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Umstrittene Wärmedämmung Londoner Brand setzt deutsche Hersteller unter Druck

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Dämmsysteme werden immer kritischer hinterfragt

Der Bundesverband der Deutschen Wohnungswirtschaft wiegelt ab: Es sei „kein Brand bekannt, bei dem eine korrekt verbaute Polystyroldämmung gebrannt hat“. Die Einschränkung „korrekt verbaut“ ist wichtig. Keiner wisse, ob das in den vergangenen Jahrzehnten immer der Fall war, warnt Wiebke Thönißen, Brandschutzingenieurin aus Tornesch bei Hamburg: „Und selbst was damals fachgerecht verbaut wurde, entspricht nach heutigen Erkenntnissen nicht mehr den gültigen Anforderungen des Brandschutzes.“ Experte Aschenbrenner bestätigt das: Ist der Putz, der das leicht entflammbare Material gegen Feuer schützt, zu dünn, zu locker, oder wird er etwa durch Müllcontainer abgestoßen, wird „die Dämmschicht angreifbar für Feuer“.

Es könnte strengere Vorschriften geben

Experten der Frankfurter Feuerwehr haben allein in den vergangenen fünf Jahren bundesweit mehr als 90 Brände dokumentiert, bei denen Styropor in der Hauswand in Flammen aufging – mit elf Toten und 124 Verletzten. Immer wieder hatte sich das Feuer dabei auch über die Fassade in andere, ursprünglich nicht betroffene Etagen ausgebreitet, ähnlich wie beim Hochhausbrand in London. Bei einer kurzfristigen landesweiten Kontrolle als Reaktion auf die Katastrophe stuften Prüfer mittlerweile 60 Hochhäuser in Großbritannien als brandgefährdet ein. In der Nacht zu Samstag evakuierten die Behörden deshalb fünf Hochhäuser im Londoner Stadtteil Camden. 4000 Menschen kamen vorerst in Hotels und Sporthallen unter.

Die Hersteller der in Deutschland etablierten Styropordämmsysteme haben die besten Zeiten hinter sich. Der Manager eines süddeutschen Herstellers sagt: „Der Markt für Polystyroldämmprodukte stagniert“, weil Förderprogramme des Bundes zurückgenommen wurden und „Dämmsysteme in Deutschland immer kritischer hinterfragt werden“. Zumal es weniger gefährliche Alternativen gibt, wie Dämmungen aus Mineralwolle oder synthetischen Stoffen.

Brandschützer wie Aschenbrenner fordern seit Jahren, dass die Bauvorschriften in Bezug auf Dämmmaterialien verschärft und etwa nicht brennbare Dämmstoffe zwischen den Etagen zur Pflicht werden.

Eine Arbeitsgruppe aus internationalen Experten, die für die EU Vorschläge für eine Norm erarbeiten soll, traf sich vergangene Woche in Brüssel zu einer ihrer regelmäßigen Sitzungen – auch, um über künftige Vorgaben für Dämmstoffe aus Styropor zu diskutieren. Da rauchten die Trümmer des Grenfell-Towers noch.

Großbritannien stuft inzwischen 60 Hochhäuser als brandgefährdet ein

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