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UhrenWocheWo bleiben die bezahlbaren Uhren?

Es gibt sie noch, die gute und bezahlbare Armbanduhr. Die Big Crown Pointer Date „Bullseye“ von Oris trifft preislich und gestalterisch ins Schwarze. Eine Kolumne.KOMMENTAR von Joern Frederic Kengelbach 17.01.2026 - 12:23 Uhr
Schön und bezahlbar: Die Oris Big Crown Pointer Date „Bullseye“ kostet 1950 Euro. Foto: PR

Kaum waren die Silvester-Sektkorken von Uhrensammlern verschossen, rieb sich die Uhrenfangemeinde im Januar verwundert die Augen: Rolex, Tudor, Audemars Piguet und andere Luxusuhrenmarken erhöhten zum Jahresauftakt ihre Preise. Schon wieder? Uhrensammler schütteln immer häufiger mit dem Kopf, wenn sie in die Auslagen von Wempe und Bucherer schauen.

Bereits im ersten Halbjahr 2025 stiegen die Preise von Rolex und Markentochter Tudor sowie Patek Philippe, Audemars Piguet, Vacheron Constantin, A. Lange & Söhne, Omega, Grand Seiko und IWC laut der Analyseplattform Watchcharts um durchschnittlich 5,4 Prozent.

Bei Tudor sind diese Anfang 2026 im Schnitt um fünf bis sechs Prozent nach oben geklettert, Audemars Piguet startet ebenfalls mit neuen Preisen ins Jahr 2026. Diese liegen in den USA um 7,5 Prozent über denen des Vorjahres. In anderen Märkten fallen die Steigerungen geringer aus und liegen in Großbritannien lediglich bei durchschnittlich 2,5 Prozent, wie die Plattform Swisswatches-Magazine berichtet. Bei Rolex werden vor allem die Gold-Referenzen deutlich teurer, teils um bis zu 14 Prozent.

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1950 Euro für Schweizer Uhr – wo ist der Haken?

Doch es geht auch anders: Die unabhängige Manufaktur Oris stellte soeben in den USA eine mechanische Armbanduhr ausgerechnet im nicht gerade günstigen US-Skiort Vail in Colorado vor. Die Big Crown Pointer Date „Bullseye“ kostet 1950 Euro. Das klingt so schön, dass man fast fragen möchte, wo der Fehler ist.

Es gibt keinen. Außer, wenn man es als Fehler ansieht, dass man damit seinen Gesprächspartner im Business-Meeting oder abends an der Bar nicht mit der Geschichte beeindrucken kann, dass man zehn Jahre auf eine Uhr gewartet hat. Nur, um schließlich das Mehrfache eines guten Manager-Monatsgehaltes für ein Modell auszugeben, auf das auch der Gesprächspartner nur deshalb neidisch ist, weil er mindestens ebenso lange auf genau dasselbe Modell wartet.

Die Oris hat 38 Millimeter Gehäusedurchmesser. Foto: PR

Nein, eine Oris eignet sich wirklich nicht für Show-off. Aber erstaunlicherweise vereint diese Uhr dennoch alles, was eine sammelwürdige Armbanduhr ausmacht: Geschichte, feine Mechanik und das alles von einer inhabergeführten, unabhängigen Schweizer Manufaktur.

Natürlich muss man sich für das Retro-Design begeistern. Das ist allerdings bei diesem Modell kein modischer Schnickschnack: Fast drei Jahrzehnte nach der letzten Neuinterpretation knüpft der Uhrenmacher wieder bewusst an die Gestaltung einer seiner geschichtsträchtigsten Modelle an.

Design geht auf das Jahr 1938 zurück

Der erste Entwurf der Big Crown Pointer Date geht auf das Jahr 1938 zurück. Das Modell mit dem leicht ablesbaren Zeigerdatum und der großen Krone war ursprünglich für Piloten entwickelt worden und überzeugt bis heute durch hervorragende Ablesbarkeit.

Das Ergebnis ist funktional, schnörkellos und zugleich so eigenständig, dass dieses Modell zum Gesicht der Marke wurde. Nun kehrt auch das zweifarbige, konzentrische Zifferblattdesign zurück, das bereits in den 1910er-Jahren bei Taschenuhren eingesetzt wurde. Kataloge aus dieser Zeit dokumentieren das.

Innere Werte: Das Uhrwerk der Oris Big Crown mit dem markantem Aufzugsrotor. Foto: PR

Im Laufe des 20. Jahrhunderts kehrte das sogenannte Bullseye-Design immer wieder zurück, in den Vierziger- bis Siebzigerjahren erfreute es sich großer Beliebtheit. Zuletzt brachte man es 1998 in einer Armbanduhr – danach verschwand es von der Bildfläche.

Als Basis des Comebacks dient die bekannte Big Crown Pointer Date mit einem Gehäusedurchmesser von 38 Millimetern, der derzeit wohl angesagtesten Herrengröße. Die Edelstahluhr mit Cervo-Volante-Hirschleder-Armband und Schnellwechselsystem ist mit fünf bar ausreichend wasserdicht. Als Antrieb dient das Oris-Automatik-Kaliber 754 (Basis Selitta) mit 41 Stunden Gangreserve, augenblicklichem Datumswechsel und Sekundenstopp.

Mit der Uhr frei Haus kommt die Geschichte der Marke Oris, ein Lehrstück über Unternehmertum in volatilen Zeiten. 122 Jahre alt ist die Marke, also älter als Rolex. Sie wurde nach einem kleinen Bach nahe des Fabrikgebäudes in Hölstein im Kanton Basel benannt, wo 1904 alles begann.

Vor der Quarzkrise war Oris ein Uhren-Gigant

Noch nie von Oris gehört? In den späten 1960er-Jahren war der Hersteller sogar ein Uhrengigant: Rund 800 Mitarbeiter fertigten jährlich bis zu 1,2 Millionen Uhren, was das Unternehmen zu einem der zehn größten Uhrenhersteller der Welt machte. In einer Zeit, in der 44 Prozent aller weltweit verkauften Uhren aus der Schweiz stammten, schien der Erfolg unaufhaltsam.

Doch dann kam die Quarzkrise – zumindest war es für die Schweiz eine Krise, denn für die Welt war der Beginn des elektronischen Quarzzeitalters eine technische Evolution. Sie führte aber zum fast vollständigen Zusammenbruch der Schweizer Uhrenindustrie. Rund 900 Firmen verschwanden, zwei Drittel der Arbeitsplätze gingen verloren, der weltweite Marktanteil der Schweiz bei Armbanduhren brach auf 13 Prozent ein.

Auch Oris blieb nicht verschont. 1970 gab das Unternehmen seine Unabhängigkeit auf und wurde Teil der ASUAG, der Vorläuferin der heutigen Swatch Group. In den frühen 1980er-Jahren war von der einstigen Größe kaum mehr etwas übrig: Einige Dutzend Mitarbeiter, die Rohwerkeproduktion hatte man aufgegeben.

Verwaltungsratspräsident Ulrich W. Herzog ist seit über 50 Jahren an Bord. Foto: PR

Wie viele andere Hersteller stand Oris kurz vor dem Aus. Die Wende kam 1982 durch einen Management-Buy-out der damaligen Geschäftsführer Rolf Portmann und Marketingleiter Ulrich W. Herzog, der heute noch im Unternehmen ist. Sie übernahmen die Reste des Unternehmens und machten Oris wieder unabhängig. Ihre Entscheidung war radikal und rückblickend richtungsweisend: Oris sollte fortan ausschließlich mechanische Uhren im mittleren Preissegment bauen. Strategische Klarheit prägt die Marke bis heute. Seit 2002 gibt es den auffälligen roten Aufzugsrotor als starkes visuelles Markenzeichen.

Und die Sammler? Sie verlangen heute oft nach hauseigenen Uhrwerken. Um aber das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht zu gefährden, setzte Oris lange bewusst nur auf zugekaufte Werke von Eta und heute Sellita. Erst ab 2014 leitete das Unternehmen einen in diesem Preissegment umso bemerkenswerteren Richtungswechsel ein: Mit dem Handaufzugskaliber 110 präsentierte Oris erstmals seit Jahrzehnten wieder eine eigene, hochambitionierte Werkentwicklung. Mit zehn Tagen Gangreserve setzte man ein erstes technisches Ausrufezeichen.

Der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung ist das Kaliber 400, das mitten in der Coronapandemie vorgestellt wurde. Fünf Jahre dauerte es bis zur Serienreife, seit Ende 2020 ist es in der Kollektion. Mit fünf Tagen Gangreserve, hoher Magnetfeldresistenz, präziser Regulierung und außergewöhnlicher Servicefreundlichkeit positioniert sich das Werk als eines der preislich attraktivsten exklusiven Automatikwerke der Schweiz – und steht im direkten Wettbewerb mit Manufakturkalibern von Frédérique Constant und Tudor. Oris verzichtet bewusst auf eine COSC-Zertifizierung, reguliert die Werke aber intern auf Werte von minus drei bis plus fünf Sekunden pro Tag – besser als die offizielle Schweizer Chronometernorm COSC.

Besonderes Augenmerk legt Oris dabei auf Alltagstauglichkeit. Rund 30 amagnetische Bauteile ergänzen die Siliziumkomponenten. Tests zeigten nach einer Belastung von über 2200 Gauss Abweichungen von unter zehn Sekunden pro Tag – ein Bruchteil dessen, was die ISO-Norm erlaubt. Überzeugt von der eigenen Qualität gewährt man Kunden nach Registrierung zehn Jahre Garantie. Dieser Zeitraum entspricht den empfohlenen Wartungsintervallen. Beides ist beachtlich.

Seit zehn Jahren Geschäftsführer: Rolf Studer. Foto: PR

Die mechanischen Werke aus eigener Produktion machen heute rund 20 Prozent aller Armbanduhren bei Oris aus. Aktuell beschäftigt das Unternehmen wieder rund 200 Mitarbeiter und wird seit zehn Jahren von CEO Rolf Studer geführt, der im Unternehmen zuvor bereits fast ein Jahrzehnt als Regional Manager und Vice President beschäftigt war. Er hat nicht die Absicht, in Zukunft zur vertikalisierten Vollmanufaktur zu werden: „Wir wollen ganz bewusst nicht mit zugekauften Werten aufhören, weil wir eben diesen Eingangspreispunkt halten wollen.“ Ein leider selten gewordener Beweis dafür, dass der Luxus einer mechanischen Armbanduhr für viele erreichbar sein kann.

Dabei erwerben Kunden immer noch ein verhältnismäßig seltenes Produkt: Denn mit geschätzten 60.000 bis 70.000 Armbanduhren pro Jahr (laut Morgan-Stanley-Report) bewegt man sich stückzahlenmäßig auf dem Niveau von Patek Philippe und Audemars Piguet.

Eigene Boutiquen betreibt die Marke sogar nur 15 weltweit und setzt ansonsten auf klassischen Uhrenvertrieb. Bei den Endverbraucherpreisen muss man eben haushalten mit dem Geld. Studer sagt: „Wir haben hart dafür gearbeitet, als unabhängiges Unternehmen zu überleben, heute ernten wir die Früchte. Unabhängig zu sein heißt, dass wir jeden Morgen aufstehen und in den Spiegel schauen können. Unabhängig zu sein heißt auch, dass wir als Firma für Kunden und für unsere Mitarbeiter einen Sinn schaffen.“ Soviel Haltung ist selten geworden in der Uhrenbranche.

Lesen Sie hier alle Artikel der UhrenWoche und weitere spannende Geschichten rund um die Trends der Uhrenbranche.

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