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Edelgewürz Der Kampf um die Vanille-Schoten

Weltweit steigt die Nachfrage nach dem Edelgewürz Vanille. Wie sich das deutsche Unternehmen Symrise durch Entwicklungshilfe in Madagaskar den Nachschub sichert.

Edelgewürz von der Insel: 80 Prozent der weltweit geernteten Vanille kommt aus Madagaskar, Quelle: Getty Images

Die kleine Parzelle, mit der René Totoantsarika seinen Lebensunterhalt bestreitet, ist gut versteckt und für Außenstehende schwer zu finden. Der Weg führt vorbei an Reisfeldern, durch Tümpel und Gestrüpp, in dem es von Geckos und unerfreulich großen Tausendfüßlern wimmelt; dann geht es einen steilen, unwegsamen Hang hinauf. Der 48-Jährige hat seine Machete dabei. Man weiß ja nie. Vor der letzten Ernte sind Plünderer mit Gewehren durch die Gegend gezogen, um Pflanzen zu stehlen. Denn was sich in Totoantsarikas verborgenem Privaturwald hochrankt, ist das nach Safran wertvollste Gewürz der Welt: Vanille.

Der Bauer lebt in Maroambiny, einem Dorf im Norden Madagaskars. Er wohnt mit Frau und zwei kleinen Kindern in einer Holzhütte, es gibt weder Strom noch fließendes Wasser, die medizinische Versorgung ist ein Albtraum und die nächste größere Stadt eine 90-minütige Autofahrt entfernt. Wenn der Vanillefarmer morgens um sieben Uhr sein Tagwerk beginnt, muss er sich folglich über viele Dinge Sorgen machen, Räuber eingeschlossen. Nur über eines nicht: dass er keinen Abnehmer für seine Vanille finden könnte.

Wissenswertes zu Vanille

Früher hat er die geernteten Schoten bisweilen an windige Zwischenhändler verkauft, heute kommt sein bevorzugter Geschäftspartner aus dem niedersächsischen Holzminden. Es ist der MDax-Konzern Symrise, einer der weltgrößten Hersteller von Duft- und Aromastoffen – und der erste und einzige deutsche Investor auf Madagaskar. Das Unternehmen verarbeitet die Vanille vor Ort zu einem Extrakt, mit dem später große Lebensmittelhersteller Pudding und Eis verfeinern. "Früher kamen und gingen die Vanillekäufer. Die Symrise-Leute sind die ersten, die geblieben sind", sagt Totoantsarika.

Emotionale Bindung

Beim Ankaufspreis, der je nach Ernte deutlich schwanken kann, lässt das Unternehmen zwar nicht mit sich handeln. "Da orientieren wir uns an der Marktlage", sagt Symrise-Manager Clemens Tenge, der den Titel "Global Competence Director" trägt und die Vanilleaktivitäten des Konzerns auf Madagaskar koordiniert. Trotzdem ist die Geschäftsbeziehung zu Totoantsarika und den rund 7000 anderen Bauern, mit denen der Konzern kooperiert, eher unkonventionell.

Die Bauern haben keine festen Lieferverträge und könnten auch einen anderen Abnehmer wählen. Symrise versucht aber, durch diverse freiwillige Hilfen und Sozialleistungen eine emotionale Bindung zu schaffen, damit die Bauern nicht so leicht auf die Idee kommen, ihre Schoten woanders loszuschlagen.

Diese natürlichen Aromen und Farbstoffe sind mehr als eklig
Propylenglycol Sollten Sie heute im Laufe des Tages Backwaren, Desserts, fertige Salatdressings oder Limonade zu sich nehmen, tanken Sie Ihre tägliche Dosis Frostschutzmittel. Hinter dem Kürzel E405 verbirgt sich nämlich Propylenglycol, was in der Industrie zur Herstellung von Kunstharzen, Konservierungsstoffen und als Frostschutz- und Desinfektionsmittel eingesetzt wird. In Verbindung mit Alginsäure landet es als Zusatzstoff in Lebensmitteln. Quelle: dpa
AlginateRein natürlichen Ursprungs sind dagegen die aus Braunalgen hergestellten Alginate, die sich hinter den Nummern E400 bis E4004 verbergen. Je nach Nummer steckt dieser natürliche Stoff in Joghurt, Eis oder Waschmittel. Quelle: dpa
Tertiär-ButylhydrochinonTertiär-Butylhydrochinon (TBHQ) ist en sogenanntes Antioxidans und sorgt bei verschiedenen tierischen Fetten und fetthaltigen tierischen Lebensmitteln dafür, dass eben diese Fette nicht ranzig werden. So kommt TBHQ beispielsweise in Schmalz oder Chicken nuggets vor und verbirgt sich hinter der Kennzeichnung E319. Gewonnen wird der Stoff in chemischer Synthese - und zwar aus Erdöl. Quelle: Fotolia
Butylhydroxytoluol Auch Butylhydroxytoluol ist ein solches Antioxidant und sorgt sowohl in fetthaltigen Speisen als auch in Fertigwürzmitteln, Kartoffelpüreepulver oder Frühstücksflocken für längere Haltbarkeit. Der Zusatzstoff mit der Kennziffer E 321 darf nicht in Kindernahrung eingesetzt werden, weil er zu einer gefährlichen Sauerstoffunterversorgung führen kann. Chemisch ist der Stoff mit dem Desinfektions- und Holzschutzmittel Phenol verwandt. Quelle: dpa
CastoreumDer natürliche Aromastoff Castoreum, zu deutsch "Bibergeil", ist ein Drüsensekret mit dem Biber ihr Revier markieren. Die Drüse sitzt beim Biber zwischen After und Geschlechtsteil. In den USA ist Bibergeil als Nahrungszusatz zugelassen und landet überwiegend in Lebensmitteln mit natürlichem Vanillearoma, aber auch als Himbeer- und Erdbeeraroma. Was noch alles in unserem Essen steckt, lesen Sie hier. Quelle: Fotolia

Dabei hilft dem Unternehmen ein Projekt der deutschen Bundesregierung, die versucht, in Madagaskar den aus dem Bauwesen bekannten Public-Private-Partnership-Gedanken auf die Entwicklungshilfe zu übertragen. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ist mit Symrise und dem niederländisch-britischen Konzern Unilever eine Kooperation eingegangen, um die Lebensbedingungen der Vanillebauern zu verbessern. Dazu zählen effizientere Anbaumethoden, eine finanzielle Unterstützung von 46 Grundschulen der Region und der Aufbau von drei landwirtschaftlichen Berufsschulen.

Das Programm läuft bis Ende 2016, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung übernimmt 680.000 Euro, Unilever steuert 400.000 Euro bei und Symrise 303.000 Euro.

Die Holzmindener spenden pro Kilo angekaufter Vanille einen Geldbetrag an die örtlichen Elternorganisationen für Schulbücher und bessere Lehrergehälter. In Notfällen gibt Symrise den Bauern zudem "Reiskredite": Die Familien erhalten gratis Reis, den sie nach der nächsten Ernte mit Vanille bezahlen.

Die wichtigste Maßnahme aber ist: GIZ, Unilever und Symrise haben zusammen mit einem einheimischen Versicherungsunternehmen und der NGO Planet Finance eine Krankenversicherung für die Bauern aufgebaut. "Viele können sich so erstmals überhaupt eine medizinische Behandlung leisten", sagt GIZ-Landesdirektor Alan Walsch.

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