dpa
Currywurst Pommes Quelle: dpa
Pasta Quelle: AP
Obst und Gemüse Quelle: Fotolia
Eine andere vegetarische Variante ist der Salat. Ihn essen acht Prozent regelmäßig. Quelle: Fotolia
Süßigkeiten Quelle: Fotolia

Doch dann trumpften die ersten Berliner Cafés so um 2005 auf mit ihren rustikalen Sauerteigstullen mit Butter, dick Käse, Schwarzwälder Schinken oder Ei. Das belegte Brot war mit einem Mal nicht mehr alte Tradition, sondern richtig originell. Solange man es eben zu Bio-Apfelschorle in der Mittagspause aß.

Und danach ging alles richtig los und durcheinander. Panini, Oliventapenade, Baguette, Münsterkäse, Stulle, Kichererbsencreme, Bagel, vegetarisches Mett, Wraps, Kapern, Smørrebrød, Krabben.

Doch die Bäckereien, unsere Bäckereien mit dem weltweit berühmten Brot, machten schon wieder lange Gesichter und sagten: och, Menno.

Denn kein Mensch unter 50 setzte sich fortan mehr mit nem Pott Kaffee und Streuselkuchen in die altbackenen Sitzecken mit Blick auf das Rollregal mit den abgeräumten Tabletts. Und Brot für abends war auch nicht mehr so gefragt. Zwei Brotmalzeiten? Dann abends doch lieber Pasta, Sushi oder Salat.

Die Bäcker witterten ihre Chance

Doch dann passierte etwas ganz Wunderbares. Die Bäcker witterten ihr Potenzial: Wenn die Menschen schon bappige Bagels und plattgedrückte Panini lecker finden, wenn es Berliner Hipsterläden mit langen dicken Holztischen gelang, belegte Brote mit Leberwurst und Gürkchen zum Lebensstil zu erheben, was können dann wir?

Die Bäcker drehten sich mit glänzenden Augen in ihren Backstuben umher und sahen ihr Zwiebelbrot, Kürbiskern-Brötchen, Brezeln und Laugencroissants, Vollkornkracher, Käsestangen, Franzbrot, Mohn- und Sesamsemmeln, Wasserwecken, Milchbrötchen und Kümmelbrot.

Da warfen die Bäcker ihre Draußen-nur-Kännchen-Sitzmöbel auf den Sperrmüll, nahmen die Sparkassen-Kalender von der Wand und fingen noch einmal von vorne an. Gucken Sie sich mal um! Anstatt viel zu spät den verblassten Starbuckstrend zu imitieren, gelingt es heute vielen Bäckereien mit ihrem eigenen Stil ein individuelles Ambiente zu schaffen. Auch und gerade die kleinen Familienunternehmen. Für das belegte Brot zum Kaffee. Mittags!

Und die Leute kommen. Nach einem Tiefpunkt in der Mitte der Nullerjahre haben sich Umsätze im Bäckerhandwerk in Deutschland wieder berappelt und sind vergangenes Jahr noch einmal leicht angestiegen. Es ist einem alten Traditionshandwerk gelungen, einen Trend der Konkurrenz umzumünzen in einen eigenen Marktvorteil. Heute gucken mitunter selbst die McDonald's-Strategen verdattert aus der Wäsche, sagen Menno und machen nach, was andere vormachen, sogar mit gesunden Zutaten wie Grünkohl.

Nun müssen die Bäckereien nur aufpassen, dass der Erfolg nicht müde macht. Selbst SB-Ketten wie Backwerk verkaufen schließlich Vollkornstullen.

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Aber es geht noch weiter. Vor ein paar Tagen geriet ich am Rande von Bielefeld eher zufällig in eine wahre Kathedrale des Brots. Eine Bäckerei-Kette hat dort auf einer Fläche wie bei einer großen McDonalds-Filiale ein Brotrestaurant für die Mittagspause aufgebaut. Mit viel hellem Holz bis unter die dunkle Decke, kunterbunten Kissen, warmer Beleuchtung aus Hängelampen mit großen Schirmen und sogar  - Achtung! - einem Kaminzimmer mit Bücherregal und Leseecke. Und draußen mit Autoschalter und riesigem Parkplatz.

Drinnen an der Glas-Theke gibt es neben einer schier überwältigenden Auswahl an belegten Broten, Sandwiches, Kuchen, süßen Teilchen, Obstsalat und dem kompletten Kaffee-Angebot auch warmes Mittagessen wie Spargelpizza, strammer Max, Rührei auf Brot und Salat mit frisch gebratenem Geflügelfleisch.

Ich muss sagen: Da ist etwas entstanden, das internationales Potenzial hat. Das deutsche Abendbrot. Jetzt mittags. Nun braucht es nur noch einen neuen Namen.

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