Neues Verpackungsgesetz: Tetra Pak & Co: Getränkekartons müssen nachhaltiger werden
Die gebrauchten Getränkekartons werden zu bis zu zwei Tonnen schweren Ballen zusammengepresst.
Foto: PresseKein Klirren, keine Scherben, keine Lichtdurchlässigkeit: Getränkekartons sind leichter als Glasflaschen, lassen sich mühelos stapeln, transportieren und lagern. Noch dazu können darin Flüssigkeiten wie Fruchtsäfte, Soßen und H-Milch monatelang bei Raumtemperatur lagern. Kein Wunder also, dass hinter dem Verpackungsmaterial ein riesiger Absatzmarkt steckt: Allein für den deutschen Markt werden pro Jahr etwa 180.000 Tonnen Getränkekartons produziert. Das entspricht einem jährlichen Pro-Kopf-Aufkommen von rund zwei Kilogramm.
Doch die Kartons haben einen entscheidenden Nachteil: Die Verpackung lässt sich nur schwer recyceln. Denn anders als der Name es nahelegt, bestehen Getränkekartons nicht nur aus Papier. Damit die Verpackung dichthält, wird Karton mit verschiedenen Kunststoff- und Aluminiumschichten zusammengepresst.
Um sie nach dem Gebrauch zu recyceln, müssen die einzelnen Schichten wieder voneinander getrennt werden. Das ist aufwendig und teuer. Lange fehlte es schlicht an der nötigen Infrastruktur. Allein die Papierfasern wurden zu Wellpappe oder Pizzakartons weiterverarbeitet. Kunststoff und Aluminium landete in der Verbrennungsanlage: In Zementwerken dienten sie immerhin noch als Brennstoff. Als recycelt gilt das jedoch nicht.
Für Hersteller wird das zunehmend zum Problem. Nicht nur, weil Verbraucher immer mehr Wert auf umweltfreundliche Verpackungsmaterialien legen. Sondern weil die EU per Gesetz immer strengere Regeln für die Verpackungsindustrie durchsetzt. Im April beschloss das Europäische Parlament ein Gesetz, dem zufolge ab 2030 alle Verpackungen recycelbar sein müssen. Nach Gesetzesdefinition dürfen Verpackungen, die zu weniger als 70 Prozent recycelt werden können, ab dann nicht mehr in der EU verkauft werden.
In den darauffolgenden Jahren soll die Quote nach und nach erhöht werden. Bis 2038 etwa soll die erforderte Recyclingquote bereits auf 80 Prozent steigen. Irgendwann, so befürchten es die Hersteller, könnten gar 90 Prozent gefordert werden. Spätestens dann hätten die Hersteller von Getränkekartons ein tiefgreifendes Problem: Ihre Recyclingquote liegt laut Branchenverband derzeit bei 75 Prozent. Die Hersteller geraten somit zunehmend in Zugzwang.
Aus alt wird nicht neu
Knapp 40 Millionen Euro investierte Tetra Pak 2023, um das Recycling von Getränkekartons weltweit zu beschleunigen. In den kommenden Jahren soll der Betrag erhöht werden.
Der Schweizer Getränkekartonhersteller Sig Combibloc sowie die norwegische Elopak sind für gewöhnlich Tetra Paks größte Konkurrenten. Doch um neue Recyclingverfahren für Getränkekartons zu entwickeln, haben sich die Unternehmen zusammengetan. Gemeinsam gründeten sie 2017 das Unternehmen Palurec und investierten mehr als acht Millionen Euro in die deutschlandweit erste Recyclinganlage für Getränkekartons. 2021 ging sie in Knapsack nahe Köln in Betrieb.
In der Anlage werden die Getränkekartons mithilfe eines einfachen Tricks voneinander getrennt: In einem Wasserbecken werden die geschredderten Verpackungen von großen Walzen unter Wasser gedrückt. Die leichten Folien und Verschlüsse schwimmen oben, das Aluminium sinkt ab. Eine zweite Recyclinganlage für Getränkekartons ging im Frühjahr in Dessau in Betrieb. Beide Anlagen zusammen sollen ausreichen, um perspektivisch alle in Deutschland verkauften Getränkekartons zu recyceln.
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Noch ist das nicht der Fall. Die Auslastung der Anlagen muss schrittweise erhöht werden. Bis zur vollständigen Auslastung können laut der Palurec noch mehrere Jahre vergehen. Bis dahin muss ein Teil des verbliebenen Kunststoff-Aluminium-Gemischs weiter in Zementwerken verbrannt werden.
Perspektivisch will die Branche ihre Recyclingfähigkeit mithilfe der neuen Anlagen auf 90 Prozent erhöhen. Trotzdem: Ein neuer Getränkekarton wird aus dem alten nicht. Das Aluminium wird bei der Herstellung von Gussteilen beigemischt, die abgeschiedenen Kappen zu Rohren und Kanistern werden weiterverarbeitet und aus dem Granulat werden neue Kunststoffprodukte wie Eimer, Rohre oder Boxen.
Tetra Pak begründet das mit strengen Regeln im Bereich der Lebensmittelhygiene. In der Recyclinganlage wird ohne Chemikalien gearbeitet, nur auf Wasser gesetzt. Eine 100 Prozent Abreibung kann somit nicht garantiert werden. Kunststoff und Aluminium dürfen in ihrem zweiten Leben deshalb nicht nochmal mit Nahrungsmitteln in Verbindung kommen.
Pfand für Tetra Pak?
Die Deutsche Umwelthilfe bemängelt das Verfahren: „Es gibt keinen geschlossenen Recyclingkreislauf. Stattdessen findet Downcycling statt“, sagt Thomas Fischer, Experte für Kreislaufwirtschaft. Er kritisiert außerdem die falsche Entsorgung der Verpackung: Statt im Restmüll landen Getränkekartons immer wieder im nächsten Gebüsch. „Ohne Pfand-Anreiz fehlt den Konsumenten offenbar die Motivation, sich um die korrekte Entsorgung zu kümmern.“. Die Hersteller könnten daher noch so viele Recyclinganlagen bauen: „Wenn die Getränkekartons dort nicht landen, bringt das nichts.“
Der Verein fordert deshalb seit Jahren ein Pfandsystem für Getränkekartons. Die Hersteller lehnen das jedoch ab. Sie sehen auch darin ein Hygieneproblem: Bei Getränkekartons seien insbesondere Restinhalte ein Problem. Aufgrund ihrer Form kann man die Verpackung drehen und wenden, wie man will: Der letzte Schluck bleibt drin. Dabei handelt es sich nicht nur um Milch und Säfte, sondern auch um passierte Tomaten oder Soßen. Geht es nach den Herstellern, sollte deshalb nicht in ein neues Pfandsystem, sondern in bessere Aufklärungsarbeit über richtige Mülltrennung investiert werden.
Doch mit der Forderung nach einer Bepfandung ist die Deutsche Umwelthilfe inzwischen nicht mehr allein. Auch in der neuen EU-Verpackungsverordnung wird ein Pfand auf Getränkekartons empfohlen. In Spanien, wo in den kommenden Jahren ein Pfandsystem eingeführt werden soll, wird dieses auch für Getränkekartons gelten. Der Druck auf die Hersteller steigt somit auch hierzulande weiter.
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