Chemie: Was die Aufspaltung von Brenntag bedeutet
Vor dem Eingang der Zentrale des Chemiehändlers Brenntag in Mülheim.
Foto: dapdEs war eine der spannendsten Hauptversammlung dieses Jahres. Der aktivistische Investor Primestone forderte im Juni lauthals die Aufspaltung des Essener Chemikalienhändlers Brenntag. Zu den Unterstützern zählten die einflussreichen US-Stimmrechtsberater ISS und Glass Lewis. Ihr Plan: Der Dax-Konzern Brenntag – weltweiter Jahresumsatz über 19 Milliarden Euro, 17.500 Beschäftigte – sollte sich in zwei Sparten aufteilen – Massen- und Spezialchemikalien. Die aktivistischen Investoren argumentieren, dass sich die Bereiche nach einer Trennung besser entwickeln und den Aktionären kurzfristig mehr Gewinne bescheren würden.
Die Revolte scheiterte. Primestone gelang es nicht, eigene Kandidaten in den Aufsichtsrat zu bringen. Brenntag-Vorstandschef Christian Kohlpaintner schloss zwar eine spätere Abspaltung eines Bereichs nicht für alle Zeiten aus; dafür sei es jedoch noch zu früh. Das Thema schien erst einmal vom Tisch zu sein.
Kehrtwende bei Brenntag nach wenigen Monaten
Im Hintergrund arbeiteten die Investoren weiter an ihrem Plan und gewannen wohl weitere Unterstützer. Jetzt erfolgte die Kehrtwende: Am Dienstagmorgen kündigte Kohlpaintner an, Brenntag in den kommenden Jahren in zwei Geschäftsbereiche aufzuspalten.
„Mit der jetzt eingeleiteten Entflechtung kreieren wir Optionalitäten und bereiten Brenntag bis 2026 auf die nächsten strategischen Schritte vor“, erklärte er. Die Bereiche Brenntag Essentials (Massenchemikalien) und Specialties (Spezialchemikalien) sollen eigenständig und unabhängig werden und ab Anfang 2024 jeweils eigene gesellschaftsrechtliche Strukturen erhalten. Darüber hinaus werde die Konzernzentrale in Essen schlanker und Funktionen sowie Verantwortlichkeiten auf die Geschäftsbereiche verlagert.
Gleichzeitig soll das Portfolio neu sortiert werden: Die Pläne sehen vor, dass alle Pharma-Aktivitäten von Brenntag Essentials auf Brenntag Specialties übergehen, während bestimmte Spezialitätenprodukte aus den Specialties-Segmenten an Brenntag Essentials übergehen. Mit dem geschärften Profil „werden wir das Potenzial der attraktiven Wachstumsmärkte für Spezialitäten heben, unsere Performance steigern und unsere Profitabilität deutlich verbessern“, erklärte Michael Friede, Chef des Spezialitätengeschäftes.
Druck auf Bayer und Thyssen
Die Pläne kamen bei den Anlegern zunächst gut an. Im vorbörslichen Handel legte die Aktie zu, später verlor das Papier allerdings wieder.
Mit Interesse dürften jedoch nicht nur die Aktionäre die Brenntag-Aufspaltung verfolgen, sondern auch die Konzernchefs von Bayer und Thyssen – Unternehmen, bei denen eine mögliche Aufspaltung auch immer ein Thema ist. Der Fall Brenntag zeigt, wie schnell der Druck der Aktivisten steigen kann. Und er könnte, wie ein gut vernetzter Berater erklärt, weitere Investoren ermutigen, ihren entsprechenden Forderungen Nachdruck zu verleihen.
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