Siemens-Chef im Porträt Was Sie über Joe Kaeser noch nicht wissen

Was treibt den Finanzmann Joe Kaeser, der als neuer Vorstandschef den Siemens-Konzern wieder in ruhigeres Fahrwasser bringen will?

Foto von Joe Kaeser Quelle: dpa

Es kommt nicht oft vor, dass ein Führungswechsel in einem Weltkonzern so turbulent vonstattengeht wie der in München. Mit gestreuten Falschmeldungen versuchten einige Spitzenmanager, ihre eigene Agenda durchzusetzen. Joe Kaeser, der neue Mann an der Spitze, muss nun für Ruhe sorgen und den angeschlagenen Tanker Siemens stabilisieren. „Wir haben uns zuletzt zu viel mit uns selbst beschäftigt“, sagte Kaeser vergangenen Mittwoch direkt nach seiner Ernennung. Investoren und Analysten sehen in ihm eine Verbesserung gegenüber Vorgänger Peter Löscher.

Die Baustellen im Siemens-Konzern
Seit 1. August 2013 steht der ehemalige Finanzvorstand an der Siemens-Spitze. Sein Vorgänger Peter Löscher hinterließ ihm einen Berg von Problemen. Der Konzern hat sich zu weit von seinen Kunden entfernt, ist unübersichtlich und bürokratisch geworden. Siemens blockiert sich selbst. Kaeser will Siemens wieder schlanker und schlagkräftiger machen. Der Umbau soll Einsparungen in Höhe von einer Milliarde Euro bringen. Quelle: dpa
Helme mit der Aufschrift "Siemens" Quelle: dapd
Kaeser will sich von der Einteilung des Geschäfts in vier Sektoren mit insgesamt 16 Divisionen verabschieden und stattdessen die Aktivitäten des Konzerns in acht oder neun Divisionen bündeln. Bisher gab es vier Vorstände für vier Sektoren: Siegfried Russwurm (Industrie), Hermann Requardt (Medizintechnik), Roland Busch (Infrastruktur) und Michael Süß (Energie). Energievorstand Michael Süß verlässt das Unternehmen. Auf ihn folgt Shell-Managerin Lisa Davis. Quelle: dpa
Süß wird vor allem vorgeworfen, dass er zu lange nur auf große Gaskraftwerke setzte. Siemens muss nun teuer zukaufen, um die Lücken im Produktportfolio zum Beispiel bei kleineren Gasturbinen zu füllen. Doch das ist nicht das einzige Problem. Quelle: dpa
Im Geschäft mit großen Windkraftanlagen für die Offshore-Parks auf See ist Siemens zwar Weltmarktführer, doch die Anbindung der Parks ans Stromnetz auf dem Land hat in der Vergangenheit immer wieder zu Problemen geführt. Für schlechte Presse beim Thema Windkraft sorgte zudem im Sommer 2013 ein Unfall in den USA. Im Siemens-Windpark Ocotillo in Kalifornien löste sich ein mehr als 50 Meter langes und elf Tonnen schweres Rotorblatt und fiel auf die Straße. Im April ereignete sich ein ähnlicher Unfall an einem Windrad im US-Staat Iowa. Siemens musste deshalb eine ganze Modell-Charge nacharbeiten, was den Konzern laut Insidern etwa 100 Millionen Euro gekostet haben soll. Der Imageschäden dürfte ungleich größer sein. Doch es zeigt bereits der berühmte Silberstreif am Horizont: Siemens wird 101 Turbinen für einen Meereswindpark in den Staaten liefern sowie deren Wartung übernehmen. Hinzu kommen 448 Anlagen an Land. Auftragsvolumen: rund 2,5 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Wenn Siemens-Chef Joe Kaeser gen Osten blickt, sieht er vor allem eins: großen Nachholbedarf. Von den Boomstaaten in Asien profitiert Siemens bisher nicht so stark wie andere Technologiekonzerne. Den Großteil seines Umsatzes erwirtschaftet Siemens in Europa, Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten. Diese Regionen stehen für 54 Prozent des Konzernumsatzes - allein acht Prozentpunkte davon erwirtschaften die Münchener in Deutschland. Auf dem amerikanischen Kontinent entstehen 27 Prozent des Umsatzes, davon 14 Prozentpunkte in den USA. Nur 19 Prozent des Umsatzes macht Kaeser in Asien und Australien. Quelle: REUTERS
Im Zuggeschäft reiht sich eine Panne an die nächste. Die Auslieferung der von Siemens produzierten ICEs verzögert sich nun schon über zwei Jahre. Die ersten von 16 ICE sind mittlerweile zugelassen, aber bisher nur für Fahrten auf dem deutschen Schienennetz freigegeben. Eigentlich sollten sie schon 2011 einsatzbereit sein. Dann tauchten Probleme mit dem Steuerungsprogramm der Züge auf. Einige Züge wurden geliefert, jedoch nicht in der bestellten Menge. Ein endgültiger Liefertermin für die restlichen Züge steht noch nicht fest. Quelle: dapd
Die Logos von ABB und General Electric Quelle: AP
Ende April 2013 gestand Siemens-Vorstandsmitglied Roland Busch, dass sich große Probleme bei der Lieferung von zehn Hochgeschwindigkeitszügen für den Eurotunnel-Betreiber Eurostar abzeichnen, für die der Konzern Rückstellungen bilden müsse. Man habe keine Planbarkeit wegen des komplexen Zulassungsprozesses, und werde deshalb keinen genauen Liefertermin für den Eurostar nennen können. Da der Zug durch vier Länder sowie den Eurotunnel fahre, müsse er mit verschiedenen Zugsicherungstechniken zurechtkommen und von mehreren Behörden zugelassen werden. Siemens hatte den 700 Millionen Euro großen Auftrag vor drei Jahren gegen den Widerstand des französischen Zugherstellers Alstom ergattert. Bis dahin war Alstom der Hoflieferant des Tunnelbetreibers Eurostar. Quelle: dpa

Von „guten Neuigkeiten“ spricht Christian Stadler von der britischen Warwick Business School, der über Siemens geforscht hat. Kaeser kennt den Konzern wie kaum ein anderer. Der Niederbayer habe ein ausgezeichnetes Gespür für Stimmungen, loben Leute, die ihn gut kennen. Als letzter verbliebener Vorstand aus der Zeit des Korruptionsskandals hat er es geschafft, jeden Verdacht einer Verwicklung in die Affäre zu zerstreuen. Genauso geschickt hat er demonstrativ an der Seite Löschers gestanden – um sich dann genau im richtigen Augenblick abzusetzen.

Vorbilder: Solide haushalten

Vor sieben Jahren wurde Kaeser nach dem Bekanntwerden der Schmiergeldaffäre Ende 2006 in den Siemens-Vorstand berufen. Er übernahm dort das Finanzressort – ein Aufgabenbereich, der für den studierten Betriebswirt ideal scheint. Eingeimpft hat ihm die Affinität zur buchhalterischen Sicht seine Mutter. „Gib nicht mehr Geld aus als du einnimmst, sonst musst du verarmen“, habe sie ihm gesagt, so Kaeser. Diesen Grundsatz, so der neue Vorstandschef, könne man auch als bayerwäldlerische Version für solides Haushalten bei Siemens betrachten.

Zuletzt gab es mit den Zahlen allerdings Probleme. Die Renditen in vielen Geschäftsbereichen schnurrten zusammen, wiederholt musste der Konzern Gewinnprognosen kassieren. Probleme, die nicht nur der scheidende Chef Löscher, sondern auch sein bisherigen Finanzvorstand zu verantworten hat. Einen konkreten Leitstern für sein Handeln nennt Kaeser nicht, aber: „Meine wirklichen Vorbilder sind Kinder. Die kann man zu nichts zwingen.“

Vorlieben: Heimatverbunden

In Arnbruck, einem Dorf in Niederbayern nahe der tschechischen Grenze, wurde Joe Kaeser vor 56 Jahren geboren – und wann immer er kann, kehrt er in die 2000-Einwohner-Gemeinde zurück. Mit seiner Frau Rosemarie, die er dort in Tanzschulzeiten kennenlernte, bewohnt er ein großes Haus in bayrischem Stil. Auch seine zwei erwachsenen Töchter Nathalie und Kathrin leben in Arnbruck. Zum Starkbierfest des Heimatvereins bringt Kaeser Politprominenz mit wie Ex-Bundesfinanzminister Theo Waigel oder Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. „Er nimmt an den Ortsfesten teil, setzt sich zu den Leuten und ist einer von ihnen“, sagt Bürgermeister Hermann Brandl. Kaeser ist Schirmherr über ein örtliches Raubritterfest und seit Jugendzeiten Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr.

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