Evonik streicht Jobs: „Die Chemie der Zukunft findet woanders statt“
Ein Team aus gut einem Dutzend Mitarbeitern hat über Monate sämtliche Strukturen und Abläufe des Essener Chemiekonzerns Evonik analysiert. Am Ende stand eine Abrechnung mit der eigenen Organisation: „Zu komplex“, „zu teuer“, „zu wenig klar“ und deshalb „definitiv zu langsam“, urteilte Konzernchef Christian Kullmann. Man müsse dringend „effizienter, effektiver und damit insgesamt besser“ werden.
So hart die Worte im Frühling waren, so radikal sind nun die Schlüsse, die Kullmann daraus zieht. Den Chemiekonzern Evonik, mit seinen 32.000 Mitarbeitern und gut 15 Milliarden Euro Umsatz eine echte Größe im Markt, wird es so bald nicht mehr geben, wenn es nach Kullmann geht. Dessen Plan beinhaltet ein neues Führungsmodell, Veränderungen im Vorstand, Unternehmensverkäufe und Firmenausgliederungen. Kurz: den wohl größten Konzernumbau der Unternehmensgeschichte. Nach dessen Ende könnte der Konzern um bis zu 7000 Mitarbeiter ärmer sein.
Evonik will sich in Zukunft auf margen- und wachstumsstarke Geschäfte in der Spezialchemie ausrichten – ohne sich zugleich über die Produkte zu definieren. „In unserer heutigen Struktur ist das Kriterium Spezialchemie allein für unsere Weiterentwicklung nicht mehr ausreichend“, wird Kullmann in der Pressemitteilung des Konzerns zitiert. Der Begriff sei inhaltlich „mittlerweile völlig verwaschen“ und differenziere das Unternehmen nicht mehr hinreichend bei Kunden und Investoren.
Evonik-Chef Christian Kullmann verordnet den wohl größten Konzernumbau der Unternehmensgeschichte.
Foto: dpaMaßgeschneiderte Produkte als Wachstumstreiber
Bislang bündelt Evonik die Geschäfte in die vier Bereiche Pharma-, Kosmetik- und Ernährungsindustrie („Nutrition & Care“), Werkstoffe („Smart Materials“), Additive für die industrielle Anwendung („Specialty Additives“) sowie rohstoff- und energieintensive Basischemie („Performance Materials“). Diese Struktur will Kullmann auflösen.
Ab April kommenden Jahres soll eine neue Konzernstruktur mit zwei Segmenten gelten. Zum Bereich „Custom Solutions“ mit rund 7000 Beschäftigten sollen Geschäfte mit „maßgeschneiderten“ Produkten für die Evonik-Kunden zählen. Dazu gehören etwa Additive für Lacke sowie Beschichtungen für die Kosmetik- und Pharmaindustrie.
Zum Bereich „Advanced Technologies“ mit etwa 8000 Mitarbeitern sollen in Zukunft unter anderem sogenannte Hochleistungskunststoffe sowie das Wasserstoffperoxid-Geschäft von Evonik zählen. Der Bereich definiere sich über eine „hohe Technologie-Kompetenz und operative Exzellenz“, heißt es in der Mitteilung.
Die Führungsstruktur deutlich verschlanken
Beide Segmente kommen aktuell auf einen Jahresumsatz von jeweils rund sechs Milliarden Euro. Der Bereich „Custom Solutions“ soll künftig vor allem die Rolle als Wachstumstreiber einnehmen. Das Segment „Advanced Technologies“ soll laut Evonik dagegen die Finanzierungsrolle übernehmen und Cashflow generieren.
In Folge der Neustrukturierung will Kullmann die Führungsstruktur deutlich verschlanken. Die Zahl der Führungsebenen im Essener Unternehmen will er von durchschnittlich zehn auf maximal sechs verringern. Mehr als 3000 Organisationseinheiten fallen dabei weg.
Evonik hatte bereits im März im Rahmen eines Sparprogramms angekündigt, rund 2000 Arbeitsplätze abzubauen. Betroffen ist vor allem das mittlere Management: Von den Stellenstreichungen betroffen sind 500 Führungskräfte.
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Darüber hinaus sollen 1000 Mitarbeiter ihre Führungsverantwortung abgeben und künftig ausschließlich als Fachexperten für das Unternehmen tätig sein. Vor betriebsbedingte Kündigungen sind die Mitarbeiter bis 2032 geschützt. Der Abbau wird somit hauptsächlich über Abfindungen und Frühverrentung erfolgen.
Mehrere Geschäftsbereiche vor dem Verkauf
In der obersten Führungsriege stockt Evonik dagegen auf: Künftig gehören fünf statt bislang vier Managerinnen und Manager zum Evonik-Vorstand. Neu in das Führungsgremium kommen die Amerikanerin Lauren Kjeldsen und die Französin Claudine Mollenkopf, die beide bereits bei Evonik tätig sind. Sie sollen ab April die beiden neuen Geschäftsbereiche leiten. Der stellvertretende Vorstandschef Harald Schwager geht in den Ruhestand. Personalvorstand bleibt Thomas Wessel, Finanzchefin Maike Schuh.
Der Aufsichtsrat unterstützt den Konzernumbau. Evonik-Aufsichtsratschef Bernd Tönjes spricht von einer „strukturellen Weiterentwicklung des Konzerns“. Damit könne „das eigene Potenzial“ des Unternehmens „für profitables Wachstum optimal ausgeschöpft werden“.
Es sind nicht die einzigen Veränderungen, die Evonik und den Konzernmitarbeitern bevorstehen. Evonik will seine Ressourcen künftig vollständig auf die stärksten Geschäftsbereiche ausrichten. Von anderen Geschäften will sich der Konzern trennen. Unter anderem steht das Infrastruktur-Geschäft mit rund 3600 Mitarbeitern in Marl und Wesseling zur Disposition. Derzeit prüft der Vorstand verschiedene Möglichkeiten – sowohl ein Verkauf als auch die Ausgliederung des Geschäftsbereichs. Zugleich treibt Evonik die Verkäufe der C4-Chemie in Marl mit 1000 Mitarbeitern und des Werks in Witten mit 400 Mitarbeitern voran. In Summe mit den 2000 vom Sparprogramm betroffenen Stellen könnten Evonik somit in den kommenden Jahren bis zu 7000 Mitarbeiter verlassen.
Düstere Branchenaussichten
Das Programm sei „hart, aber notwendig“, sagte Kullmann bei einer Pressekonferenz im März. Wie die gesamte Chemiebranche leidet auch Evonik unter hohen Energiepreisen, Handelshemmnissen und der schwächelnden Konjunktur. Laut dem am Freitagvormittag veröffentlichten Jahresbericht des Branchenverbands VCI ist Besserung vorerst außer Sichtweite.
„Es ist eine trübe Bestandsaufnahme“, erklärte VCI-Präsident Markus Steilemann. Für das laufende Jahr bleibe die Prognose unverändert: Der Branchenumsatz dürfte um zwei Prozent sinken, während die Erzeugerpreise um 2,5 Prozent fallen. Die Branche leidet weiterhin unter anhaltendem Auftragsmangel. Die Produktionsanlagen waren laut VCI im Jahr 2024 im Schnitt nur zu 75 Prozent ausgelastet. Die Auslastung liege somit schon das vierte Jahr in Folge unter dem profitablen Bereich.
Auch für 2025 rechnet Steilemann mit stagnierenden Aufträgen und Umsätzen. Fast jedes zweite Unternehmen geht laut einer aktuellen Mitgliederbefragung des Verbands von einer Verschlechterung der Ertragslage aus. Mit einer Verbesserung rechnet jedes zweite Mitgliedsunternehmen sogar erst 2026 oder später. „In der Konsequenz wurden bereits einige Anlagen dauerhaft geschlossen und wir gehen davon aus, dass weitere Stilllegungen folgen werden“, sagte Steilemann. Investiert würde nicht länger im Inland, dafür umso mehr im Ausland.
Um im internationalen Vergleich unter den aktuellen Bedingungen wieder mithalten zu können, müssen die deutschen Chemieunternehmen laut einer Studie der Unternehmensberatung Boston Consultig ihre Produktivität und Effizienz um bis zu 30 Prozent steigern. Um das zu erreichen, setzen laut VCI derzeit fast 70 Prozent der Mitgliedsunternehmen auf die Umstrukturierung ihrer Prozesse – Evoniks Umstrukturierung ist somit kein Einzelfall.
„Leider führen solche Maßnahmen nicht überall zum Erfolg“, gibt Steilemann zu bedenken. Dann würden Teile der Produktion ins Ausland verlagert oder man trenne sich von unrentablen Geschäftsfeldern: „Was weg ist, ist weg“, warnt Steilemann. „Die Chemie der Zukunft findet derweil woanders statt.“
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