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Branche im Umbruch Wie Amazon zum Vorbild für Stahlkonzerne wird

Um den Wandel in der Stahlbranche zu bewältigen, gehen die deutschen Konzerne unterschiedliche Wege. Viele trennen sich von Mitarbeitern, einige investieren - in neue Technik oder ein neues Vertriebsmodell.

Innerhalb von drei Monaten wird der Hochofen Schwelgern II von rund 1.000 Arbeitern grundlegend modernisiert. Quelle: dpa

Ein Hochofen schläft nie. Rund um die Uhr lodert das Kohlefeuer mit bis zu 2100 Grad, an 365 Tagen im Jahr. Doch selbst als nach 21 Jahren Dauerbetrieb die Flammen im Hochofen Schwelgern II im Juni erloschen, kam die Anlage im Duisburger Norden nicht zur Ruhe. In den vergangenen drei Monaten hat sich die Belegschaft am Hochofen von ThyssenKrupp fast verdoppelt. Wo sonst rund 550 Mitarbeiter Stahl kochen, sind derzeit bis zu 1000 Menschen auf allen sieben Ebenen von Schwelgern II beschäftigt. Europas größter Hochofen wird von Grund auf modernisiert.

Schaufelräder, Zementwerke und U-Boote
Künftig soll das reine Stahlgeschäft wie etwa die Produktion von veredelten Blechen für die Automobilindustrie nur noch 30 Prozent des Konzern-Geschäfts ausmachen. Dennoch bleiben Blechrollen wie diese ein Kernprodukt. Quelle: PR
Rolltreppen und Fahrsteige – etwa in Flughafen-Terminals – gehören ebenfalls zum ThyssenKrupp-Produktspektrum. Dieses Foto ist in einem Essener Einkaufszentrum aufgenommen worden. Quelle: PR
Allen Negativ-Schlagzeilen zum Konzern trotzt das Aufzuggeschäft von ThyssenKrupp. Vor allem starke Absatzzuwächse in Asien erfreuen das Unternehmen. Das Bild zeigt ein System mit zwei Kabinen in einem Aufzugschacht beim Einbau in der Essener Konzernzentrale Anfang 2010. Quelle: PR
Für die Automobilindustrie bietet ThyssenKrupp auch den Aufbau von Anlagen, die etwa automatisch Fahrwerke oder andere Komponenten einbauen. Quelle: PR
ThyssenKrupp setzt vermehrt auf Planung und Bau ganzer Chemie- und Industrieanlagen. Im Bild ein Zementklinkerwerk im Senegal. Quelle: PR
Dieses Schaufelradladgeärt steht im Hafen von Rotterdam und wird zur Verladung von Eisenerz eingesetzt. Geliefert wurde es von der ThyssenKrupp-Sparte „Plant Technology“. Quelle: PR
Großwälzlager von ThyssenKrupp kommen etwa in Kränen zum Einsatz, die schwere Lasten bewegen. Quelle: PR

„Deshalb wird unter anderem die Feuerfestausmauerung erneuert“, sagt Herbert Eichelkraut, Produktionsvorstand von ThyssenKrupp Steel Europe. Insgesamt sollen die Bauarbeiten für eine bessere Energieeffizienz und Umweltfreundlichkeit sorgen.

Dass Schwelgern II nicht läuft, hat sich auch direkt in der deutschen Rohstahlproduktion niedergeschlagen. Als der Hochofen im Juni abgeblasen wurde, brach das Wachstum laut der Wirtschaftsvereinigung Stahl von 7,4 Prozent im Mai auf 0,7 Prozent ein. Im August ging die Produktion sogar um ein Prozent auf 3,1 Millionen Tonnen zurück – im Mai waren es noch 3,9 Millionen Tonnen.

Jetzt gehen die Modernisierungsarbeiten auf die Zielgerade. „Wir werden den Hochofen II wie geplant bis Ende September wieder anblasen“, sagt Eichelkraut. Schnell soll er dann wieder seine volle Leistungsfähigkeit erreicht haben: täglich werden dann aus 19.000 Tonnen Eisenerz und 4000 Tonnen Koks bis zu 12.000 Tonnen Rohstahl entstehen.

Investition trotz Sparprogramm

Obwohl ThyssenKrupp auf der einen Seite im Einkauf 500 Millionen Euro pro Jahr einsparen will, steckt die Stahlsparte rund 200 Millionen Euro in die Modernisierung des Hochofens. Für weitere 90 Millionen Euro überholt der Essener Konzern auch eine sogenannte Stranggießanlage, um den Rohstahl verarbeiten zu können.

Die größten Stahlhersteller

Rochus Brauneiser, Head of Steel Sector Research beim Analysehaus Kepler Cheuvreux, hält die Investition für notwendig: „Wenn ThyssenKrupp nicht in seine Hochöfen re-investiert, werden diese am Ende Ihrer Lebensdauer abgeschaltet werden müssen“, sagt Brauneiser im Gespräch mit der WirtschaftsWoche.

„Wir investieren rund 400 bis 500 Millionen Euro jährlich in unsere Werke, um unseren Anlagenpark auf dem technisch aktuellsten Stand zu halten und die Qualität unserer Produkte weiter zu steigern“, sagt Produktionsvorstand Eichelkraut. „Unabhängig davon müssen wir stetig an der Verbesserung unserer Kostenposition arbeiten. Nur wenn beides zusammenkommt, können wir im harten Wettbewerb bestehen.“

Vor dem Hintergrund einer anziehenden Konjunktur gehen die Experten vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) davon aus, dass die Rohstahlproduktion in diesem Jahr trotz des dreimonatigen Stillstands von Schwelgern II – der in der Statistik rund eine Millionen Tonnen kostet – um 0,5 Prozent wachsen wird. Für 2015 prognostiziert das RWI ein Produktionsplus von 1,7 Prozent.

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