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Syngenta, KraussMaffei & Co Was hinter Chinas Kaufrausch in Europa steckt

Chinesische Unternehmen sind auf Einkaufstour in Europa. Ihr beliebtestes Ziel ist Deutschland. Dabei geht es schon lange nicht mehr nur um Technologietransfer und deutsches Know-how.

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Übernahmen: Chinesische Unternehmen beim Großeinkauf in Deutschland. Quelle: Getty Images, Montage

„Syngenta bleibt Syngenta. Das wird sich nicht ändern.“ Als die Mitarbeiter des Schweizer Unternehmens die Worte ihres zukünftigen Chefs hörten, waren die meisten erleichtert. Ausführlich sprach ChemChina-Chef Ren Jianxin in einem Video über die Ziele der Übernahme, kurz nachdem die Pläne des chinesischen Staatsunternehmens bekannt geworden waren. Syngenta werde nicht nur seinen Namen behalten, versprach Ren, sondern auch seine Kultur und Werte.

Insgesamt 38 Milliarden Euro zahlte der Mischkonzern mit Sitz in Peking für das Schweizer Unternehmen, das vor allem im Bereich Pflanzenschutz und Saatgut aktiv ist – mehr als je bei einer chinesischen Akquisition zuvor. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer langen Reihe chinesischer Übernahmen in Europa: Allein 2015 gab es 179 chinesische Akquisitionen, rund zehn Prozent mehr als im Vorjahr.

Zum Vergleich: Wurden 2005 lediglich 34 chinesische Akquisitionen in ganz Europa getätigt, so waren es 2015 allein in Deutschland 36.

Ausgewählte Beteiligungen chinesischer Unternehmen in Deutschland 2015

Fast gleichzeitig mit der Syngenta-Kauferklärung kam die Ankündigung der größten chinesischen Direktinvestition in ein deutsches Unternehmen: Die Holding Beijing Enterprises übernimmt für rund 1,4 Milliarden Euro das Müllverbrennungsunternehmen Energy from Waste (EEW).

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    Deutschland ist das Hauptziel chinesischer Übernahmen

    Und damit nicht genug: Stimmt das Kartellamt zu, verkauft auch der Bau- und Dienstleistungskonzern Bilfinger sein Wassertechnologiegeschäft an die Chinesen, genauer: an die Chengdu Techcent Environment Gruppe. Der Kaufpreis liegt bei rund 200 Millionen Euro. Der Vertrag ist laut Bilfinger bereits unterzeichnet.

    Bereits im Januar hatte ChemChina 925 Millionen Euro für den Münchener Spezialmaschinenbauer KraussMaffei gezahlt; im vergangenen Jahr übernahm die chinesische Fondsgesellschaft Fosun die Privatbank Hauck & Aufhäuser für rund 187 Millionen Euro – die Liste ist lang.

    Laut des Merics-Instituts lag das jährliche Investitionsvolumen chinesischer Unternehmen in den Mitgliedstaaten der EU Mitte der 2000er Jahre noch fast bei null. Bis zum Jahr 2014 stieg es auf jährlich rund 14 Milliarden Euro. Das Hauptziel der chinesischen Übernahmen ist laut des Beratungsunternehmens EY seit zehn Jahren konstant Deutschland.

    65 Prozent dieser Investitionen wurden dabei seit dem Jahr 2000 im Automobil-Sektor sowie in der Industrie- und Anlagentechnik getätigt. In den vergangenen Jahren kamen verstärkt die Bereiche IT-Technik, Finanz- und Unternehmensdienstleistungen dazu.

    Der massive Anstieg der Übernahmen in jüngster Zeit hat verschiedene Gründe, erklärt Yi Sun, Partnerin bei EY Deutschland. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit chinesischen Übernahmen im Ausland. Früher hätte China verstärkt in Staaten in Afrika und Südamerika investiert. „Dabei ging es um die Gewinnung von Ressourcen und Infrastruktur“, sagt Sun. „In Europa geht es aber vor allem um Technologie, die Eroberung des europäischen Absatzmarktes und seit rund zwei Jahren der Versuch, die eigenen Geschäftsbereiche durch Akquisition neu aufzustellen.“

    "Made in China 2025" als Antwort auf die Industrie 4.0

    Bei Staatsunternehmen wie ChemChina spielen auch politische Fragen eine Rolle. Syngenta ist Europas größter Hersteller von Hybridsaatgut und Pflanzenschutzmitteln. In China leben 21 Prozent der Weltbevölkerung, das Land hat aber nur neun Prozent der Anbauflächen. Dünger und Pflanzenschutzmittel werden bisher kaum eingesetzt. Die Übernahme des Schweizer Agrarexperten könnte dabei helfen, Chinas Landwirtschaft weiterzuentwickeln.

    Ähnlich sieht es im Bereich Roboter und Automatisierungsprozesse aus. Hier steigt die Zahl der Akquisitionen ebenfalls seit einiger Zeit. Die chinesische Regierung hat jüngst das Programm „Made in China 2025“ ausgerufen. Es ist so etwas wie die chinesische Antwort auf die Industrie 4.0 in Deutschland. „Gerade weil die chinesische Regierung so ausführlich darüber gesprochen hat, suchen Staatsunternehmen nun nach solchen Zielen in Deutschland“, sagt Sun.

    Die nächsten 15 Giganten aus China

    Waren es Anfang der 2000er Jahre vor allem Staatsunternehmen, die im Ausland auf Einkaufstour gingen, kommen mittlerweile zahlreiche Privatunternehmen hinzu. Viele davon mit Sitz in den großen Metropolen Peking, Shanghai und Shenzhen. Durch die steigende Verunsicherung über Chinas wirtschaftliche Entwicklung suchen chinesische Investoren nach neuen Investitionsmöglichkeiten im Ausland. Laut des US-amerikanischen Institute of International Finance flossen so 2015 rund 676 Milliarden US-Dollar aus China ab.

    Kaufwut ist nicht überall gern gesehen

    Zudem kommt die Lage an den Aktienmärkten des Landes. Dort geht es häufig weniger um die tatsächliche Bilanz eines Unternehmens als vielmehr ums reine Spekulieren. Die Vermutung liegt deshalb nah, dass die Beteiligungsfirmen mit Akquisitionen in Europa versuchen, den Kurs der chinesischen Unternehmen künstlich in die Höhe zu treiben.

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      Dass die Kaufwut der Chinesen nicht überall gern gesehen wird, zeigen die Reaktionen auf der Facebook-Seite von Syngenta kurz nach der Verkündung der Entscheidung. Unter dem Versprechen von Syngenta-Chef Michel Demaré, alle Aktionäre würden von der Transaktion profitieren, wettern Nutzer gegen die Entscheidung. Chinafreundliche Kommentare sind kaum dabei. dagegen die gesamte Klaviatur westlicher Angstvorstellungen. Ein Nutzer schreibt: „Als Kleinaktionär sage ich Ihnen: Es ist eine Bankrotterklärung, sehr verehrtes Management.“

      Sun verwundert so ein Verhalten nicht. „Die europäische Angst vor chinesischen Investitionen kommt durch fehlende Berührungspunkte“, sagt sie. Diese Erfahrung macht die Beraterin auch auf Seiten der europäischen Unternehmen. Chinesischen Firmen würden so häufig schon im Bieterprozess die Teilnahme untersagt. „Die Unternehmen haben beispielsweise Angst, dass nach der Übernahme Arbeitsplätze verloren gehen.“

      2016 wird es wieder Groß-Übernahmen geben

      Diese Angst ist aber unbegründet, so die China-Expertin von EY Deutschland. Wenn ein US-amerikanisches Unternehmen ein europäisches Unternehmen übernehme, dann schüttele es das erst einmal richtig durch. „Wenn ein chinesisches Unternehmen ein europäisches Unternehmen übernimmt, beobachtet es das Unternehmen und das Management erst einmal, bevor es handelt“, sagt Sun.

      Bei Übernahmen hätten die chinesischen Unternehmen in den vergangenen Jahren eine steile Lernkurve gezeigt. „Es handelt sich um gut laufende Unternehmen und sie wissen, dass es ohne motivierten Facharbeiter nicht geht.“

      Das zeigt sich bisher auch bei ChemChina. Chef Ren Jianxin hat angekündigt, weder Veränderungen beim Management noch beim Personal des Unternehmens vorzunehmen. Auch soll das Unternehmen seinen Sitz in Basel in der Schweiz behalten.

      Die fünf großen Gefahren für Chinas Wirtschaftswachstum

      Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie des Berliner Merics-Instituts über die chinesischen Direktinvestitionen in Europa. Die Macher Thilo Hanemann und Mikko Huotari gehen grundsätzlich davon aus, dass diese positive Auswirkungen auf die EU-Wirtschaft haben. Die Wissenschaftler fordern die Politik aber dazu auf, nicht nur einseitig auf die chinesischen Investitionen zu blicken, sondern gleichzeitig auch den Abschluss eines bilateralen Investitionsabkommens mit dem Land voranzutreiben.

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        Industrie



        Bisher haben europäische Unternehmen immer noch keine oder nur beschränkte Marktzugänge zu bestimmten Sektoren in China. Ausländische Direktinvestitionen sind in vielen Bereichen beschränkt. Diese Asymmetrie der Markzugänge müsste behoben werden. „Nur so kann gewährleistet werden, dass die Bürger und die Parlamente in der EU die Investitionsfreiheit, die China gewährt wird, auch künftig befürworten“, so Hanemann und Huotari.

        Unabhängig, ob und wann ein solches Abkommen kommt, investieren die Chinesen weiter. Das Merics-Institut geht davon aus, dass sich die aktuellen Investitionen von rund 5,7 Billionen Euro bis 2020 auf rund 17,7 Billionen Euro verdreifachen. Das glaubt auch Yi Sun von EY Deutschland: „In diesem Jahr werden wir noch einige große Übernahmen im oberen dreistelligen Millionenbereich in Deutschland sehen.”

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