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Patente auf Pflanzen Wie ein bizarrer Streit um Braugerste die Branche lähmt

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"Die Vielfalt der Braugerste ist entscheidend für die Vielfalt deutscher Biere"

„Die Vielfalt der Braugerste ist entscheidend für die Vielfalt deutscher Biere“, sagt auch Walter König, selbst ein Brauer und beim Bayerischen Brauerbund für das Thema verantwortlich. Die Verbände der Brauindustrie scheuen sich noch, laut Alarm zu schlagen, schließlich sind auch Heineken (über die Tochter Paulaner) und Co. bei ihnen Mitglied. Aber auch die Interessenvertreter der in Deutschland zersplitterten Branche wissen um den Wert der mittelständischen Firmen: In Deutschland gibt es über 1400 Brauereien und 50 Mälzereien, jede hat ihr eigenes Rezept, ihr eigenes Malz. Viele schwören auf bestimmte Sorten. Die Mittelständler sorgen nicht nur für Diversität im Glas, sondern auch auf den Feldern.

Ganz anders, findet auch König, sehe das in Frankreich aus: Der Biermarkt hier wird von großen Brauereigruppen dominiert. Diese setzen auf zwei Sorten Gerste, effiziente Monokultur und Einheitsgeschmack. Allerdings kauft französisches Bier auch niemand.

Deshalb setzt sich sein Verein für die Saatzüchter ein, die versuchen, gegen die fünf Großen anzukommen. In Deutschland gibt es weniger als 100 mittelständische Saatzüchter, und elf davon versammelten sich Mitte Juni auf dem Aspachhof in der Nähe von Würzburg. Auf einer Fläche so groß wie drei Fußballfelder haben sie ihre Neuheiten angepflanzt: kleine Parzellen mit Weizen, Hafer oder Sojapflanzen. Die Züchter wollen den Landwirten zeigen, dass ihre Pflanzen mindestens genauso robust, ertragreich und zuverlässig sind wie die der Großkonkurrenz. Die Branche der mittelständischen Saatguthersteller ist klein, man grüßt sich per Du und Schulterschlag. In der Maschinenhalle stehen Biertische, es gibt Schweinebraten mit Klößen, dazu Bier.

Ohne Alkohol, aber mit Koriandergeschmack
Alkoholfreies Bier Quelle: dpa
Craft Beer Quelle: dpa
Neue Techniken Quelle: dpa
Es bleibt exotisch Quelle: dpa
BiermischgetränkeDas Radler ist altbekannt. Im Getränkeregal übertreffen sich aber inzwischen die Brauereien mit den unterschiedlichsten Geschmackssorten: Von Beck's Summer Holunder bis Veltins V+ Curuba und Schöfferhofer Grapefruit. „Dieses Segment hatte bis vor einigen Jahren eine sehr positive Entwicklung im Biermarkt“, sagt Huhnholz. Allerdings sei es seitdem nicht stark gewachsen. Quelle: PR
Ohne Alkohol Quelle: dpa

An einem der Tische sitzt Carl-Stephan Schäfer, der trotz Hitze im Anzug gekommen ist. Er ist Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Pflanzenzüchter. Seit sieben Jahren betreibt er Lobbyarbeit für die Branche. Doch der Verband ist in einer Bredouille: Er vertritt nicht nur die Mittelständler, sondern auch ihre Gegenspieler, die großen Marktbeherrscher Monsanto, Bayer, Syngenta, BASF, Dow AgroSciences.

„In jedem Korn steckt eine Leistung. Und die muss adäquat vergütet werden. Das Patentrecht ist nichts Schlechtes – sofern es neue Erfindungen und Zuchttechniken schützt“, sagt er. Doch im Gespräch mit dem Lobbyisten fällt immer wieder ein anderes Wort, ohne das die Branche nicht funktionieren würde: der Sortenschutz. Wer eine neue Sorte gezüchtet hat, hat das alleinige Verkaufsrecht. Im Gegensatz zu Patenten jedoch dürfen andere Züchter die Sorte für eigene Entwicklungen kostenfrei verwenden.

So verlassen jedes Jahr im Frühling ein paar Dutzend Briefe den Aspachhof. Darin stecken kleine Papiertütchen, mit einem Klebestreifen zugeklebt. Sie enthalten nichts außer einer Handvoll Getreidekörner. Sie gehen an Universitäten, an andere Höfe, an Landwirte und manchmal auch an Großkonzerne. An alle, die mit dem Getreide von Stefan Streng experimentieren wollen, um neue Sorten zu entwickeln.

Streng ist Saatzüchter, genau wie sein Vater, Großvater und Urgroßvater. Der Hof der Familie ist ein altes Anwesen aus Sandsteinmauern mit leuchtenden Geranien vor den Fenstern, Traktoren hinter dem Haus und einem plätschernden Brunnen in der Einfahrt. Schaut der 49-Jährige Streng aus dem Fenster, sieht er einzig seine Getreidefelder.

Hier stehen all seine Züchtungen: Braugerste, die dickere Körner ergibt; Weizen, der mit Frost gut zurechtkommt, oder Wintergerste mit besonders robusten Halmen. Um den Pflanzen solche Eigenschaften zu verpassen, braucht auch er die Sorten seiner Mitbewerber, und so ruft auch Streng regelmäßig bei den Konkurrenten an und fragt nach einem Tütchen mit einer Saatprobe. Das geht jedoch nur, wenn sie patentfrei sind. „Wir brauchen den Zugang zu genetischen Ressourcen, um arbeiten zu können“, sagt Streng. Ein Pflanzenpatent verbietet jedem, eine Pflanze anzubauen, ihre Früchte zu verwenden, ein Lebensmittel aus ihr zu erzeugen oder sie mit anderen zu kreuzen – solange kein Geld fließt.

Deshalb haben die Großen des Agrargeschäfts diesen Geschäftsbereich ausgebaut. Rund 230 Patente auf Pflanzen sind beim Europäischen Patentamt verzeichnet, davon 60 auf biologisch gezüchtete Sorten. So hat Monsanto das Patent auf einen nährstoffreicheren Brokkoli, und Syngenta gehört eine Tomate mit besonders hohem Gehalt der gesunden Inhaltsstoffe Flavonoide.

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