WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

BASF Eine Explosion und viele Fragen

Ludwigshafen trauert: Bei einer Explosion im Chemiewerk von BASF starben wahrscheinlich drei Menschen, weitere Verletzte kämpfen um ihr Leben. Doch was war die Ursache für die Explosion? Was bisher bekannt ist.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Feuer im BASF-Werk Ludwigshafen Quelle: REUTERS

Erst schallte ein gewaltiger Knall über den Rhein, über Ludwigshafen und das angrenzende Mannheim. Eine weit sichtbare Säule aus Flammen und Rauch stieg über dem Chemiepark auf. Kurze Zeit später heulten die Sirenen. Anwohner wissen, was das heißt: Ihre Stadt, Ludwigshafen, ist zu einem Unglücksort geworden. Einen Tag nach der verheerenden Explosion ist die Lage in dem Chemiewerk, das zu den größten der Welt zählt, weiter unübersichtlich. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie sieht die Lage vor Ort aus?

Auch einen Tag nach der Explosion ist noch nicht klar, wie viele Opfer das Unglück nach sich zieht. Zwei Tote hat BASF bereits bestätigt, ein weiterer Mitarbeiter wird vermisst. Wahrscheinlich befindet er sich im Hafenbecken. Aufgrund der Gefahrenlage an der Unglücksstelle können jedoch noch keine Taucher eingesetzt werden, um den möglicherweise dritten Toten zu bergen.

Auch im Krankenhaus kämpfen noch immer Menschen um ihr Leben: Sechs Verletzte liegen aktuell auf der Intensivstation. "Es steht zum Teil nicht sehr gut um diese Menschen", sagte Dieter Feid, zuständiger Dezernent der Stadt Ludwigshafen.

"In Gedanken sind wir bei den Angehörigen und sprechen Ihnen unser tiefempfundenes Mitgefühl aus", sagte BASF-Vorstandsmitglied Margret Suckale, die Standortleiterin für das Werk in Ludwigshafen. "Oberste Priorität hat nach wie vor die Suche nach dem Vermissten, aber auch die medizinische Betreuung der Verletzten."

Ist die Bevölkerung gefährdet?

Die Feuerwehr in Ludwigshafen fordert die Anwohner weiter auf, Türen und Fenster geschlossen zu halten und rät auch von längeren Aufenthalten im Freien ab. Dabei handele es sich jedoch vor allem um eine Vorsichtsmaßnahme.

BASF bekräftigt, dass es keine Gefahr für die Bevölkerung gegeben habe. "Wir haben weder in der Luft, am Wasser oder im Boden kritische Werte gemessen", sagte Werksleiter Uwe Liebelt. Messwagen seien weiter rund um die Uhr im Einsatz.

Was war die Ursache für die Explosion?

Das ist weiter unklar. Fest steht, dass die Werksfeuerwehr der BASF am Montagmorgen in das Hafengebiet ausrückte, weil dort ein kleinerer Brand an den Rohrleitungen für Flüssiggase gemeldet worden war. Kurz nach dem die Feuerwehr eintraf, kam es zu der gewaltigen Explosion. Noch in zehn Kilometer Entfernung soll der Knall zu hören gewesen sein.

Die Explosion löste Brände mit gewaltiger Hitze aus. Dadurch gerieten auch Feuerwehrfahrzeuge in Brand. Dass das Feuer auch auf ein im Hafen liegendes Tankschiff übergreift, konnte die Feuerwehr noch abwenden. Eingedämmt war das Feuer aber erst nach mehreren Stunden, gegen 21:30 Uhr.

Unklar ist vor allem, wieso an den Rohrleitungen überhaupt ein Feuer ausbrach. "Uns fehlt jede Kenntnis der Entstehung dieses ersten Brands", sagte Werksleiter Liebelt. Möglicherweise könnte der Vorfall im Zusammenhang mit Reparaturarbeiten stehen, die bereits seit mehreren Tagen an Unglücksort stattfinden. Dabei seien auch Schweißarbeiten durchgeführt worden, sagte Werksleiter Liebelt.

Die Rohrleitungen selbst seien das letzte Mal "korrekt und turnusgemäß" vor vier Jahren inspiziert worden, sagte Werksleiter Liebelt. In den nächsten Monaten hätte es nächste Inspektion gegeben.

Wie geht es weiter?

An der Unglücksstelle selbst kämpfen die Einsatzkräfte noch immer mit den Folgen der Explosion. Die Feuerwehr hat den Graben mit den Rohrleitungen mittlerweile mit einem Löschschaum abgedeckt und die Rohre gesperrt. Noch tritt aus den zerborstenen Leitungen allerdings weiter Flüssiggas aus. Die Einsatzkräfte rechnen damit, dass es noch mehrere Stunden dauert, bis alle Reststoffe aus den Leitungen ausgelaufen sind. Spätestens morgen soll dann die Aufräumarbeiten beginnen.

Die BASF

Vor Ort sind mittlerweile auch Polizisten und Mitarbeiter der Justiz. Die Staatsanwaltschaft Frankenthal hat wegen der Explosion Ermittlungen eingeleitet. Ein Gutachter wurde zur Klärung der Ursache eingeschaltet, teilte die Behörde mit. "Bei der Suche nach der Ursache werden wir eng mit den Behörden zusammenarbeiten", betonte auch Standortleiterin Suckale.

Die Koalitionsfraktionen im Mainzer Landtag kündigten eine Sondersitzung an. Die zuständigen Ausschüsse sollten darüber beraten, wie es zu dem Vorfall kam und welche Folgen sie für Menschen und Umwelt in der Region habe, teilten die Fraktionen von SPD, FDP und Grünen mit.

Immer wieder Störfälle in Ludwigshafen

Welche wirtschaftlichen Folgen hat das Unglück für BASF?

Zu dem genauen Ausmaß der wirtschaftlichen Schäden will sich das Unternehmen nicht äußern. Fest steht: Aus Sicherheitsmaßnahmen musste BASF rund zwanzig Anlagen in Ludwigshafen herunterfahren. "Das heißt natürlich, dass wir im Moment große Herausforderungen für unsere Produktion und die Logistik haben", sagte Standortleiterin Suckale.

Auch die beiden Steamcracker, die Herzstücke des Werk, mussten heruntergefahren werden. In den gigantischen Anlagen wird Rohbenzin mit Hilfe von Dampf in chemische Grundstoffe zerlegt. Wann die Anlagen wieder hochgefahren werden können, ist noch unklar.

Das Werk in Ludwigshafen zählt zu den größten der Welt, fast 40.000 Menschen arbeiten dort – und damit ein Großteil der Stadt Ludwigshafen. Entsprechend hoch sind die Kosten, die durch die Ausfälle im Werk entstehen. Inwieweit diese Kosten durch Versicherungen gedeckt sind, konnte BASF allerdings noch nicht beantworten. "Für uns standen erst mal die betroffenen Menschen im Vordergrund", sagt Vorstandsmitglied Suckale.

Im Norden von Ludwigshafen stauen sich mittlerweile Lastwagen. Eine Hauptstraße auf das Gelände führe direkt an der Unfallstelle vorbei. Die Straße und auch die Zufahrt über das Tor 15 muss deshalb gesperrt werden. Auch im Hafenverkehr muss BASF nach dem verheerenden Brand mit weiteren Einschränkungen rechnen.

Gibt es einen Zusammenhang mit anderen Störmeldungen bei BASF?

Das Unglück reiht sich ein in einer Reihe von Störfällen, die der Chemiekonzern in den vergangenen Monaten bekannt geben musste. So gab es noch am Morgen des Unglückstags eine Verpuffung in einem Werk im hessischen Lampertheim. Vier Menschen mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden.

In den Wochen davor musste BASF auch am Heimatwerk in Ludwigshafen immer wieder Störfälle bekannt geben. 15 Meldungen waren es insgesamt bereits in diesem Jahr, im vergangenen Jahr immerhin 13 Fälle.

Probleme gab es vor allem mit einer neuen TDI-Anlage, in dem Grundstoffe für Kunststoff und Schaumstoffe hergestellt wird. Erst verzögerte sich die Inbetriebnahme der Anlage um Monate, und dann kam es auch noch zu Störfällen.

Steamcracker

Nachdem im Juni aus der Sicherheitskammer der Anlage giftiges Phosgen-Gas austrat, schaltete sich das Landesumweltministerium ein und forderte eine Inspektion. Das Ergebnis der Untersuchung soll in der ersten Novemberhälfte vorliegen.

"Ein kausalen Zusammenhang zwischen den Ereignissen, die wir bisher in 2016 gesehen haben, sehe ich nicht", sagte Werksleiter Liebelt. Es seien keine "Muster erkennbar". Er betonte, dass sich die TDI-Anlage auch in einem ganz anderen Teil des Werks als die Rohrleitungen im Hafen befindet.

Wie groß ist das Unglücksrisiko in deutschen Chemiewerken?

In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu tödlichen Unglücken an Chemieanlagen. Erst vor zwei Jahren starben in Ludwigshafen zwei Menschen bei einer Explosion einer Hochdruckgasleitung an der Schnittstelle der Stadtteile Oppau und Edigheim. Dort hatten Bauarbeiter die Leitung ausgegraben, weil es bei Messungen Unregelmäßigkeiten gegeben hatte.

Im Ruhrgebiet kam es 2012 in dem Chemiepark in Marl zu einem verheerenden Unglück. Auf dem Werk des Chemiekonzerns Evonik explodierte ein Kessel mit organischen Stoffen. Zwei Mitarbeiter starben an den Folgen.

Trotzdem gilt die deutsche Chemie-Großindustrie als sehr sicher. In chemischen Werken kamen auf 1000 Mitarbeiter im vergangenen Jahr nur 3,54 meldepflichte Arbeitsunfälle, teilte die Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) der WirtschaftsWoche mit. Damit liegt die Zahl der Arbeitsunfälle weit unter dem Durchschnitt der deutschen Industrie von 22,82 Unfällen je 1000 Arbeitnehmer. "Im internationalen Vergleich gilt die chemische Industrie in Deutschland als vorbildlich", erklärte ein Vertreter der BG RCI gegenüber der WirtschaftsWoche.

Mit Material von dpa.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%