Luftfahrtmesse in Paris: „Eine ganz andere Show“: Wie der Air-India-Absturz Boeings Messe-Pläne änderte
Als Kelly Ortberg vor gut zehn Monaten Boeing-Chef wurde, standen zwei Dinge bereits fest: dass er den Luftfahrtkonzern aus seiner jahrelangen Krise führen musste. Und wo er Mitte Juni 2025 sein würde: im Pariser Vorort Le Bourget. Denn dort, auf dem riesigen Gelände am früheren Airport der Metropole, trifft sich jeden zweiten Sommer die Flugbranche zur Paris Air Show, der größten Luftfahrtmesse der Welt. Doch der Termin platzte – wie so vieles in den vergangenen Monaten auf Ortbergs To-do-Liste.
Dafür sorgte der Absturz eines Boeing-Jets in der vorigen Woche in Indien mit mindestens 280 Opfern. Wegen des Unfalls sagten Ortberg und Stephanie Pope, Leiterin des Zivilfluggeschäfts, alle ihre laut Schätzungen bis zu 100 geschäftlichen Verabredungen auf der Pariser Flugschau ab. Weitere Konzernmanager folgten. Man wolle nun nicht in Paris schaulaufen, sondern stattdessen „bei unserem Team sein und uns auf unsere Kunden und die Untersuchung konzentrieren”, schrieb CEO Ortberg in einer Nachricht an seine Mitarbeiter.
„Am Ende verdarb der Absturz uns und vielen Kunden eine aufwändig vorbereitete Veranstaltung“, so ein Boeing-Insider. Das gilt besonders für die Beteiligten an Bau und Betrieb der beiden in Paris „Chalet“ genannten luxuriösen Verkaufshäuser des US-Konzerns am Rand des Rollfelds in Le Bourget. Allein deren Bau, Betrieb und das Catering für die Gäste verschlingen dem Vernehmen nach Millionen.
Gedacht war das anders, sagt Scott Hamilton, Unternehmensberater und Herausgeber eines Branchendienstes aus Boeings Heimatstadt Seattle: „Es sollte ein weiterer Schritt sein von Boeings Rückkehr.“ Nach sechs Jahren voller Krisen, Sicherheits- und Qualitätsbedenken, strafrechtlichen Ermittlungen, Kongressanhörungen und existenziellen Bedrohungen –ausgelöst durch zwei tödliche Abstürze der 737 MAX, die Pandemie und wachsende Lieferverzögerungen der Langstreckenmodelle 787 und 777X – wollte sich Boeing demonstrativ gestärkt in Paris präsentieren: „Wir freuen uns darauf, mit unseren Kunden und Partnern in Le Bourget in Kontakt zu treten, um die Arbeit zu demonstrieren, die im Gange ist, um das Vertrauen wiederherzustellen und Boeing voranzubringen", sagte CEO Ortberg noch in der Woche vor der Messe.
„Alles außer Todesstrahlen Außerirdischer“
Das war vorbei mit dem Absturz im indischen Ahmedabad. Zwar ist dessen Ursache bis heute unklar. Doch gerade deshalb bestimmten die Schlagzeilen in den vergangenen Tagen die Spekulationen: „Es fehlte nur ein Todesstrahl von Außerirdischen“, so Branchenexperte Hamilton. Angesichts der über die Jahre vielen Fertigungsprobleme von Boeing drehten sich die meisten Vermutungen dabei um die Technik des Flugzeugs. Dafür sorgte nicht zuletzt, dass Indiens Flugaufsichtsbehörde GCA zusätzliche Überprüfungen der Wartung von Air Indias Dreamlinern angeordnet hat.
Solche Zweifel sind für einen Flugzeughersteller gefährlich. „Sicherheit ist praktisch unsere Betriebserlaubnis“, sagte Airbuschef Guillaume Faury im Zusammenhang mit dem Absturz bei einer Veranstaltung vor Beginn der Messe. Christian Scherer, Leiter des Zivilfluggeschäfts von Airbus, sprach in Paris von einer „kalten Dusche“, die der Air-India-Absturz nicht nur über Boeing, sondern auch über seinen Konkurrenten hereinbrechen lassen habe. Er fügte hinzu, dass Airbus trotz des sonst harten Wettbewerbs mit Boeing niemals Sicherheitsfragen gegen den Konkurrenten in den Raum stellen würde: „Das macht man einfach nicht.“
Während der europäische Anbieter die Messe ansonsten weitgehend wie in früheren Jahren durchführte, hatte das Boeing-Programm erneut wenig mit dem vor Beginn der Krise zu tun. Das Unternehmen verzichtete auf die Teilnahme an den Showflügen. Dabei werben ab der Mittagsessenszeit traditionell Testpiloten für die Leistungsfähigkeit ihrer Hubschrauber, Kampfjets und Passagiermaschinen, indem sie diese in fliegerische Extremsituationen bringen.
Lange vorbereitete Veranstaltungen, etwa der traditionelle Medienumtrunk mit Führungskräften am Dienstag oder das von Boeing gestützte „Future-Airplanes-Forum“ zur Zukunft der Fliegerei, sagte der Konzern ab. Und selbst die Verkündigung bereits ausverhandelter Kaufverträge wurde verschoben, etwa der Deal über gut 20 Dreamliner und 50 Exemplare der 737 Max Royal Air Maroc.
Boeing: Besinnliche Worte statt Ankündigungen
Wo Boeing-Manager in Paris doch noch Termine machten, traten sie nicht triumphierend auf, sondern geknickt. Die meisten trugen etwa eine flügelförmige Spange, die Solidarität mit den Absturzopfern bekundete. Es sei eine „harte Zeit für uns“, schickte Boeing-Manager Torbjorn Sjogren einem Pressetermin am Dienstagmittag – es war das erste des Konzerns bei der Air Show – voraus, das eigentlich Boeings Investitionsvorhaben in Europa zelebrieren sollte.
Stattdessen widmete Sjogren die erste Minute des Briefings ebenfalls dem Unfall in besinnlichen Worten. Es sei in diesem Jahr für Boeing eine „ganz andere Show“ als geplant, sagte der in der Branche Turbo genannte Chef von Boeings Servicegeschäft für Militärs in aller Welt. „Diese Show hat für uns in der Boeing-Firma definitiv einen ganz anderen Ton. Und wir sollten damit beginnen, anzuerkennen, dass das, was gerade in Ahmedabad für Air India passiert ist, alle Boeing-Mitarbeiter sehr beschäftigt.“
Daraufhin reagierte auch GE Aerospace, deren Triebwerke die Unglücksmaschine antrieben. Der verbliebene Rest der Industrie-Ikone General Electric sagte zuerst seinen für die Messetage geplanten jährlichen Investorentag ab. Dazu strich auch er Veranstaltungen, selbst rein technische Briefings wie das zur revolutionären neuen Triebwerksgeneration namens Rise Open Fan.
Am Ende könnte der Absturz sogar eine dauerhafte Folge haben. So erzählen Boeing-Mitarbeiter von internen Diskussionen, die Teilnahme an Flugmessen künftig generell herunterzufahren oder etwa den Bau von Chalets fast ganz aufzugeben: „In der Coronazeit haben wir auch ohne die Kontakt gehalten und Kaufverträge abgeschlossen“, sagt der Chef eines Herstellers, der keinen Stand mehr hat.