Northvolt-Insolvenz: Jetzt hilft nur noch Geld, Geld, Geld – und viel Geduld

Northvolt-Chef Peter Carlsson kündigt seinen Rückzug an. Bisher war er Gründer und Gesicht des Milliarden-Start-ups.
Foto: APUnd tatsächlich. Die Wirklichkeit hat Northvolt, nicht weniger als eine zentrale, grüne Hoffnung Europas, in diesen Wochen und Tagen eingeholt. Unerbittlich und brutal. Und die Schweden haben es auch noch selbst verbockt. Sie haben schlicht nicht geliefert, zumindest nicht im versprochenen Umfang.
Trotz aller Versprechen, allen Bestellungen und allen Milliarden, allen voran von Volkswagen. Weil sie die Produktion in ihrem Stammwerk in Skellefteå in Nordschweden nicht in den Griff bekommen haben; weil sie die Technik der chinesischen Maschinen nicht schnell genug beherrscht haben; weil sie zu schnell zu viel wollten; weil sie das Wesentliche aus dem Blick verloren haben; weil sie zu spät erkannt haben, wie schwer die Krise der deutschen Autoindustrie sie treffen würde.
Am vorläufigen Ende, kann man sagen, hat nicht einmal die eigene, schwedische Regierung mehr an Northvolt geglaubt. Subventionen? Von uns nicht, hatte das Mitte-Rechts-Bündnis unzweifelhaft verkündet. Get real. So ist der Markt.
Ein Deutscher übernimmt bei Northvolt
Northvolt, das europäische Start-up der grünen Hoffnung, hat nun in den USA Insolvenz angemeldet, nach Vorgaben des berühmten Chapter 11 des US-Insolvenzrechts. Das ist eine Zäsur, für das Unternehmen und auch für Europas Industriepolitik. Am Freitagvormittag hat Northvolt-Mitgründer und CEO Peter Carlsson folgerichtig seinen Rückzug verkündet. Er geht jetzt in den Aufsichtsrat und bleibt Berater. Und Northvolt verliert sein bisheriges Gesicht. Ein neuer Chef oder eine neue Chefin wird jetzt gesucht. Bis dahin übernehmen die Finanzvorständin Pia Aaltonen-Forsell und der deutsche Chief Operating Officer Matthias Arleth.
Noch im Frühjahr hatte Carlsson, fast schon albern-fröhlich, aber auch norddeutsch-sympathisch, gemeinsam mit Kanzler Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Robert Habeck per Boßelwurf den Bau der Gigafabrik in Heide in Schleswig-Holstein eröffnet. Die Fabrik in Heide soll nun wie geplant gebaut werden, nur mit einem Tick Verzögerung.
In Kapitel 11 steht kein Zauberspruch
Aber trotz dieser Versprechungen hat die Fröhlichkeit aus dem Frühjahr im Rückblick den Charme einer Kostümparty auf der Titanic. War das alles nur grüne Fantasie? Und was heißt das jetzt?
Zunächst heißt es längst, dass Deutsche und Europäer anerkennen müssen, dass China industriepolitisch und auch technologisch längst enteilt ist, oft uneinholbar. Die vermeintliche Werkbank der Welt ist längst globales Entwicklungs- und Produktionszentrum, auch für grüne Schlüsselindustrien. Das ist bei der Solarindustrie so und auch bei den Batteriezellen, die doch so bedeutsam sind für eine Renaissance deutscher und europäischer Autos. Es mag in Deutschland noch brillante Ingenieure geben. Aber derzeit ist das kein Standort, der ihr Können in Wachstum verwandelt.
Aber was folgt aus dieser Erkenntnis? Dass die Europäer es gleich lassen sollten, weil China und zum Teil auch die USA schlicht zu weit vorne sind? Das war, beim Streit um die Förderung der Solarindustrie Anfang des Jahres, immer wieder das Argument. Die sind besser. Die sind billiger.
Lässt man also so ein Schlüssel-Start-up zur Not auch untergehen, weil die Chefs dort selbst Schuld sind, wenn sie den Hochlauf nicht stemmen? Oder muss es Teil einer industriepolitischen Strategie sein, hier reinzubuttern, obwohl es derzeit nicht gut aussieht?
Carlssons unternehmerisches Testament
Peter Carlsson, der hörbar angefasste, scheidende Northvolt-Chef, ist am Freitagvormittag Grundlegendes gefragt worden. Ob er sich denn sorge, dass Europa seinen Traum aufgebe, es bei der Batteriezellfertigung irgendwann mit Asien aufnehmen zu können? Carlsson antwortete Beachtliches. Er sei Optimist, sagte er.
Aber tatsächlich, auch besorgt. Niemand stelle den Megatrend des grünen Wandels in Frage, auch dass damit Höhen und Tiefen verbunden seien. Aber es gebe doch jetzt viel mehr Fragen, von Autoherstellern, von Politikern, von Investoren: Muss das wirklich so schnell gehen? Und? Muss es? „In 20 Jahren“, sagte Carlsson, „werden wir es bedauern, wenn wir jetzt nicht damit weitermachen, uns in diesem Bereich zu engagieren, wenn wir den grünen Wandel nicht weiter vorantreiben, wenn wir nicht auch politisch weiter daran arbeiten, einen starken europäischen Markt für dieses Ökosystem und auch Champions zu schaffen.“ Es klang ein wenig, als hinterlasse Carlsson hier eine Art unternehmerisches Testament.
Heide ist nur vorerst gerettet
Recht hat er trotzdem. Auf dem Weg ins Grüne durchlaufen viele Unternehmen derzeit ein sehr, sehr finsteres Tal, ob in der Stahlindustrie oder in der gesamten Wertschöpfungskette der Elektroautos, bis hin eben zu dem Batteriezellenhersteller Northvolt. Es kann sinnvoll sein, um im Bild zu bleiben, nicht stets zu rennen, auch mal zu rasten. Vielleicht gibt es auch bessere Pfade, die sich links und rechts anbieten, die man ertasten kann. Das ja.
Aber für eine Umkehr ist es zu spät. Und China nun bitten oder sogar zwingen zu wollen, den Technologietransfer in Richtung Europa anzuschieben, mag einen Versuch wert sein. Wirklich erfolgversprechend ist es kaum. Dafür hat Peking sich in den vergangenen Jahren schlicht zu geschickt in Position gebracht.
Lesen Sie hier, wie es zu dem Insolvenzantrag von Northvolt kommen konnte