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Werner knallhart

Zucker und Tabak: Wirtschaft geht vor Kinder-Gesundheit

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Dem Zucker geht es an den Kragen

Jetzt zum Zucker. Auch die Zuckerindustrie mischt auf Parteitagen mit eigenen Ständen mit. Wohl weil sie ahnt, was ihnen blüht. In Demokratien, die sich am Wohl der Menschen und nicht am Wohl der zahlenden Lobbys orientieren, geht es dem Zucker langsam an die Prozente. Weil zu viel Zucker dick macht und Diabetes heraufbeschwört.

Beispiel Großbritannien: Die Briten wollen weder dick noch krank sein. Seit April gilt dort eine neue Zuckersteuer. Prompt haben einige Hersteller die Rezeptur ihrer Getränke geändert und den Zuckeranteil radikal gesenkt. Laut der Verbraucherorganisation Foodwatch etwa bei Sprite für den britischen Markt von 6,6 auf 3,3 Gramm pro 100 Milliliter. Dafür ergänzte das Unternehmen Süßstoff.

Coca-Cola sagt: Das hat nichts mit der Steuer zu tun, das war eh geplant. Naja.

Das Besondere ist nicht nur die Senkung. Sondern auch der Ausgangswert. Früher 6,6 Gramm Zucker auf 100 Milliliter. Und jetzt suchen Sie sich bitte festen Halt. Wie viel Zucker enthält Sprite heute in Deutschland? 9,2 Gramm! Also heute noch rund 50 Prozent mehr als damals in England. Und jetzt 200 Prozent mehr.
Eine Dose Sprite beinhaltet also 30,4 Gramm Zucker. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen, nicht mehr als 25 Gramm pro Tag zu sich zu nehmen. Eine einzige Dose reißt also schon alle Grenzen ein.
Was soll das? Nun hat Coca-Cola angekündigt, den Zuckergehalt von Sprite auch hier in Deutschland noch dieses Jahr um 50 Prozent zu senken. Von einem wahnsinnigen Level auf eins, dass dann mit 4,6 Gramm immer noch deutlich über dem in Großbritannien (3,3) liegt.

Aber zum Glück hat die Zuckerindustrie ja ihre Verbraucherschutzministerin Julia Klöckner (CDU). Sie schützt die Industrie vor den Verbrauchern, in dem sie lieber in den Kitas die Kinder zu gesünderer Ernährung erziehen möchte. Denn sie wolle den Bürgern nichts vorschreiben. Ach Gottchen, wie zuckersüß! Das wird wohl kaum schlagartig das Konsumverhalten von Millionen von Menschen ändern. Anders als eine Steuer, die von heute auf morgen der Zuckerlobby schadet.

Überzuckerung erlauben und stattdessen nur aufklären: Das ist so, als würde man die Gurtpflicht im Auto aufheben, aber bereits in der Kita darüber sprechen, dass es doch eigentlich viel sicherer ist, sich freiwillig anzuschnallen.

Darf's ein bisschen weniger sein?
Lidl Quelle: dpa
Haribo Quelle: dpa
Rewe Quelle: dpa
Dr. Oetker Quelle: dpa
Eckes-Granini Quelle: dpa
Valensina In Sachen Saft argumentiert Valensina ähnlich wie Eckes-Granini. Doch das Unternehmen produziert auch sogenannte Frühstücks-Nektare. Bei denen sei geplant, „verschiedene Rezepturen mit einem nochmals reduzierten Zuckeranteil auf ihre Akzeptanz bei den Verbrauchern zu überprüfen“, teilt Valensina mit. Quelle: imago images
Bahlsen Quelle: dpa

Politiker sind aber nun einmal dazu da, regulierende Vorschriften zu machen. Dafür sind die demokratisch legitimiert. Das ist demnach keine Bevormundung wie in einem Polizeistaat. Mit selbst auferlegten Anreizen zur Verhaltensänderungen entwickelt sich die Gesellschaft in eine von der Mehrheit gewollte Richtung. Das gilt im Straßenverkehr, wo man eine Gurtpflicht eingeführt hat, statt nur auf Kita Anschnall-Pädagogik zu setzen, und das kann genauso auch bei gesundheitsschädlicher Ernährung gelten.

Gerne Gurtpflicht plus Aufklär-Videos vom ADAC. Gerne mehr säen, ernten und kochen in der Kita. Und trotzdem weniger Zucker in der Limo. Keiner würde doch bestreiten, dass beides mehr bewirkt, als nur eins. Dass all das der Zuckerindustrie schadet, ist ein Kollateralschaden, der hinzunehmen ist. So wie auch die Hersteller von Windschutzscheiben weniger Umsätze machen dank der Gurtpflicht. Es fliegt halt weniger durch. Ich glaube nicht, dass selbst eine starke Glas-Lobby in Deutschland je gegen die Gurtpflicht getrommelt hätte. Glashersteller sind nämlich gute Menschen.
Und glaubt jemand wirklich, es gäbe mehr als zwanzig, dreißig Konsumenten bundesweit, die an unserem Rechtsstaat verzweifeln würden, wenn ihre geliebte Alltags-Limo plötzlich weniger Zucker hat? Wer dies ernsthaft als Verlust an Lebensqualität empfindet, dem tut wahrscheinlich weniger Zucker ganz besonders gut.

Meine Güte! Ich glaube, es wäre am besten, man erfindet einfach ein einziges Verbot. Das des Sponsorings von Parteien durch Lobbyisten. Damit unsere Volksvertreter einfach wieder menschenfreundliche Politik machen können, ohne dass irgendwelche Partei-Kassenwarte Alarm schlagen.

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