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Digitalisierung Siemens ist der große Profiteur in der digitalisierten Prozessindustrie

Kaum eine Autofabrik kommt ohne Siemens-Anlage aus. In der Pharma-Industrie sieht das noch anders aus. Siemens-Chef Kaeser will das ändern.

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In der Prozessindustrie will Siemens seine Marktposition verbessern. Quelle: Siemens

München In der Automatisierung und Digitalisierung der produzierenden Industrie ist Siemens unangefochtener Marktführer. Fast in jeder Maschinenbau- oder Autofabrik zum Beispiel stehen Simatic-Anlagen, die Maschinen werden zunehmen mit Siemens-Software vernetzt.

In der Prozessindustrie – also zum Beispiel in Chemie- und Pharma-, der Getränke- und Nahrungsmittelbranche  – ist die Marktposition der Münchener etwas schwächer. „Wir sind eine starke Nummer drei“, drückt es Eckard Eberle, Chef der Geschäftseinheit Prozessautomatisierung aus.

Nun setzt sich aber auch in der etwas konservativeren Prozessindustrie zunehmend die digitale Vernetzung durch. Und diesen Trend will Siemens für den Gewinn von Marktanteilen nutzen.

Wenn von Siemens und der Digitalisierung die Rede ist, blicken die meisten zuerst auf die Division Digitale Fabrik. Im vergangenen Quartal glänzte die Vorzeigesparte mit einer operativen Umsatzrendite von 21 Prozent und 20 Prozent Umsatzwachstum.

Doch soll sich die Digitalisierung über alle Geschäftsbereiche erstrecken, mit der Internet-der-Dinge-Plattform Mindsphere als gemeinsamer Klammer. Und diese soll nun auch in der Prozessautomatisierung das Big-Data-Zeitalter einläuten.

In einem „Living Lab“, einem lebenden Labor, zeigt Siemens in seiner hochmodernen Österreich-Zentrale in Wien, was bei biotechnologischen Produktionsprozessen alles möglich ist. In einem Bioreaktor werden dort Hefezellen gezüchtet.

Zahlreiche Sensoren und Analysegeräte überwachen zum Beispiel Temperatur, PH-Wert und Glucosegehalt. Am Rechner kann der Prozess kontrolliert – und digital auch mit veränderten Parametern simuliert werden. „Unser Ziel ist es, die Prozessabläufe in der Pharmaindustrie effizienter und fehlerfreier zu gestalten“, sagt Laborleiter Martin Joksch.

Die Division Prozessindustrie und Antriebe (PD) war im vergangenen Quartal neben der kriselnden Kraftwerkssparte die einzige bei Siemens, die die mittelfristigen Renditevorgaben verfehlte. Mit einer operativen Umsatzrendite von 6,7 Prozent bei 2,1 Milliarden Euro Umsatz lag sie aber nur noch relativ knapp unter dem Margenband von acht bis zehn Prozent.

Konzernchef Kaeser sieht die Division daher insgesamt auf einem guten Weg. Die Probleme liegen vor allem bei den großen Antrieben, die lange unter den niedrigen Rohstoffpreisen – und damit den niedrigeren Investitionen bei den Förderern litten. Um die Kosten zu senken, hat Siemens einen Stellenabbau angekündigt.

An der Prozessautomatisierung dürften die Probleme der Sparte weniger liegen, auch wenn Siemens die Ergebnisse für die Geschäftseinheiten innerhalb der Division nicht ausweist. Der Markt für Leittechnik für die Automatisierung der Prozessindustrie wächst laut den Beratern von ARC um drei bis vier Prozent im Jahr.

Das Geschäft mit Software und digitalen Services werde den Prognosen zufolge bis 2023 weltweit sogar um jährlich sieben Prozent auf zehn Milliarden Euro zulegen, sagte Eberle. Und diesen Schub will Siemens nutzen, um die Marktposition auszubauen. „Wir sind nicht weit weg von der Nummer zwei“, betont Eberle. Bei der Leittechnik – vergleichbar mit den Simatic-Anlagen in der Industrie – liegt Siemens laut Branchenschätzungen mit einem Marktanteil von 15 Prozent knapp hinter dem US-Konkurrenten Honeywell.

Auch bei ABB sieht man gute Perspektiven. „Der wachsende Wettbewerbsdruck einerseits und die sich durch Industrie 4.0 eröffnenden Möglichkeiten, Betriebe, Anlagen und Produktionsprozesse über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg noch effizienter und produktiver zu machen, lässt die Nachfrage nach digitalen Lösungen steigen“, sagt Peter Terwiesch, der die Industrieautomation bei ABB leitet.

An Operations-Zentren von ABB sind mittlerweile mehr als 700 Schiffe, 40 Bergwerke und 700 Kraftwerke angebunden. Von diesen aus können zum Beispiel der Betrieb optimiert und vorausschauende Wartung organisiert werden.

Gerade die Pharmaindustrie ist bei der Digitalisierung der Prozessindustrie einer der Vorreiter. Das liegt zum einen an hohen Dokumentationspflichten und Qualitätsanforderungen, aber auch am Zwang, Medikamente wegen der hohen Entwicklungskosten schneller auf den Markt zu bringen.

Ein weiterer Treiber ist der Trend zur individualisierten Medizin. „Die Zeit des großen Blockbuster-Geschäfts ist vorbei“, sagte Daniela Buchmayr vom Maschinenbauer Gea. Wie in der Industrie geht der Trend zum Ideal der Losgröße eins – also zur individualisierten Fertigung mit industriellen Methoden.

ABB-Manager Terwiesch sieht das ähnlich. Im Pharmabereich werde die Produktion immer stärker auf den einzelnen Patienten ausgerichtet. „Diese Produkte sind keine Massenwaren mehr – wir bewegen uns in Richtung immer kleinerer Chargen.“

Das erfordere ein hohes Maß an Flexibilität. ABB hat dafür das sogenannte ABB Ability Manufaturing Operations Management entwickelt, mit dem nach dem Prinzip „plug and produce“ Ausrüstung schnell und unkompliziert mit dem Leitsystem verbunden werden kann.

Weil die Lösungen einfacher werden, verlautet aus beiden Unternehmen, interessieren sich inzwischen auch zunehmend Mittelständler für eine weitere Digitalisierung ihrer Fertigung.

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