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Edelgewürz Der Kampf um die Vanille-Schoten

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Investitionen in eine ökonomische Diaspora

Natürlich ist es nicht nur christliche Nächstenliebe, die die Unternehmen umtreibt: Sie sichern sich mit ihrem sozialen Engagement den Nachschub für einen begehrten Rohstoff. Die globale Nachfrage steigt beständig, die Anbaufläche ist begrenzt – und 80 Prozent der weltweit verkauften Vanille kommt aus Madagaskar.

Das Problem: Anders als Reis, der mehrfach geerntet werden kann, reift die Vanille nur einmal im Jahr. Einen Großteil ihres Jahreseinkommens bekommen die Vanillefarmer daher an einem einzigen Tag ausgezahlt, wenn sie ihre frisch geernteten Schoten an einem von der Regierung festgelegten Markttag in der Küstenstadt Sambava anbieten. Wird das Haushaltsgeld vorher knapp, bleibt vielen Bauern oft nur ein Weg: Sie verkaufen halbreife "grüne" Vanille an Zwischenhändler, oft zu einem Fünftel des später erzielbaren Preises. Die frühe Ernte senkt aber die Qualität, für Symrise ist der Rohstoff damit verloren – und den Bauern fehlt es später erst recht an Geld. "Wir haben daher ein Interesse an wohlhabenden Bauern", sagt Symrise-Manager Tenge.

"Wohlhabend" ist zwar nicht gerade das, was Besuchern in Maroambiny als Erstes einfällt. Madagaskar zählt zu den ärmsten Staaten der Welt, 92 Prozent der 22 Millionen Einwohner müssen von weniger als zwei Dollar pro Tag leben. Vanillebauern indes bringen es in guten Jahren auf das Vierfache.

Und das Geschäft wird auch künftig weiterlaufen. Am 13. Oktober nimmt südlich von Sambava eine neue Symrise-Fabrik die Arbeit auf. Über eine Million Euro haben die Niedersachsen in Gebäude und Anlagen investiert. Auf dem 45 Hektar großen Betriebsgelände will das Unternehmen künftig 200 Tonnen Vanilleschoten pro Jahr zu Extrakt verarbeiten – doppelt so viel wie in seiner 150 Kilometer entfernten alten Produktionsstätte, die jetzt demontiert wird. Zur Eröffnung reist Vorstandschef Heinz-Jürgen Bertram an, auch der deutsche Botschafter hat sich angesagt.

Land im Chaos

Es ist ein durchaus mutiger Schritt, denn Symrise investiert in einer aus deutscher Sicht ökonomischen Diaspora. Dies liegt nicht allein daran, dass die neue Fabrik bisher nur über einen holprigen Feldweg zu erreichen ist und auf sandigem Untergrund im nordmadagassischen Niemandsland liegt. Es gibt auf der Insel kein weiteres deutsches Unternehmen und erst recht keine Außenhandelskammer, die Investoren beraten könnte. Die deutsche Botschaft, in anderen Staaten meist mit einen Wirtschaftsattaché versehen, besteht auf Madagaskar aus zwei Personen – dem Botschafter und seinem Stellvertreter.

Nach einem Putsch 2009, der einen Discjockey an die Macht brachte und das Land ins Chaos stürzte, wurden die Kontakte auf ein Minimum reduziert. Erst nachdem im Januar ein neuer demokratisch gewählter Präsident mit dem klangvollen Namen Hery Rajaonarimampianina sein Amt antrat, kommen die Kontakte mit der ehemaligen französischen Kolonie langsam wieder in Gang.

Im Tagesgeschäft muss sich Symrise gleichwohl selber helfen. Die meisten Bauteile der neuen Fabrik etwa mussten aus Deutschland importiert werden. Ein großes Problem ist auch die Energieversorgung – es gibt in Sambava kein für industrielle Zwecke geeignetes Stromnetz und kein Kraftwerk weit und breit. "Wir haben daher improvisiert", sagt Manager Tenge. Genauer: Die neue Fabrik wurde mit Dieselgeneratoren und einem mächtigen Holzofen bestückt. Viele Vanillebauern transportieren ihre Ware nämlich mit selbst gebastelten Bambusflößen den Fluss Lokoho hinunter. Bisher ließen sie die Flöße danach in den Indischen Ozean treiben. Künftig kauft ihnen Symrise die Flöße ab – und verfeuert das Holz anschließend im Fabrikofen.

Wer mag, kann auch dies als Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung verstehen.

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