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Gefragter Halbedelstein Der dubiose Boom des Bernsteins

Jahrzehntelang war Bernstein an der Ostsee ein Ramschartikel für Touristen. Dann kamen die Chinesen. Und plötzlich zieht der Stein Ganoven, Glücksritter und Geschäftsleute an. Einblicke in einen Wettstreit auf einem wahrhaft globalisierten Markt ohne Regeln.

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Edelsteine: Bernstein-Nuggets sind bei Chinesen heiß begehrt. Quelle: Laif

Einen kurzen Fußmarsch entfernt vom Paradies der Gauner sieht die Ostsee aus wie in der Broschüre einer Kurverwaltung. Feiner Sand, schroffe Dünenabbrüche, duftende Kiefern. Svetlana und Maria spazieren die unendliche Uferlinie entlang, wie sie das seit Jahren fast jeden Vormittag tun, wenn Saison ist. Die Aufgabenteilung ist klar. Maria, die Jüngere, läuft vorne am Wasser, leicht gebückt, und greift immer wieder in den Sand. Svetlana geht ein paar Meter weiter hinten, wo der Sand schon trocken ist, stromert mal nach links und rechts. Die beiden suchen nach Bernstein, so wie sich das der Nostalgiker vorstellt. Am Wasser findet Svetlana die kleinen Stücke, die fast mit jeder Flut kommen.

Weiter hinten könnten die großen liegen, vom Sturm der vergangenen Nacht. „Wenn die See rau ist, dann werden manchmal auch größere Brocken angeschwemmt“, sagt Maria. „Ganz selten!“, korrigiert Svetlana und lacht spöttisch. Viel Erfahrung klingt da mit und auch ein bisschen Enttäuschung. Die beide wissen: Was sie hier tun, ist ein kleiner Zuverdienst, das große Geschäft mit dem Gestein wird hinter den Kiefernwäldern gemacht.

Yantarnyi, Oblast Kaliningrad, Russland, Heimat des Bernsteins. Hier, am heutigen Ostseestrand, stand einst der Wald, aus dem eine seltene Baumkrankheit und die pünktliche Eiszeit vor ein paar Tausend Jahren die größte Lagerstätte des Halbedelsteins gemacht haben. Es ist der bis dato einzige Ort auf der Welt, an dem bester baltischer Bernstein industriell abgebaut werden kann. Über 90 Prozent der weltweiten Vorkommen lagern unter und um den Ort Yantarnyi, der auf Deutsch übersetzt einfach Bernstein hieße. Wer hier an der richtigen Stelle sitzt, der kann derzeit ohne großen Aufwand in kürzester Zeit sagenhaft reich werden. Denn in den letzten Jahren ist passiert, was jahrzehntelang unmöglich schien: Bernstein wurde zum begehrten Gut.

Die teuersten Edelsteine der Welt
Winston Pink LegacyNeuer Rekord für einen rosafarbenen Diamanten: Am 13. November 2018 ersteigerte der renommierte amerikanische Juwelier Harry Winston den 18,96 Karat schweren Diamanten "Pink Legacy" für mehr als 50 Millionen Dollar, umgerechnet 44 Millionen Euro, inklusive der Gebühren an das Auktionshaus Christie's. Zwar ist der "Pink Star" bereits 2013 für einen deutlich höheren Betrag versteigert worden, aber gemessen am Preis pro Karat schafft der umgehend in "Winston Pink Legacy" umgetaufte Diamant laut Christie's einen neuen Weltrekord für rosafarbene Diamanten: 2,6 Millionen Dollar pro Karat. Der Stein wurde vor mehr als hundert Jahren gefunden und war lange in Besitz der Familie Oppenheimer, die einst den Minen-Konzern De Beers leitete. Quelle: AP
Le Grand MazarinNach dem Rekordjahr 2016 gingen dieses Jahr keine Superdiamanten für illustre Summen über den Auktionshaustisch. Beim "Grand Mazarin" ist eher die Geschichte beeindruckend: Er gehörte vielen Königinnen, Königen und Kaisern, darunter der Sonnenkönig Ludwig XIV. Ein privater Sammler erwarb den 19,07 Karat schweren Stein für 12,3 Millionen Euro. An die Rekordhalter kommt der pinke Diamant damit allerdings nicht heran. Quelle: REUTERS
The Pink StarEr hatte bereits bei einer Auktion in Genf 2013 den Rekordpreis von rund 76,3 Millionen Schweizer Franken (rund 62 Millionen Euro) erlöst: Der Rekord-Diamant „Pink Star“ hat bei einer Auktion in Hongkong einen neuen Besitzer gefunden. Wie das Auktionshaus Sotheby's mitteilte, ersteigerte die Hongkonger Juwelierkette Chow Tai Fook den rosafarbenen Stein für 71,2 Millionen Dollar (etwa 67 Millionen Euro). Zahlt der Bieter den Betrag, wäre es der höchste Preis, der jemals für einen Diamanten erzielt wurde. Der „Pink Star“, das Prunkstück der diesjährigen Juwelenauktion von Sotheby's, war bereits vor drei Jahren zu einem noch höheren Preis von 83 Millionen Dollar ersteigert worden. Da der Käufer später jedoch nicht zahlen konnte, nahm das Auktionshaus den Stein zurück. Er gilt als teuerster Diamant aller Zeiten - zumindest was den Gesamtpreis betrifft, denn Experten vergleichen nur den Preis pro Karat. Das 59,60 Karat schwere Juwel wurde als Typ 2a eingestuft, was für ein rosafarbenes Exemplar eine Seltenheit ist. Zwei Jahre brauchte die Firma Steinmetz Diamonds, um ihn aus einem 132,5 Karat schweren Rohdiamanten zu schleifen. Quelle: AP
Lesedi La RonaDer vermutlich zweitgrößte Rohdiamant der Welt kam am Abend des 29. Juni im Londoner Auktionshaus Sotheby's unter den Hammer - jedenfalls fast. Denn für viele Experten überraschend fand sich kein Käufer. Auf etwa 70 Millionen US-Dollar (etwa 64 Millionen Euro) hatten die Auktionatoren die Verkaufssumme geschätzt. In Botswana im Süden Afrikas wurde das wertvolle Stück im November in einer Mine der kanadischen Firma Lucara Diamond entdeckt. Der Stein heißt „Lesedi La Rona“, was sich mit „Unser Licht“ übersetzen lässt. Laut Sotheby's ist der Rohdiamant der weltweit größte Fund seiner Art seit 1905 und erreicht mit 1109 Karat knapp die Größe eines Tennisballs. Um viele mögliche Interessenten auf das Prachtstück aufmerksam zu machen, wurde der Rohdiamant in den vergangenen Monaten auf Weltreise geschickt und in Städten wie Dubai, Singapur, New York und Hongkong präsentiert - leider bislang vergeblich. Quelle: dpa
"The Constellation"Er hat für 63 Millionen Dollar (55,2 Millionen Euro) den Besitzer gewechselt, noch nie wurde mehr für einen Rohdiamanten bezahlt. Er wurde im November 2015 in der Karowe-Mine in Botswana gefunden. 813 Karat misst der Edelstein und ist damit fast so groß wie ein Tennisball. Den Rekord für den weltgrößten Diamantenfund seit 1905 verpasste er denkbar knapp: Er wurde nur einen Tag nach dem Lesedi La Rona gefunden. Quelle: PR
Oppenheimer BlueEs ist der teuerste blaue geschliffene Diamant, der jemals versteigert wurde. Ein anonymer Käufer zahlte für den "Oppenheimer Blue" sagenhafte 57,54 Millionen Dollar (50,81 Millionen Euro). Der mit 14,62 Karat weltgrößte klar-blaue Diamant wechselte am 18. Mai 2016 beim Auktionshaus Christie's den Besitzer. Geschätzt wurde der Stein im Vorfeld auf 38 bis 45 Millionen Dollar (etwa 33 bis 40 Millionen Euro). Quelle: PR
Blue Moon of JosephineDen "Blue Moon of Josephine" hat der chinesische Milliardär Joseph Lau Luen-hung für 48,4 Mio. Dollar (etwa 45 Millionen Euro) für seine Tochter ersteigert. Zuvor hieß der 12,03 Karat schwere Stein nur "Blue Moon". Bis zur Versteigerung des "Oppenheimer Blue" galt er als der teuerste blaue Diamant der Welt. Quelle: AP

Statt drei oder fünf Euro bekam man für ein Gramm der besten Ware erst 20, dann 30 und schließlich 50 Euro. Irgendwann war Bernstein so teuer wie Gold. Und da ist der Wahnsinn losgegangen. Erst hier in Yantarnyi, dann in Shanghai, in der Ukraine, in Polen und irgendwann auch in Berlin, Alexanderplatz.

Marcel Querl wird den eisigen Wintertag im vergangenen Jahr wohl nie wieder vergessen. Er und sein Kompagnon, wie sie mit einem Miettransporter auf dem Alexanderplatz stehen. Und vor ihnen eine schier unendliche Schlange älterer Herrschaften mit Bernsteinschmuck in Händen oder Taschen. Am nächsten Tag hatten sie Heizpilze und Stühle aufgestellt, damit der betagten Kundschaft kein Unglück widerfahre. Querl ist erst 32 Jahre und hat doch schon große Erfahrungen im Handel mit wertvollen Dingen aller Art. Noch während seiner Ausbildung zum Großhandelskaufmann hatte er begonnen, sich für antike Möbel und Schmuck zu interessieren. Bald merkte er, dass am meisten Geld mit Edelsteinen zu machen ist. Und die guten Margen bei den Großhändlern liegen. Also ging er nach Antwerpen, weltweites Handelszentrum für Edelsteine aller Art.

Er lernte bei den Koryphäen des Geschäfts und machte so bald selbst gute Geschäfte. Steine einkaufen, vorschleifen und dann weiterverkaufen. „Irgendwann stand dieser chinesische Kunde vor mir, den kannte ich schon länger, der fragte nach Bernstein“, erinnert sich Querl. Bernstein? Natürlich kannte er die harzig-braunen Steine, die er als Schmuckhändler immer wieder von älteren Privatsammlern oder aus Erbbeständen angeboten bekommen hatte. Aber was wollte der Mann mit dem aus der Mode gekommenen Zeug?

Doch statt dem ersten Reflex nachzugeben und ihn abzuwimmeln, tat Querl, was bisher die Grundlage für alle seine wirklich guten Geschäfte gewesen war: Er interessierte sich für das scheinbar Uninteressante. Recherchierte in China, sprach mit ein paar anderen Händlern. Fand heraus, dass in China gerade eine immer größere Nachfrage nach dem Material entstand, für das es in Westeuropa nicht mal einen Markt gab. Recherchierte in Deutschland, sprach mit alten Kontakten und den zwei, drei Bernsteinkennern, die es gab. Fand heraus, das Bernstein vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs einer der beliebtesten Schmucksteine im Deutschen Reich gewesen war.

Und erkannte: In der Kombination liegt das Geschäftsmodell. Wenn er die Schmuckstücke der deutschen Rentner nach China verkaufen könnte, wäre es das Geschäft seines Lebens.

Zehn kuriose Fakten über Gold
Gold ist essbarEine Bedienung serviert eine Currywurst mit Blattgold und Champagner. Auch Süßspeisen, edle Pralinen oder Gebäck werden gern mit Blattgold verziert. Einen Eigengeschmack hat Gold nicht. Quelle: Berliner Wirtschafts- und Finanzstiftung Quelle: dpa/dpaweb
Gold ist sehr gut formbarVon allen bekannten Metallen ist Gold dasjenige, das am besten dehn- und formbar ist - zugleich ist es sehr stabil. So kann aus nur einem Gramm Gold ein mehr als drei Kilometer langer Draht hergestellt werden, der dünner als ein menschliches Haar ist. Quelle: REUTERS
Früher waren Olympia-Medaillen aus GoldDie deutsche Skirennläuferin Maria Höfl-Riesch posiert mit zwei Medaillen, die sie bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 gewann. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Goldmedaillen noch aus massivem Gold. Heute sind sie nur noch vergoldet. Schuld sind die seit dem Jahr 1900 stark gestiegenen Goldpreise. Bei einem aktuellen Goldpreis von etwa 1172 Dollar wäre die 500 Gramm schwere Medaille rund 18.840 Dollar wert. Quelle: dpa
Deutsche sind Gold-FansDie Deutschen setzen auf Gold: Laut einer Studie, die der Edelmetallkonzern Heraeus bei der Berliner Steinbeis-Hochschule in Auftrag gegeben hatte, haben die Deutschen im Herbst 2014 mehr Gold in ihrem Privatbesitz als die US-Notenbank Fed eingelagert hat. Es sind etwa 8200 Tonnen. Quelle: dpa
Gold als HeilmittelSeit Jahrtausenden wird Gold in der Naturheilkunde eine heilende Wirkung zugeschrieben. Auch heute noch werden Gold-Spritzen oder -Tabletten zum Beispiel gegen Rheuma angeboten. Die Therapie kann aber zahlreiche Nebenwirkungen haben und erfordert eine intensive ärztliche Betreuung. Quelle: dpa
Das größte GoldnuggetHier ist das "Butte Nugget" zu sehen, eines der größten Goldnuggets, die je gefunden wurden. Noch größer war aber das Nugget "Welcome Stranger", das zwei Australier im Jahr 1869 fanden. Es maß zehn mal fünfundzwanzig Zentimeter. Quelle: AP
Warum ist Gold kein offizielles Zahlungsmittel mehr?Der damalige US-Präsident Richard M. Nixon verkündete am 15. August 1971, dass der US-Dollar nicht mehr in Gold eintauschbar sei. Von da an verwandelten sich die Währungen der Welt in nicht einlösbares Papiergeld, Gold war keine Währungsdeckung mehr. Die Schweiz war lange eine Ausnahme: Bis das Alpenland 1999 in den IWF eintrat, waren noch 40 Prozent jedes Schweizer Frankens durch Gold gedeckt. Quelle: AP

Querls Zugang mochte ungewöhnlich sein, der einzige Bernsteinhändler mit ausgeprägtem Geschäftssinn war er keineswegs. Denn als Querl das Material vor gut zwei Jahren für sich entdeckte, war der Bernstein in China längst großes Geschäft. Der Ostseenippes als Erfolgsprodukt im Fernen Osten, das klingt fürs Erste überraschend, aber das ist letztlich eine Frage der Perspektive: Wirklich exquisit ist immer nur das Exotische und Seltene. So mag die Bernsteinkette vom Rügener Fachhändler aus deutscher Perspektive ein Inbegriff der Piefigkeit sein, von China aus betrachtet, sieht die Sache ein bisschen anders aus.

Hinzu kommt, dass Bernstein als Material im Konfuzianismus ebenso wie Jade eine besondere Rolle spielt, weshalb Bernstein in China schon immer präsent war. Vor allem aber ist Bernstein selten, zumindest in seiner derzeit wertvollsten Version: im matten Hellgelb oder weiß, rein und ohne Schattierungen.

Auf der Suche nach solchen Steinen kommen Hu Ding und Ming Li schon seit Jahren regelmäßig nach Danzig. Die alte Hansestadt an der polnischen Ostseeküste ist zwar drei Autostunden und eine EU-Außengrenze von den bedeutenden Lagerplätzen des Bernsteins entfernt, trotzdem ist sie das Zentrum des Handels, zumindest des legalen.

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