Konjunktur: China rettet sein Wachstum mit Exporten
Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua feiert den Moment. In großen Lettern verkündet sie am Montag eine „neue Schwelle“: Die Wirtschaftsleistung der Volksrepublik habe 2025 erstmals die Marke von 140 Billionen Yuan, umgerechnet etwa 17,3 Billionen Euro, überschritten, das Wachstum liege bei 5 Prozent. Begleitet wird die Botschaft von Bildern, die Aufbruch symbolisieren. Zu sehen ist eine riesige Flotte von Schiffen, die geschlossen auf die Weltmeere hinausfährt.
Der genauere Blick auf die Daten zeigt jedoch, dass dieser Meilenstein auch Brüche offenbart. Zwar wurde das von der Regierung vorgegebene Jahresziel erreicht. Doch das ebenfalls am Montag präsentierte Schlussquartal für 2025 erzählt eine andere Geschichte. Mit einem Wachstum von nur noch 4,5 Prozent fiel das Plus so schwach aus wie seit der Erholung nach den Corona-Lockdowns nicht mehr. Ökonomen werten das als Signal dafür, dass die wirtschaftliche Lage angespannt bleibt.
Zunehmend deutlich wird ein Ungleichgewicht im chinesischen Wachstumsmodell. Während Konsum, Immobilien und Arbeitsmarkt schwach bleiben, trägt der Außenhandel einen größeren Teil der Konjunktur. Chinas Handelsüberschuss erreichte im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand von rund 1,2 Billionen US-Dollar. Die Exporte legten kräftig zu, trotz höherer US-Zölle und einer teils schwachen Weltkonjunktur. Für viele Beobachter ist das weniger ein Zeichen wirtschaftlicher Stärke als ein Ausdruck fehlender Alternativen im Inland.
Denn dort klemmt es weiter. Haushalte sparen, statt zu konsumieren. Das zwingt Unternehmen dazu, Überkapazitäten verstärkt auch auf die Weltmärkte zu drücken.
Für 2026 erwarten internationale Institutionen keine grundlegende Wende. Die Weltbank rechnet mit einem Wachstum von rund 4,4 Prozent, der Internationale Währungsfonds mit etwa 4,5 Prozent. Etwas optimistischer zeigt sich Goldman Sachs mit 4,8 Prozent, warnt jedoch eindringlich vor strukturellen Grenzen. Zwar hätten chinesische Exporteure ihre Absatzmärkte erfolgreich außerhalb der USA diversifiziert, schreibt China-Chefökonomin Hui Shan. Doch der Umbau hin zu einer konsum- und dienstleistungsgetriebenen Wirtschaft werde Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern.
Besonders brisant ist Goldmans Blick auf die Leistungsbilanz. Die Bank erwartet, dass Chinas Überschuss 2026 weiter auf rund 4,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigt. Übersetzt hieße das: China wäre gemessen an seiner Wirtschaftsleistung noch stärker exportorientiert als bislang.
Für Europa und Deutschland ist das ein Warnsignal. Schon heute weisen beide hohe Handelsdefizite gegenüber China auf. Zugleich tritt China auf den Weltmärkten immer offensiver als Konkurrent auf.
Wo die USA für China politisch und handelspolitisch zunehmend unzugänglich werden, rückt Europa neben dem Globalen Süden stärker in den Fokus. Im Streit über E-Autos haben EU und China zuletzt einen pragmatischen Kompromiss ausgelotet. Peking signalisiert die Bereitschaft, Mindestpreise für chinesische E-Autos einzuhalten, um harte Strafzölle zu umgehen. In der chinesischen Führung gilt das als Erfolg. Während Donald Trump viele Handelspartner verprellt, fällt es Peking derzeit leichter, neue Türen zu öffnen. Zwar hatte China im vergangenen Jahr mit Drohungen, die Ausfuhr Seltener Erden einzuschränken, selbst zur Verunsicherung beigetragen. Inzwischen setzt Peking jedoch wieder stärker auf Deeskalation.
Das zeigt sich nun auch in Kanada, das bei E-Autozöllen einen deutlichen Rückzieher macht. Ottawa will künftig bis zu 49.000 chinesische Elektrofahrzeuge pro Jahr wieder zum regulären Zollsatz von 6,1 Prozent importieren lassen, nachdem zuvor Zölle von bis zu 100 Prozent gegolten hatten. Aus Sicht Pekings ist auch das ein guter Anfang.
Parallel fahren die Chinesen eine Charmeoffensive. Sie richtet sich auch an europäische Hauptstädte. Während direkte Gespräche mit Brüssel eher vorsichtig geführt werden, setzt China auf bilaterale Beziehungen zu einzelnen Mitgliedstaaten. Frankreich wurde mit neuen Airbus-Bestellungen bedacht, die in Peking als Zeichen strategischer Nähe gelten. Irland wiederum erhielt nach einem zeitweisen Importstopp wieder Marktzugang für Rindfleisch, einen Schritt, den Dublin als wichtigen Erfolg für sein Agrar-Exportgeschäft wertet. Abzuwarten bleibt, welche Zugeständnisse Friedrich Merz bei seinem erwarteten Antrittsbesuch in Peking in einigen Wochen erreichen kann.
Schwieriger bleibt es für Peking derzeit, im eigenen Land für Aufbruchsstimmung zu sorgen. Der Konsens unter Ökonomen lautet, dass der Immobiliensektor auch 2026 belastend wirkt. Der private Konsum dürfte damit gedämpft bleiben und der politische Druck hoch, Wachstum weiterhin über Industrie und Exporte zu sichern.
Der neue Fünfjahresplan, der im März auf dem Volkskongress verabschiedet werden soll, bedient diese Logik. Zwar stellt die Führung mehr Unterstützung für den Konsum in Aussicht. Im Mittelpunkt stehen jedoch technologische Selbstständigkeit, industrielle Modernisierung und strategische Investitionen in Halbleiter, Künstliche Intelligenz und Automatisierung. Aus chinesischer Sicht ist dieser Kurs nachvollziehbar. Die Erfahrungen mit US-Exportkontrollen, Sanktionen und geopolitischen Spannungen haben gezeigt, wie verletzlich Abhängigkeiten von ausländischer Technologie sind. Technologiepolitik ist für Peking daher nicht nur Wirtschaftspolitik, sondern eine Frage von Sicherheit und Stabilität.
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