Gefragter Halbedelstein: Der dubiose Boom des Bernsteins
Edelsteine: Bernstein-Nuggets sind bei Chinesen heiß begehrt.
Foto: LaifEinen kurzen Fußmarsch entfernt vom Paradies der Gauner sieht die Ostsee aus wie in der Broschüre einer Kurverwaltung. Feiner Sand, schroffe Dünenabbrüche, duftende Kiefern. Svetlana und Maria spazieren die unendliche Uferlinie entlang, wie sie das seit Jahren fast jeden Vormittag tun, wenn Saison ist. Die Aufgabenteilung ist klar. Maria, die Jüngere, läuft vorne am Wasser, leicht gebückt, und greift immer wieder in den Sand. Svetlana geht ein paar Meter weiter hinten, wo der Sand schon trocken ist, stromert mal nach links und rechts. Die beiden suchen nach Bernstein, so wie sich das der Nostalgiker vorstellt. Am Wasser findet Svetlana die kleinen Stücke, die fast mit jeder Flut kommen.
Weiter hinten könnten die großen liegen, vom Sturm der vergangenen Nacht. „Wenn die See rau ist, dann werden manchmal auch größere Brocken angeschwemmt“, sagt Maria. „Ganz selten!“, korrigiert Svetlana und lacht spöttisch. Viel Erfahrung klingt da mit und auch ein bisschen Enttäuschung. Die beide wissen: Was sie hier tun, ist ein kleiner Zuverdienst, das große Geschäft mit dem Gestein wird hinter den Kiefernwäldern gemacht.
Yantarnyi, Oblast Kaliningrad, Russland, Heimat des Bernsteins. Hier, am heutigen Ostseestrand, stand einst der Wald, aus dem eine seltene Baumkrankheit und die pünktliche Eiszeit vor ein paar Tausend Jahren die größte Lagerstätte des Halbedelsteins gemacht haben. Es ist der bis dato einzige Ort auf der Welt, an dem bester baltischer Bernstein industriell abgebaut werden kann. Über 90 Prozent der weltweiten Vorkommen lagern unter und um den Ort Yantarnyi, der auf Deutsch übersetzt einfach Bernstein hieße. Wer hier an der richtigen Stelle sitzt, der kann derzeit ohne großen Aufwand in kürzester Zeit sagenhaft reich werden. Denn in den letzten Jahren ist passiert, was jahrzehntelang unmöglich schien: Bernstein wurde zum begehrten Gut.
Winston Pink Legacy
Neuer Rekord für einen rosafarbenen Diamanten: Am 13. November 2018 ersteigerte der renommierte amerikanische Juwelier Harry Winston den 18,96 Karat schweren Diamanten "Pink Legacy" für mehr als 50 Millionen Dollar, umgerechnet 44 Millionen Euro, inklusive der Gebühren an das Auktionshaus Christie's. Zwar ist der "Pink Star" bereits 2013 für einen deutlich höheren Betrag versteigert worden, aber gemessen am Preis pro Karat schafft der umgehend in "Winston Pink Legacy" umgetaufte Diamant laut Christie's einen neuen Weltrekord für rosafarbene Diamanten: 2,6 Millionen Dollar pro Karat. Der Stein wurde vor mehr als hundert Jahren gefunden und war lange in Besitz der Familie Oppenheimer, die einst den Minen-Konzern De Beers leitete.
Foto: APLe Grand Mazarin
Nach dem Rekordjahr 2016 gingen dieses Jahr keine Superdiamanten für illustre Summen über den Auktionshaustisch. Beim "Grand Mazarin" ist eher die Geschichte beeindruckend: Er gehörte vielen Königinnen, Königen und Kaisern, darunter der Sonnenkönig Ludwig XIV. Ein privater Sammler erwarb den 19,07 Karat schweren Stein für 12,3 Millionen Euro. An die Rekordhalter kommt der pinke Diamant damit allerdings nicht heran.
The Pink Star
Er hatte bereits bei einer Auktion in Genf 2013 den Rekordpreis von rund 76,3 Millionen Schweizer Franken (rund 62 Millionen Euro) erlöst: Der Rekord-Diamant „Pink Star“ hat bei einer Auktion in Hongkong einen neuen Besitzer gefunden. Wie das Auktionshaus Sotheby's mitteilte, ersteigerte die Hongkonger Juwelierkette Chow Tai Fook den rosafarbenen Stein für 71,2 Millionen Dollar (etwa 67 Millionen Euro). Zahlt der Bieter den Betrag, wäre es der höchste Preis, der jemals für einen Diamanten erzielt wurde.
Der „Pink Star“, das Prunkstück der diesjährigen Juwelenauktion von Sotheby's, war bereits vor drei Jahren zu einem noch höheren Preis von 83 Millionen Dollar ersteigert worden. Da der Käufer später jedoch nicht zahlen konnte, nahm das Auktionshaus den Stein zurück. Er gilt als teuerster Diamant aller Zeiten - zumindest was den Gesamtpreis betrifft, denn Experten vergleichen nur den Preis pro Karat. Das 59,60 Karat schwere Juwel wurde als Typ 2a eingestuft, was für ein rosafarbenes Exemplar eine Seltenheit ist. Zwei Jahre brauchte die Firma Steinmetz Diamonds, um ihn aus einem 132,5 Karat schweren Rohdiamanten zu schleifen.
Foto: APLesedi La Rona
Der vermutlich zweitgrößte Rohdiamant der Welt kam am Abend des 29. Juni im Londoner Auktionshaus Sotheby's unter den Hammer - jedenfalls fast. Denn für viele Experten überraschend fand sich kein Käufer. Auf etwa 70 Millionen US-Dollar (etwa 64 Millionen Euro) hatten die Auktionatoren die Verkaufssumme geschätzt. In Botswana im Süden Afrikas wurde das wertvolle Stück im November in einer Mine der kanadischen Firma Lucara Diamond entdeckt. Der Stein heißt „Lesedi La Rona“, was sich mit „Unser Licht“ übersetzen lässt. Laut Sotheby's ist der Rohdiamant der weltweit größte Fund seiner Art seit 1905 und erreicht mit 1109 Karat knapp die Größe eines Tennisballs. Um viele mögliche Interessenten auf das Prachtstück aufmerksam zu machen, wurde der Rohdiamant in den vergangenen Monaten auf Weltreise geschickt und in Städten wie Dubai, Singapur, New York und Hongkong präsentiert - leider bislang vergeblich.
Foto: dpa"The Constellation"
Er hat für 63 Millionen Dollar (55,2 Millionen Euro) den Besitzer gewechselt, noch nie wurde mehr für einen Rohdiamanten bezahlt. Er wurde im November 2015 in der Karowe-Mine in Botswana gefunden.
813 Karat misst der Edelstein und ist damit fast so groß wie ein Tennisball. Den Rekord für den weltgrößten Diamantenfund seit 1905 verpasste er denkbar knapp: Er wurde nur einen Tag nach dem Lesedi La Rona gefunden.
Oppenheimer Blue
Es ist der teuerste blaue geschliffene Diamant, der jemals versteigert wurde. Ein anonymer Käufer zahlte für den "Oppenheimer Blue" sagenhafte 57,54 Millionen Dollar (50,81 Millionen Euro). Der mit 14,62 Karat weltgrößte klar-blaue Diamant wechselte am 18. Mai 2016 beim Auktionshaus Christie's den Besitzer. Geschätzt wurde der Stein im Vorfeld auf 38 bis 45 Millionen Dollar (etwa 33 bis 40 Millionen Euro).
Foto: PRBlue Moon of Josephine
Den "Blue Moon of Josephine" hat der chinesische Milliardär Joseph Lau Luen-hung für 48,4 Mio. Dollar (etwa 45 Millionen Euro) für seine Tochter ersteigert. Zuvor hieß der 12,03 Karat schwere Stein nur "Blue Moon". Bis zur Versteigerung des "Oppenheimer Blue" galt er als der teuerste blaue Diamant der Welt.
Foto: AP
Fancy Intense Pink
Farbige Diamanten sind äußerst selten und entsprechend begehrt auf dem internationalen Markt. Dieser 25 Karat schwere pinke Stein wurde im November 2010 für atemberaubende 45,72 Millionen Schweizer Franken (rund 34 Millionen Euro) in Genf versteigert. Da es sehr schwierig ist, die Vielzahl der Diamantentypen zu klassifizieren, arbeiten Auktionshäuser mit international angesehenen Bewertungseinrichtungen zusammen, deren Experten Eigenschaften wie Farbton oder Reinheitsgrad bestimmen. Laut Sotheby's besitzt dieser Stein „die perfekteste pinke Farbe“, die vom Gemmologischen Institut Amerikas (GIA) in die Kategorie „Fancy Intense Pink“ einsortiert wurde.
Foto: picture alliance / dpaDe Beers Millennium Jewel 4
Der 10,10 Karat schwere "De Beers Millennium Jewel 4" ist nach Angaben des Auktionshauses Sotheby's der größte je versteigerte ovale Diamant des Prädikats "Fancy Vivid Blue", die wertvollste Farbausprägung bei blauen Diamanten. Er ist im April 2016 in Hongkong für umgerechnet 28 Millionen Euro versteigert worden.
Foto: dpaThe Unique Pink
Der größte rosafarbene, birnenförmige geschliffene rosa Diamant hat am 17. Mai 2016 bei einer Auktion von Sotheby's in Genf erstaunliche 30,8 Millionen Franken (27,8 Millionen Euro) erzielt. Sotheby's hatte den seltenen Stein auf 24,6 bis 33,4 Millionen Euro taxiert). Der "Unique Pink" hat ein Gewicht von 15,38 Karat.
Foto: APThe Orange
Der seltene orangefarbene Diamant mit 14,82 Karat ist in Genf für eine Rekordsumme von 35,5 Millionen Dollar (rund 26,5 Millionen Euro) versteigert worden. Noch nie sei bei einer Auktion eine so hohe Summe pro Karat für ein buntes Juwel auf den Tisch gelegt worden, teilte Christie's mit. Mit seinem Rekordpreis sei er in die Topliga der großen rosafarbenen und blauen Diamanten aufgestiegen, die traditionell die beliebtesten bunten Stücke seien, sagte der Chef der Juwelen-Abteilung von Christie's, François Curiel. Es ist der größte Diamant der Farbklasse "Fancy Vivid Orange" überhaupt.
Blauer Diamant für 32,6 Millionen Dollar
Er wiegt nicht einmal zwei Gramm und zählt laut Auktionshaus Sotheby's zu den teuersten blauen Diamanten aller Zeiten: In New York ist Ende November 2014 ein Diamant für 32,6 Millionen Dollar (26,3 Millionen Euro) versteigert worden. Der 9,75 Karat (1,95 Gramm) schwere Edelstein gehörte zur Sammlung von Rachel Lambert Mellon, einer im März 2014 verstorbenen US-Kunstsammlerin. Der Wert von 3,35 Millionen Dollar pro Karat war seinerzeit ein neuer Weltrekord für einen Diamanten, hieß es weiter. Den Zuschlag für den tropfenförmigen Fancy Vivid Blue erhielt laut Sotheby's ein privater Sammler aus Hong Kong.
Foto: APWalnussgroßer Diamant für 22 Millionen Dollar
Ein kristallklarer 100-karätiger Diamant ist am 21. April 2015 in New York für rund 22 Millionen Dollar (rund 20 Millionen Euro) unter den Hammer gekommen. Es handele sich um den einzigen weißen Edelstein im Smaragdschliff mit solch einer Farbklarheit, teilte das Auktionshaus Sotheby's mit. Der seltene Diamant war den Angaben zufolge im südlichen Afrika in den vergangenen zehn Jahren gewonnen worden und hatte mehr als 200 Karat gewogen, ehe er geschnitten und geschliffen wurde. „Dieser 100,20-Karat-Diamant ist die Definition der Perfektion“, schwärmte der Chef der Juwelenabteilung von Sotheby's, Gary Schuler vor der Versteigerung. „Die Farbe ist weißer als weiß. Er ist frei von jeglichen Unreinheiten.“
Foto: APDer Blaue Wittelsbacher
Legendär und rekordverdächtig: 16,4 Millionen Pfund (18,7 Millionen Euro) brachte der „Blaue Wittelsbacher“ im Dezember 2008 ein. Der 35-karätige Stein hatte zu diesem Zeitpunkt seit rund 80 Jahren nicht mehr den Besitzer gewechselt. Nicht nur für Diamantenliebhaber, auch für Historiker ist das Schmuckstück von Bedeutung: Im 17. Jahrhundert schenkte König Philip der Vierte von Spanien den Diamanten seinem Schwiegersohn Leopold dem Ersten von Österreich - als Mitgift für seine Tochter Margarita Teresa, die von 1651 bis 1673 lebte.
Foto: dpaErzherzog-Joseph-Diamant
Am 13. November 2012 kam einer der wohl berühmtesten Diamanten der Welt in Genf unter den Hammer - und schlug alle bisherigen Preisrekorde. Für knapp 21,5 Millionen Dollar, umgerechnet rund 16,5 Millionen Euro, hat ein anonymer Bieter den 76,02 Karat schweren "Erzherzog-Joseph-Diamanten" ersteigert. Das war der bis dahin höchste Preis, der jemals bei einer Versteigerung für einen farblosen Diamanten pro Karat erzielt wurde. Das Auktionshaus Christie's hatte mit einem Erlös von 15 Millionen Dollar gerechnet.
Der klare, fehlerlose Edelstein stammt aus den antiken Minen Golkonda im Herzen Indiens. Benannt ist er nach dem Erzherzog Joseph August von Österreich. Dieser hatte ihn seinem Sohn Joseph Franz vermacht, der ihn vor dem Zweiten Weltkrieg weiterverkaufte. Zuletzt war der Stein 1993 in Genf von Christie's für 6,5 Millionen Dollar versteigert worden.
Ein Wettbieten zwischen zwei Interessenten hatte den Preis letztlich so hoch getrieben. Der siegreiche Bieter wolle anonym bleiben und werde den Diamanten einem Museum schenken, sagte Alfredo Molina, Vorstand des Juweliers Black, Starr & Frost, nach der Auktion. Molina hatte den Stein zum Verkauf gestellt. "Es ist ein großartiger Preis für einen Stein dieser Qualität", kommentierte er das Rekordergebnis. Der einzigartige Diamant sei mit der "Mona Lisa" vergleichbar.
Reiner 84-Karäter
Mehr als 18 Millionen Schweizer Franken (rund 14,5 Millionen Euro) gab ein Bieter für diesen besonders reinen Brillanten aus. Wie viele andere große Diamanten wurde der „herausragende und extrem seltene“ Stein im November 2010 auf der Auktionsveranstaltung „Prunkvolle Juwelen“ von Sotheby's versteigert. Er besitzt 84 Karat.
Foto: dpaBlue Belle of Asia
Der legendäre Edelstein "Blue Belle of Asia" ist der teuerste Saphir der Geschichte. Das kostbare Stück aus Sri Lanka wurde in Genf samt dazugehöriger Diamantenkette für die Rekordsumme von 16,9 Millionen Franken (14 Millionen Euro) versteigert, wie das Auktionshaus Christie's am 12. November 2014 mitteilte. Den Zuschlag habe ein privater Sammler erhalten. Der "Blue Belle" war das Prunkstück der Juwelen-Versteigerung von Christie's im Jahr 2014. Er wiegt 392,52 Karat.
Foto: REUTERSFancy Deep Blue
Dieser Diamant hält den Rekordpreis pro Karat für naturblaue Diamanten: Der 10,48 Karat schwere Stein der Farbe „Fancy Deep Blue“ erzielte 2012 bei einer Auktion von Sotheby's 10,86 Millionen Dollar, umgerechnet 8,42 Millionen Euro.
Das Auktionshaus erzielte für den tropfenförmig und besonders facettenreich geschliffenen Stein das Dreifache des höchsten Schätzpreises. Ersteigert wurde der Edelstein vom britischen Juwelierhändler Laurence Graff, der 1960 in London das Unternehmen Graff Diamonds gegründet hatte.
Foto: dpaSun Drop
Stein des Anstoßes: Der "Sun Drop" ist mit 110,03 Karat der größte jemals versteigerte gelbe Diamant. Bei zehn Millionen Schweizer Franken (8,06 Millionen Euro) erhielt ein unbekannter Telefonbieter am 15. November 2011 bei der Versteigerung in Genf den Zuschlag. Gerechnet hatte das Auktionshaus Sotheby's allerdings mit bis zu 14 Millionen Franken. Der Rohdiamant wurde 2010 in Südafrika gefunden und von der New Yorker Diamantenmanufaktur Cora International geschliffen. Anschließend wurde er einige Monate im Londoner Naturkundemuseum und in Hongkong der Öffentlichkeit gezeigt. Juwelenliebhaber aus aller Welt interessierten sich laut Sotheby's für den "jungfräulichen" Stein von der Größe einer überdimensionalen Mandel. "Der Käufer wird die erste Person sein, die ihn trägt", versicherte Auktionator David Bennett vor der Versteigerung.
Foto: dapd4Beau Sancy
Einer der historisch bedeutendsten Edelsteine der Welt - der „Beau Sancy“ aus dem Besitz der Preußenkönige - erzielte im Mai 2012 beim Auktionshaus Sotheby's in Genf umgerechnet knapp 7,5 Millionen Euro. Maria von Medici hatte ihn bei der Krönung von Henry IV im Jahr 1610 in Frankreich als seine Gemahlin getragen. Danach wechselte der 34,98 Karat schwere Stein innerhalb der europäischen Königshäuser mehrfach den Besitzer.
Foto: dapdHellblaues Juwel
Für 9,3 Millionen Franken (6,1 Millionen Euro) fand dieser hellblauen Diamant im Jahr 2009 ein neuen Besitzer. Der 7,03 Karat schwere Diamant stammt aus der legendären Cullinan-Mine in Südafrika.
Foto: dpaDeepdene
Der größte Diamant in ehemals deutschem Besitz, der 104,25 Karat große „Deepdene“, wurde 1890 in Südafrika gefunden. Er ist fast lupenrein, mit seltener gelber Farbe und antikem Kissenschliff. 1997 wurde er für 715.320 US-Dollar (heute rund 530.000 Euro) in die Schweiz verkauft.
Foto: dpaFILE - In this Nov. 8, 2017 file photo a Christie's employee displays "Le Grand Mazarin," a legendary 19.07-carat pink diamond during a preview at Christie's, in Geneva, Switzerland, Wednesday, Nov, 8, 2017. The 19-carat pink diamond that once belonged to King Louis XIV, Napoleon Bonaparte and other French rulers was auctioned Tuesday, Nov. 14, 2017 in Geneva. (Martial Trezzini/Keystone via AP)
Foto: APStatt drei oder fünf Euro bekam man für ein Gramm der besten Ware erst 20, dann 30 und schließlich 50 Euro. Irgendwann war Bernstein so teuer wie Gold. Und da ist der Wahnsinn losgegangen. Erst hier in Yantarnyi, dann in Shanghai, in der Ukraine, in Polen und irgendwann auch in Berlin, Alexanderplatz.
Marcel Querl wird den eisigen Wintertag im vergangenen Jahr wohl nie wieder vergessen. Er und sein Kompagnon, wie sie mit einem Miettransporter auf dem Alexanderplatz stehen. Und vor ihnen eine schier unendliche Schlange älterer Herrschaften mit Bernsteinschmuck in Händen oder Taschen. Am nächsten Tag hatten sie Heizpilze und Stühle aufgestellt, damit der betagten Kundschaft kein Unglück widerfahre. Querl ist erst 32 Jahre und hat doch schon große Erfahrungen im Handel mit wertvollen Dingen aller Art. Noch während seiner Ausbildung zum Großhandelskaufmann hatte er begonnen, sich für antike Möbel und Schmuck zu interessieren. Bald merkte er, dass am meisten Geld mit Edelsteinen zu machen ist. Und die guten Margen bei den Großhändlern liegen. Also ging er nach Antwerpen, weltweites Handelszentrum für Edelsteine aller Art.
Er lernte bei den Koryphäen des Geschäfts und machte so bald selbst gute Geschäfte. Steine einkaufen, vorschleifen und dann weiterverkaufen. „Irgendwann stand dieser chinesische Kunde vor mir, den kannte ich schon länger, der fragte nach Bernstein“, erinnert sich Querl. Bernstein? Natürlich kannte er die harzig-braunen Steine, die er als Schmuckhändler immer wieder von älteren Privatsammlern oder aus Erbbeständen angeboten bekommen hatte. Aber was wollte der Mann mit dem aus der Mode gekommenen Zeug?
Doch statt dem ersten Reflex nachzugeben und ihn abzuwimmeln, tat Querl, was bisher die Grundlage für alle seine wirklich guten Geschäfte gewesen war: Er interessierte sich für das scheinbar Uninteressante. Recherchierte in China, sprach mit ein paar anderen Händlern. Fand heraus, dass in China gerade eine immer größere Nachfrage nach dem Material entstand, für das es in Westeuropa nicht mal einen Markt gab. Recherchierte in Deutschland, sprach mit alten Kontakten und den zwei, drei Bernsteinkennern, die es gab. Fand heraus, das Bernstein vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs einer der beliebtesten Schmucksteine im Deutschen Reich gewesen war.
Und erkannte: In der Kombination liegt das Geschäftsmodell. Wenn er die Schmuckstücke der deutschen Rentner nach China verkaufen könnte, wäre es das Geschäft seines Lebens.
Gold ist essbar
Eine Bedienung serviert eine Currywurst mit Blattgold und Champagner. Auch Süßspeisen, edle Pralinen oder Gebäck werden gern mit Blattgold verziert. Einen Eigengeschmack hat Gold nicht.
Quelle: Berliner Wirtschafts- und Finanzstiftung
Foto: dpa/dpawebGold ist sehr gut formbar
Von allen bekannten Metallen ist Gold dasjenige, das am besten dehn- und formbar ist - zugleich ist es sehr stabil. So kann aus nur einem Gramm Gold ein mehr als drei Kilometer langer Draht hergestellt werden, der dünner als ein menschliches Haar ist.
Foto: REUTERSFrüher waren Olympia-Medaillen aus Gold
Die deutsche Skirennläuferin Maria Höfl-Riesch posiert mit zwei Medaillen, die sie bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 gewann. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Goldmedaillen noch aus massivem Gold. Heute sind sie nur noch vergoldet. Schuld sind die seit dem Jahr 1900 stark gestiegenen Goldpreise. Bei einem aktuellen Goldpreis von etwa 1172 Dollar wäre die 500 Gramm schwere Medaille rund 18.840 Dollar wert.
Foto: dpaDeutsche sind Gold-Fans
Die Deutschen setzen auf Gold: Laut einer Studie, die der Edelmetallkonzern Heraeus bei der Berliner Steinbeis-Hochschule in Auftrag gegeben hatte, haben die Deutschen im Herbst 2014 mehr Gold in ihrem Privatbesitz als die US-Notenbank Fed eingelagert hat. Es sind etwa 8200 Tonnen.
Foto: dpaGold als Heilmittel
Seit Jahrtausenden wird Gold in der Naturheilkunde eine heilende Wirkung zugeschrieben. Auch heute noch werden Gold-Spritzen oder -Tabletten zum Beispiel gegen Rheuma angeboten. Die Therapie kann aber zahlreiche Nebenwirkungen haben und erfordert eine intensive ärztliche Betreuung.
Foto: dpaDas größte Goldnugget
Hier ist das "Butte Nugget" zu sehen, eines der größten Goldnuggets, die je gefunden wurden. Noch größer war aber das Nugget "Welcome Stranger", das zwei Australier im Jahr 1869 fanden. Es maß zehn mal fünfundzwanzig Zentimeter.
Foto: APWarum ist Gold kein offizielles Zahlungsmittel mehr?
Der damalige US-Präsident Richard M. Nixon verkündete am 15. August 1971, dass der US-Dollar nicht mehr in Gold eintauschbar sei. Von da an verwandelten sich die Währungen der Welt in nicht einlösbares Papiergeld, Gold war keine Währungsdeckung mehr. Die Schweiz war lange eine Ausnahme: Bis das Alpenland 1999 in den IWF eintrat, waren noch 40 Prozent jedes Schweizer Frankens durch Gold gedeckt.
Foto: APWeltweite Goldförderung
Im Jahr 2012 waren laut Experten weltweit etwa 170.000 Tonnen Gold zutage gefördert worden. Der größte Teil davon allerdings erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Foto: APWeltweite Goldförderung
Experten schätzen, dass die weltweit geförderte Menge an Gold im Jahr 2005 etwa 8000 Kubikmeter betrug. Daraus könnte man einen massiven Gold-Würfel herstellen, dessen Kanten 20 Meter lang sind.
Foto: dpaGold kommt nicht an Stahl heran
Auch wenn die Goldförderung enorm ist: Innerhalb von nur einer Stunde wird weltweit mehr Industriestahl produziert, als jemals an Gold gefördert wurde.
Foto: dpaQuerls Zugang mochte ungewöhnlich sein, der einzige Bernsteinhändler mit ausgeprägtem Geschäftssinn war er keineswegs. Denn als Querl das Material vor gut zwei Jahren für sich entdeckte, war der Bernstein in China längst großes Geschäft. Der Ostseenippes als Erfolgsprodukt im Fernen Osten, das klingt fürs Erste überraschend, aber das ist letztlich eine Frage der Perspektive: Wirklich exquisit ist immer nur das Exotische und Seltene. So mag die Bernsteinkette vom Rügener Fachhändler aus deutscher Perspektive ein Inbegriff der Piefigkeit sein, von China aus betrachtet, sieht die Sache ein bisschen anders aus.
Hinzu kommt, dass Bernstein als Material im Konfuzianismus ebenso wie Jade eine besondere Rolle spielt, weshalb Bernstein in China schon immer präsent war. Vor allem aber ist Bernstein selten, zumindest in seiner derzeit wertvollsten Version: im matten Hellgelb oder weiß, rein und ohne Schattierungen.
Auf der Suche nach solchen Steinen kommen Hu Ding und Ming Li schon seit Jahren regelmäßig nach Danzig. Die alte Hansestadt an der polnischen Ostseeküste ist zwar drei Autostunden und eine EU-Außengrenze von den bedeutenden Lagerplätzen des Bernsteins entfernt, trotzdem ist sie das Zentrum des Handels, zumindest des legalen.
Begehrte Steine: Bernstein-Nugget.
Foto: Laif/Saltimages/Denis Sinyakov
Das städtische Fußballstadion ist in Form und Farbe einem riesigen Bernstein nachgebildet, gleich nebenan liegt das Kongresszentrum. Zweimal im Jahr trifft sich hier die weltweite Händlerszene, man könnte den „AmberMart“ eine Leitmesse nennen, doch eigentlich ist es ein riesiges, hektisches Gewusel. Denn anders als bei einer Industrie- oder Modemesse ist das hier eine Messe im klassischen Wortsinn: Hier wird tatsächlich gehandelt, Bernstein in die Tüte, Bargeld auf die Hand. Die Verkäufer sind zumeist Polen, Litauer oder Chinesen, die Ankäufer kommen fast alle aus Fernost.
Die Ehepartner Hu und Li betreiben einen kleinen Bernsteinshop in Shanghai und eine kleine Handelsgesellschaft in Danzig. Ihre wichtigste Geschäftsplattform aber halten sie wie alle hier in der Hand: das Smartphone. Wenn sie die Ware an einem Stand interessiert, bleiben sie stehen, lassen sich die Ware kurz vorlegen, dann verschmelzen sie minutenlang mit ihren Smartphones. Schießen Fotos, filmen und sprechen ein, was die Steine vor ihnen ausmacht und welchen Preis sie sich vorstellen. Die Beiträge stellen sie dann auf der Plattform WeChat ein, ein chinesisches WhatsApp.
Auf der Plattform unterhalten Hu und Li verschiedene Gruppen für potenzielle Geschäftspartner in China. Noch am Stand in Danzig führen sie mit denen Preisverhandlungen. Ware und Preis werden der Gruppe vorgestellt, und erst wenn einer anbeißt, beginnt am Stand in Danzig das Gefeilsche, am Ende werden die vier- und fünfstelligen Preise in bar bezahlt.
„So vermeiden wir die Gefahr, am Ende auf unserer Ware sitzen zu bleiben“, erklärt Hu die Methode. Die Bernsteinhändler stellen damit die klassischen Gesetze von Ertrag und Risiko auf den Kopf. Bei Hu kommt erst die Marge, dann der Einkauf. Das für sich genommen geniale Modell hat nur eine Schwäche: die Hunderte anderen chinesischen Händler, die hier nach dem gleichen Prinzip Geschäfte machen. Wenngleich die objektiven Indikatoren dafür fehlen, in diesem Herbst dominiert auf der Danziger Messe die Ansicht, dass die allerbesten Preise wohl der Vergangenheit angehören. Der Markt schwächelt, vor allem aber hat der Vergleich mit Gold wohl für ein bisschen zu große Aufmerksamkeit gesorgt.
Die meisten polnischen und litauischen Anbieter sind auch deshalb reichlich frustriert, wenn man sie auf die vermeintlichen Profitchancen im Fernen Osten anspricht. „Die chinesischen Händler dominieren hier den kompletten Markt“, sagt Saulis Malisauskas, der vom litauischen Städtchen Scholei aus mit fast allem handelt, was irgendeinen Ertrag verspricht. Mal war es Alkohol, mal Zigaretten. Zuletzt setzte er ganz auf Bernstein, doch jetzt zweifelt er. „Weil wir keine eigenen Kontakte nach China haben, sind wir gegen die chinesischen Händler chancenlos.“ Viele haben inzwischen ein Schengen-Visum und kaufen die Ware bei den Zwischenhändlern, mit denen er früher Geschäfte machte.
Diese Logik mag für die zweite Hälfte der Verwertungskette gelten, für die ersten Schritte gilt sie nicht: den Abbau und Erstverkauf der rohen Bernsteine. Wer über die Börse in Danzig schlendert, der bekommt zwar Bernsteine in jeder Form, Farbe, Größe und Preisklasse angeboten. Eine Frage aber beantwortet kein Anbieter: Wo kommt die Ware her?
Im Bernsteinfieber: Chinesische Kunden kaufen ein.
Foto: Laif/Saltimages/Denis SinyakovEs gibt grob drei Gebiete weltweit, in denen Bernstein heute gewonnen wird. Nur wenige, dafür sehr reine Steine bergen Fischer, die den Bernstein in der Ostsee als Beifang einsammeln oder mit Infrarotlampen nach ihm fahnden. Am Strand kann man die Steine einsammeln, das aber bringt nur äußerst selten relevante Mengen. An Land abgebaut werden kann der Bernstein rund um Yantarnyi bei Kaliningrad und im Norden der Ukraine. In beiden Abbaugebieten lagern sehr große Mengen, aber leider haben auch beide Reviere spezielle Probleme. Der Mangel der Steine aus der Ukraine liegt in der geringen Qualität. Sie sind meist voller feiner Risse und innerer Frakturen, die Steine aus Yantarnyi hingegen sehr rein. Die Verunreinigungen in den ukrainischen Steinen lassen sich zwar durch Erhitzen ausgleichen, das aber ist für chinesische Kunden ein absolutes Tabu.
„Für chinesische Kunden ist Natürlichkeit das Wichtigste“, erläutert Händler Querl, „sobald ein Stein behandelt ist, verringert sich der Preis dramatisch.“ Und so entsteht der erste Ansatzpunkt, die Herkunft zu verschleiern. „Viele Steine aus der Ukraine werden erhitzt und dann als baltische Steine angeboten“, sagt Querl. Diese kriminelle Masche ergänzt sich aufs Ungünstigste mit dem teilweisen Zusammenbruch der staatlichen Ordnung seit dem Beginn des Konflikts mit Russland. In Hunderten illegalen Grabungen wird der Bernstein aus dem Boden gespült und sofort weitertransportiert. Und so überschwemmen die Fälschungen derzeit den chinesischen Markt.
In Yantarnyi sind hingegen nicht die Steine das Problem, sondern die Verwaltung. Aus der Ferne betrachtet, sieht die große Bernsteinmine aus wie ein kleiner Braunkohletagebau. Zwei große Schaufelradbagger, Kipplader, die scheinbar geräuschlos über die Sandberge fahren und schmückende Staubwolken hinter sich herziehen. Und immer wieder Wachposten. Auf der kleinen Aussichtsplattform neben dem Gelände hat das Kombinat ein historisches Fundstück ausgestellt: den Galgen, an dem man hier früher die Bernsteindiebe aufknöpfte.
Eigentlich müsste das hier die reinste Geldmaschine für den Staat sein, der die Mine seit Sowjetzeiten betreibt. Nirgendwo sonst lässt sich der Halbedelstein so einfach abbauen, und das in bester Qualität. Die Mengen rund um Yantarnyi sind so groß, dass sich durch eine Mengensteuerung der weltweite Preis kontrollieren ließe. Doch in Yantarnyi lassen sich die Nebenwirkungen der Staatswirtschaft beobachten, wie sie seit dem Sozialismus gut bekannt sind: Wo die Löhne mickrig und die Produkte wertvoll sind, blüht der Schwarzmarkt. Und so verlassen die Bernsteine die Exklave Kaliningrad auf unterschiedlichen Wegen, aber nur in den seltensten Fällen auf legalem.
So erzählt ein litauischer Händler, wie er an seine Steine kommt: Der russische Partner werfe sie in kleinen Säcken nachts in den Grenzfluss Nemunas, da Bernstein leichter als Wasser ist, kann er die Pakete auf der anderen Seite mit Keschern aus dem Wasser fischen. Welche Wege der Bernstein sonst noch nimmt, zeigt fast täglich der Polizeibericht von Kaliningrad. Mal werden Bernsteine im doppelten Boden eines Autos geschmuggelt, mal im Handgepäck im Bus.
Vor einigen Wochen flog eine Bande auf, deren Tat direkt zum Kern des Problems führt: Die Männer hatten mithilfe einiger Mitarbeiter des Kombinats den Warenfluss in der Fabrik so manipuliert, dass sie die abgebauten Steine auf ihrem Weg vom Tagebau zur Aufbereitung in ein unterirdisches Labor abzweigen konnten.
Wer die Steine in Danzig, Hongkong oder Berlin in die Hand bekommt, der kann sich daher nur auf eines verlassen: den eigenen Augenschein. „Würde ich versuchen, nur legal erworbene Ware zu verkaufen, könnte ich das Geschäft gleich einstellen“, sagt der litauische Händler Malisauskas. Wer sich mit den Steinen etwas auskennt, der kann zumindest die Fälschungen aus Plastik leicht erkennen. Schon die Beurteilung des Farbtons und der Reinheit ist deutlich komplexer. Nur die Experten können auf einen Blick die erhitzten ukrainischen von echten baltischen unterscheiden. Querl versucht deshalb solche Risiken auszuschließen. „Bei antiken Stücken ist die Herkunftsbestimmung kein Problem, die kommen fast alle aus Königsberg“, sagt er.
Denn bis zum Zweiten Weltkrieg waren die Minen dort in der Hand einer privatwirtschaftlich organisierten Gesellschaft – entsprechend effizient lief die Produktion. Die Bernsteinmanufaktur Königsberg beschäftigte zu ihren besten Zeiten fast 3000 Mitarbeiter und unterhielt Vertriebsstellen in Paris, London, Brüssel und New York.
So konnte sie nicht nur den Markt kontrollieren, zu Kriegszeiten wurde der Kauf von Bernstein zudem als patriotischer Akt staatlich gefördert. So wurde Bernstein in Deutschland erst zum Modeschmuck – um nach dem Krieg vom Markt zu verschwinden. Nur in den Mythen vom Bernsteinzimmer lebte die alte Wertschätzung fort.
Genau auf diese Wertschätzung hoffte auch Querl, als er vor gut einem Jahr Inserate in Berliner Zeitungen schaltete. Er kaufe Bernstein, wer noch etwas zu Hause habe, der solle an seinem „Bernsteinmobil“ vorbeikommen. Und es schien, als habe eine Generation in dieser Stadt nur auf das Signal gewartet. Tagelang stand Querl mit seinem Mobil in der Hauptstadt, ohne dass der Kundenstrom abriss.
Vor allem Vertriebene aus Ostpreußen, ihre Kinder und Enkel brachten den Schmuck vorbei, für sechsstellige Beträge kaufte Querl an manchen Tagen die Ware an. Kein Wunder, dass er den Transporter inzwischen gekauft hat und regelmäßig mit seinem Mobil durch die Lande fährt.