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Thyssenkrupp und Bilfinger Wie sich Cevian in Deutschland verpokert hat

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Orientierung an der Qualität von Wettbewerbern

Gerade bei Bilfinger geht es offenbar nur noch darum, mit einem blauen Auge davonzukommen. Dabei standen die Chancen auf einen Turnaround ursprünglich gar nicht schlecht. In den verkrusteten Strukturen hätte Cevian ein belebendes Element sein können. Bis Cevian seinen Anteil auf 26 Prozent aufbaute, waren die Aktien breit gestreut, Eigner hatten wenig zu melden, die Aufsichtsräte entschieden nach Gutsherrenart.

Tischendorf – Cevians Mann für Deutschland, Österreich und die Schweiz – wollte „mehr Benchmarking und tiefere Analysen“, also mehr Orientierung an der Qualität von Wettbewerbern, bezeugen Insider. Wie er es in sieben Jahren bei der Beratung A.T. Kearney gelernt hatte, forderte er Kostensenkungen. Er habe Vorstandschef Roland Koch „regelrecht gegrillt“ und ihn auch zwischen Sitzungsterminen mit Fragen bombardiert. Der Expolitiker und Machtmensch Koch fühlte sich „verhört wie ein Schuljunge“, soll er Freunden anvertraut haben.

Bilfingers Kandidaten-Karussell

Angetrieben von Tischendorf, ließ Koch die Beratung Boston Consulting alles auf den Kopf stellen, initiierte atemlos Umbau- und Restrukturierungsprogramme. Untätig war Tischendorf also keineswegs – erfolgreich aber dennoch nicht. Der damalige Chefkontrolleur Bernhard Walter unterband viel Kritik an Koch, den er selbst geholt hatte. Die alte Seilschaft führte Tischendorf regelrecht vor, berichtet ein Augenzeuge. So habe der Cevian-Statthalter 2013 in einer Aufsichtsratssitzung Analysen zu Bilfinger präsentieren wollen. Walter ließ ihn nicht. Tischendorf habe seine Analysen und Vorschläge nur inoffiziell nach Ende der Sitzung präsentieren dürfen.

Inzwischen sind die gut 640 Millionen Euro, die Cevian für die Beteiligung ausgab, auf rund 450 Millionen Euro Wert geschrumpft. Exvorstand Klaus Raps lastet den Kurssturz auch dem Cevian-Mann an: „Herr Tischendorf ging fehl, als er glaubte, man könne Bilfinger über betriebswirtschaftliche Kennzahlen optimieren, ohne das eigentliche Geschäft richtig zu verstehen.“ Koch und sein Antreiber versäumten, die Kraftwerkssparte gegen die Folgen der Energiewende abzusichern. Eine Serie von bis heute sechs Gewinnwarnungen nahm ihren Lauf.

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    Zweifel an Tischendorf

    Cevian vertraut bei Bilfinger nicht mehr auf Tischendorf allein. 2015 setzte der Investor dem smarten 42-Jährigen den kantigen Eckhard Cordes, 65, als Aufsichtsratschef vor die Nase. Der frühere Daimler-, Metro- und Haniel-Manager ist Partner bei Cevian und sitzt im Verwaltungsrat des Lkw-Bauers Volvo, einer weiteren Cevian-Beteiligung.

    Bei Bilfinger dreht Cordes nun einige Maßnahmen der Koch-Ära zurück. Doch das im Oktober vorgestellte Konzept des von Cordes geholten neuen Chefs Per Utnegaard ist schon wieder Makulatur. Utnegaard hatte im Gebäudemanagement eine zentrale Säule seiner künftigen Strategie gesehen. Auch der Betriebsratsvorsitzende und Vize-Aufsichtsratschef Stephan Brückner stellt sich gegen den von Cevian plötzlich forcierten Verkauf der Sparte. Im neuen Aufsichtsrat gibt es offenbar noch mehr Streit. „Zwischen Cordes und Tischendorf knirscht es, die sind sich nicht grün“, berichtet ein Bilfinger-Insider. Cevian-Kenner dementieren, dass es zwischen den beiden Probleme gebe.

    300 Millionen Euro Minus bei Thyssen

    Nicht nur in Mannheim hat Cevian sich verkalkuliert. Bei Thyssenkrupp haben die Schweden ihre Beteiligung seit 2013 bei Kursen zwischen 17 und knapp 20 Euro aufgebaut, rund 1,5 Milliarden Euro zahlten sie. Der Kurs dümpelt bei 14 Euro, das Cevian-Paket ist unter 1,2 Milliarden Euro wert – weit entfernt vom Ziel, in etwa fünf Jahren die investierte Summe zu verdoppeln.

    Wie die Schweden dem näher kommen wollen, darüber rätselt man bei Thyssenkrupp. Aus Cevian-Sicht sind die sechs Bereiche einzeln mehr wert als das Ganze. Neben einem Verkauf von Sparten kämen auch ein Teilbörsengang oder die Einbringung in Joint Ventures in Betracht.

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