BASF-Chef Kurt Bock Abschied des Rationalisten

Kurt Bock tritt als Vorstandschef des weltgrößten Chemiekonzerns ab. In zwei Jahren will er den Vorsitz im Aufsichtsrat übernehmen. Quelle: dpa

Zum letzten Mal stellt Kurt Bock die Jahreszahlen des weltgrößten Chemiekonzerns vor, bevor er in den Aufsichtsrat wechselt. Die Zahlen sind gut, die Perspektive weiter ungewiss. Der Konzern steht vor Veränderungen.

Seine eigene Bilanz will Kurt Bock nicht beurteilen. „Bei der Frage kneife ich“, erklärt der BASF-Vorstandsvorsitzende in Ludwigshafen. Ein Urteil über seine eigene Leistung? Das sei anmaßend, meint Bock, das müssen andere treffen. „Man lernt auch Demut in dem Geschäft“, sagt er.

Vorstandsvorsitzender des weltgrößten Chemiekonzerns, diesen Titel trägt Bock nur noch wenige Wochen. Zur Hauptversammlung Anfang Mai will er den Posten an seinen Vorstandskollegen Martin Brudermüller abgeben. Nach der gesetzlich vorgeschriebenen Abkühlphase von zwei Jahren soll Bock dann an die Spitze des Aufsichtsrats der BASF wechseln, so lautet jedenfalls der Plan.

Zum letzten Mal stellt Bock deshalb heute in Ludwigshafen die Jahreszahlen vor Journalisten vor. Und die sind gut: BASF konnte seinen Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr um 12 Prozent auf 64,5 Milliarden Euro steigern. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg noch stärker, um 32 Prozent auf 8,3 Milliarden Euro. Im kommenden Jahr will BASF den Umsatz um weitere fünf Prozent, das Ergebnis um bis zu zehn Prozent steigern. Es sind schöne Prognosen, mit denen sich Bock von seinem Amt verabschiedet.

Die Strategie des Konzerns allerdings erscheint weniger rosig. Der weltgrößte Chemiekonzern hat in den vergangenen Jahren einige Kehrtwenden erlebt. Und einige davon sind noch nicht vollendet. Die Branche befindet sich im Umbruch – genauso wie BASF. Die Übernahmewelle der vergangenen Jahre zeigt ihre Folgen: Konkurrenten wie Bayer und Monsanto oder Dow und Dupont haben sich zu größeren, schlagkräftigeren Konzernen zusammengeschlossen. Und auch in China oder im Nahen Osten drängen Staatskonzerne aus dem Ölgeschäft stärker in die Chemie vor.

Bock gehe zu zögerlich mit diesen Veränderungen um, lautete lange die Kritik, er sei zu vorsichtig beim Umbau der BASF. Der gebürtige Ostwestfale gilt eher als Rationalist und versierter Zahlenkenner, nicht als Visionär.

Und auch im Tagesgeschäft gab es immer wieder Pannen, die einer Königin der Chemie kaum würdig sind. Als Symbol dafür gilt mittlerweile die TDI-Anlage im Ludwigshafener Werk, dem Herzstück des Konzerns. Die Anlage für Kunststoffschäume, aus denen zum Beispiel Matratzen hergestellt werden, ging beinahe zwei Jahre später an den Start als geplant. Pannen verhinderten immer wieder, dass die Anlage auf volle Kapazität hochgefahren werden konnte.

Zuletzt mussten Kunden der BASF auch noch massenweise Matratzen zurückrufen, weil der Schaum aus der BASF-Anlage mit giftigen Chemikalien verunreinigt war. Das viel ausgerechnet den Matratzenherstellern auf – und nicht etwa BASF selbst. In wenigen Wochen soll die Anlage nun einen neuen Reaktor bekommen, der der Pannenserie ein Ende setzen soll.

Seinen Tatendrang bewies Bock erst gegen Ende seiner Amtszeit. Beinahe jeden Monat kündigte BASF zuletzt neue Veränderungen an. So wollen die Ludwigshafener Teile des Agrargeschäfts von Bayer übernehmen, das die Konkurrenten im Zuge ihrer Fusion mit Monsanto abstoßen müssen. „Mit dieser Akquisition wollen wir unser Angebot für Landwirte ausbauen“, erklärte Bock. Denn zu dem Bayer-Portfolio gehört auch Saatgut, das BASF bisher nicht im Angebot hat. Sechs Milliarden Euro lässt BASF sich den Zugang zu dem Geschäft kosten.

Die vielleicht wichtigste Entscheidung aber fiel erst im vergangenen Dezember: BASF will sich von seiner Öl- und Gas-Tochter Wintershall trennen. Die Diskussion darum begleitet Bock seit Jahren, Analysten haben den Sinn des integrierten Ölgeschäfts immer wieder in Frage gestellt. Offiziell hielt der Vorstand immer daran fest: Ein Großteil des geförderten Öls und Gas setze BASF in den eigenen Fabriken ein, um es zu Chemikalien weiterzuverarbeiten. Das Ölgeschäft sollte so hohe Rohstoffpreise für die Chemikalienproduktion ausgleichen. Doch als in den vergangenen Jahren der Ölpreis immer weiter absackte, ging die Rechnung nicht mehr auf. „Wir sind uns unsicher, was das Umfeld für den Ölpreis angeht“, erklärte nun auch Bock den Abschied vom Ölgeschäft.

Wintershall soll nun mit dem Konkurrenten DEA vereinigt werden, um dann an die Börse zu gehen. Das könnte jedoch bis 2020 dauern, ein Börsengang sei erst anderthalb Jahre nach einer Fusion realistisch, sagte BASF-Finanzvorstand Hans-Ulrich Engel.

Bock wird den Börsengang damit höchstens als Aufsichtsratsvorsitzender begleiten. Die Vorbereitung der Fusion und auch die Integration des Agrar-Geschäfts liegt nun in der Hand seines bisherigen Stellvertreters und künftigen Nachfolgers, Martin Brudermüller. Der gilt als temperamentvoller, aber auch als charismatischer als Bock mit seinem trockenen Humor und seiner unaufgeregten Art.

Was er in den nächsten zwei Jahren vor hat? Bock zuckt nur mit den Schultern. Außer einem Aufsichtsratssitz bei Fresenius hat er keine Posten oder Verpflichtungen. „Ich kühle jetzt ab“, sagt Bock. „Das ist wirklich so.“

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