Editorial Uhren-Dossier: Die Täler, in denen sich alles um die Zeit dreht

Glashütte ist klein und lebt vom Geschäft mit den Uhren.
Foto: Ingmar Björn Nolting für WirtschaftsWocheEs war im März 2008, als ich als Reporter erstmals in eines dieser Täler fuhr, in denen seit Ewigkeiten Uhren hergestellt werden. Ich kam mit dem Auto die steile Straße nach Schramberg im Schwarzwald hinunter, nie werde ich den Blick vergessen. „Das Städtchen“, schrieb ich damals, „liegt im Tal, als sei es einmal vergessen worden. Es kauert zwischen den steilen Bergen, in ihm atmet alter Stolz, alte Größe, aber auch Verfall und Abstieg.“ Überall „leere erhabene Fabrikhallen, die vor sich hinträumen wie verlassene Paläste.“
Es war wenige Monate nach der Insolvenz von Junghans, einer Marke von Weltrang, 1903 der größte Hersteller der Welt, der nach seiner Meilensteingeschichte durch viele Wirren und Hände gegangen war. Zwei Mittelständler, Vater und Sohn, hatten Junghans gekauft, wollten die Marke retten, wiederbeleben – in dem einstigen Herz der deutschen Uhrenindustrie. Was ihnen auch gelang. Ein erstaunliches Comeback.
Damals entwickelte ich eine Faszination für diese Täler, in denen sich alles um die Zeit dreht, und diese doch gleichzeitig stehen geblieben zu sein scheint. Einige Jahre später besuchte ich das Städtchen Le Brassus im Vallée de Joux, ein ebenso abgeschiedenes Hochtal im Schweizer Jura. Auch hier: eine Straße mit ewigen Kurven, Fichtenwälder stehen Spalier, Wiesen und Steinmauern liegen und kauern sich, und dann öffnet sich das Tal mit dem Lac de Joux. Auch hier: Einsamkeit, Konzentration, Tradition. Kurze Sommer, lange Winter, in denen einst die Bauern, genannt „Combiers“, mit dem Bau von Uhren angefangen hatten. Erst Turmuhren, dann Wand- und Taschenuhren, schließlich Armbanduhren. Hier sitzen noch heute klangvolle Namen der Schweizer Branche: Vacheron Constantin, Jaeger-LeCoultre, Breguet, Audemars Piguet.
Bleibt Glashütte in Sachsen, auch ein Tal, ein besonderes Cluster, hinter dem eine erstaunliche Geschichte von Pionieren und ein Comeback nach dem Mauerfall steht. Diese Täler sind natürlich auch Teil einer Story, dienen der Mythenbildung für Marke und Marketing: dass hier etwas ganz Besonderes konserviert und produziert wird, in einer Zeit, in der sonst alles fließt und zerfließt. Sie sind real und inszeniert zugleich.
Nach Glashütte sind wir für dieses Uhrenspezial für Sie gereist, um das Geheimnis zu ergründen. Ebenso nach Japan, um die Manufakturen in Fernost zu verstehen. Wir haben mithilfe von Uhrenexperten Modelle und Klassiker analysiert, fotografiert und inszeniert und exklusive Daten zum Zweitmarkt recherchiert.
Dieses neue Dossier erweitert für Sie unser Angebot im Ressort &Leben, das wir vor einem Jahr gestartet haben – und seitdem sehr erfolgreich ist. Nun also ein Deep Dive, mit Reportagen, Fotostrecken und Datenrecherchen. Es geht eben nicht nur ums Geldverdienen und Geldvermehren, sondern auch darum, das Geld auszugeben.
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