Deutsche Telekom: Können wir uns die Glasfasernetze sparen?
Eine interne Telekom-Prognose weckt Zweifel, ob Deutschland wirklich Milliarden in den Neubau von Glasfaserleitungen investieren muss.
Foto: dpaTim Höttges liebt das Spiel mit großen Zahlen – insbesondere, wenn er damit die Bundesregierung beeindrucken kann. Im „Gigabit-Zeitalter“ wachse der Datenverkehr explosionsartig, argumentiert der Telekom-Chef gerne. Langfristig brauche deshalb jeder Haushalt superschnelle Glasfaseranschlüsse. Bis zu 80 Milliarden Euro würde der Neubau solcher Datenautobahnen kosten. Die Bundesnetzagentur müsse deshalb für die Unternehmen mehr Anreize für Investitionen schaffen, statt auf Preissenkungen zu setzen.
Meist berufen sich Höttges und seine Lobbyisten auf Hochrechnungen wie die des Wissenschaftlichen Instituts für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (Wik) aus Bad Honnef bei Bonn. Danach brauche die „digitale Avantgarde“ in Deutschland – das sind rund 6,8 Millionen Haushalte und 300.000 Unternehmen – schon in zehn Jahren einen superschnellen Internetanschluss, der die Übertragungsrate auf 350 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) im Downstream und 320 Mbit/s im Upstream beschleunigt. Zum Vergleich: Rund zwei Drittel aller Festnetz-Kunden in Deutschland nutzt derzeit einen Internet-Anschluss mit maximal 16 Mbit/s.
Deutschland nur auf Platz 28
Auch Industrievertreter wie BDI-Präsident Ulrich Grillo fordern einen schnelleren Ausbau digitaler Infrastrukturen und argumentieren dabei mit den Wik-Prognosen. „Unser Land, die mit Abstand größte Industrienation unseres Kontinents, dümpelt weltweit auf Platz 28, wenn es um die Surfgeschwindigkeit geht“, erklärte Grillo kürzlich im „Handelsblatt“. Die Regulierung müsse deshalb innovations- und investitionsfreundlicher werden.
Denn der Staat könne diese Investitionen in Milliardenhöhe nicht aufbringen. Ein schnellerer Ausbau von Glasfasernetzen, die weit über die von der Bundesregierung angestrebte Zielmarke von 50 Mbit/S bis 2018 für jeden Haushalt hinausgeht, sei deshalb das Gebot der Stunde. „Der Erfolg von Industrie 4.0, vernetzten Medizindiensten und intelligenter Mobilität hängt an schnellen und zuverlässigen Netzen“, so Grillo.
Breitband-Internet
Leistungsfähige Breitbandnetze für schnelles Internet seien eine „unbedingte Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum“, schreibt das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Bis 2018 will die Bundesregierung alle deutschen Haushalte mit schnellem Datenfluss versorgen – 50 Megabit pro Sekunde sollen für jeden Bundesbürger drin sein. Der „State of the Internet Report“ von Akamai zeigt jedoch: Bisher spielt Deutschland nicht gerade in der ersten Liga, was die Schnelligkeit des Internet anbelangt. Diese 10 Länder laufen uns den Rang ab:
Foto: REUTERSPlatz 10: Finnland
Die Datenübertragungsrate wird in Megabit pro Sekunde (Mbit/s) gemessen. Ein Megabit entspricht einer Million Bit.
Die finnische Bevölkerung surft im Durchschnitt mit einer Downloadrate von 12,1 Megabit pro Sekunde.
Foto: dpaPlatz 9: Tschechien
Etwas schneller sind die Tschechen mit 12,3 Megabit pro Sekunde im Internet unterwegs. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Internetgeschwindigkeit hier um 8,4 Prozent erhöht.
Foto: dpaPlatz 8: Irland
In Irland liegt die durchschnittliche Datenübertragungsrate bei 12,7 Mbit/s, 24 Prozent mehr als im Jahr davor.
Foto: gmsPlatz 7: Lettland
Im baltischen Staat Lettland geht es mit einer durchschnittlichen Übertragungs-Rate von 13 Megabit pro Sekunde ins Netz. Damit ist die Internetgeschwindigkeit im Vergleich zum Vorjahr um ein viertel gestiegen.
Foto: dpaPlatz 6: Niederlande
Den Sprung auf 14,2 Megabit pro Sekunde schaffen unsere niederländischen Nachbarn.
Foto: dpaPlatz 5: Schweiz
Unter die Top 5 der Länder mit dem schnellsten Internet hat es die Schweiz geschafft: Die durchschnittliche Downloadrate beträgt 14,5 Megabit in der Sekunde. Einen Film in SD-Qualität von 1 Gigabyte Größe kann man damit in etwa 10 Minuten herunterladen.
Foto: dpaPlatz 4: Schweden
Knapp geschlagen im Rennen ums schnellste Internet hat die Schweiz Schweden, mit einer Datenrate von 14,6 Megabit pro Sekunde.
Foto: dpaPlatz 3: Japan
Das Bild zeigt die Insel Okinoshima in Japan. Der ländliche Eindruck trügt hier: Japan ist hochtechnisiert und verfügt über schnelles Internet mit 15,2 Mbit/s.
Foto: dpaPlatz 2: Hong Kong
Silber für Hong Kong: in der Sonderverwaltungszone Chinas kann man mit durchschnittlich 16,8 Megabit pro Sekunde surfen. Einen Film in SD-Qualität (1GB) herunterzuladen dauert so etwa achteinhalb Minuten. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Geschwindigkeit des Internet in Hong Kong um 37 Prozent erhöht.
Foto: dpaPlatz 1: Südkorea
Südkorea führt mit einer Datenrate von 22,2 Megabit pro Sekunde die Liste der Länder mit dem schnellsten Internet an. Der SD-Film-Download dauert hiermit nur durchschnittlich sechseinhalb Minuten. Der Sprung zum Vorjahr ist dagegen nicht besonders groß: Hier hat sich die Internetgeschwindigkeit um 1,6 Prozent erhöht.
Foto: dpaPlatz 29: Deutschland
Deutschland landet mit 8,8 Mbit/s noch knapp unter den 30 Ländern mit dem schnellsten Internet. Während das Internet in den Städten ordentliche Geschwindigkeiten vorweisen kann, tropft es in vielen ländlichen Gebieten mit nicht einmal zwei Megabit aus der Leitung. Zudem müssen die Verbraucher hier auch deutlich mehr für's Internet zahlen – sie werden also doppelt benachteiligt.
Foto: Getty ImagesDie Grafik zeigt die Top 10 Länder mit dem schnellsten Internetzugang – plus Deutschland im vierten Quartal 2014. (Foto: Statista/Akamai).
Foto: Screenshot
In internen Bedarfsprognosen, die als Grundlage für den künftigen Netzausbau dienen, zeichnet die Telekom ein ganz anderes Bild, das den alten Kupferkabeln ein viel längeres Überleben sichert. Danach nimmt der Datenverkehr gar nicht so explosionsartig zu, wie die Telekom manchmal öffentlich suggeriert. Ulrich Nitschke, für den Breitbandausbau in Deutschland zuständiger Bereichsleiter, sieht für einen besonders internetaffinen Vier-Personen-Haushalt auch in zehn Jahren nur einen Maximalbedarf von exakt 208 Mbit/s beim Download. Beim Upload sind es sogar nur 50 Mbit/s. Die Geschwindigkeit reiche locker aus, damit die gesamte Familie gleichzeitig an verschiedenen Geräten hochauflösendes 3D-Fernsehen schauen, Videotelefonate führen und Streaming-Dienste nutzen könne.Insbesondere den Austausch in den sozialen Netzwerken schätzt die Telekom viel nüchterner ein.
Längst nicht so viele werden demnach Videos und Fotos verschicken, wie das Wik prophezeit hat. Selbst die Geschäftskunden kommen nach Ansicht der Telekom 2026 mit 200 Mbit/s gut zurecht: „95 Prozent der Unternehmen haben einen Bandbreitenbedarf wie Privatkunden“, schätzt die Telekom. „Nur für den Rest ist ein punktueller Ausbau von Glasfaser notwendig.“
Die Zahlen untermauern die aktuellen Ausbaupläne der Deutschen Telekom. Nach mehreren Strategiewechseln setzt Konzernchef Timotheus Höttges inzwischen auf den Einsatz der sogenannten VDSL-Vectoring-Technik. Dabei presst die Telekom höhere Geschwindigkeiten aus den alten Kupferkabeln heraus, indem sie die Glasfaserleitungen im Ortsnetz nur bis zu den Verteilerschränken auf den Bürgersteigen baut. Auf den verbleibenden, besonders teuren 100 bis 300 Meter bis in die Wohn- und Bürogebäude nutzt sie weiter die vorhandenen Kupferkabel.
Für 65 Prozent der 40 Millionen Haushalte in Deutschland lässt sich so die Geschwindigkeit eines Anschlusses auf 100 Mbit/s beschleunigen. Durch weiteres Ausreizen der technischen Möglichkeiten, das so genannte „Super-Vectoring“, sollen 2018 sogar schon 250 Mbit/s möglich sein. Bewahrheitet sich die interne Bedarfsprognose für das Jahr 2026, könnte die Deutsche Telekom noch zehn Jahre mit dem Verlegen von Glasfaseranschlüssen bis in die Gebäude warten. Die „Übergangslösung“ (Höttges) würde so zur Dauerlösung.
Konzernchef Höttges könnte dadurch Tiefbaukosten in Milliardenhöhe einsparen. Während das Verbuddeln von Glasfaser bis ins Gebäude 1000 bis 1500 Euro pro Haushalt kostet, reichen bei VDSL 220 Euro pro Haushalt aus, rechnete der Telekom-Chef nach Fragen von Aktionären stolz auf der letzten Hauptversammlung in Köln vor.
Schöner Mitnahmeeffekt für die Telekom: Der neue Internet-Turbo hebelt den Infrastruktur-Wettbewerb aus. Denn die Vectoring-Technik funktioniert nur, wenn ein Festnetzbetreiber die Kontrolle über die Infrastruktur bekommt. Die Konkurrenten befürchten deshalb eine „Re-Monopolisierung“.
Anteil der Single- und Zwei-Personen-Haushalte wächst
Der Telekom spielt noch ein zweiter Trend in die Karten: In Deutschland gibt es immer seltener den klassischen Familien-Haushalt mit vier und mehr Personen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren es 2013 nur noch fünf Millionen (zum Vergleich 2004: 5,8 Millionen). Stattdessen wuchs die Zahl der Single- und Zwei-Personen-Haushalte auf knapp 30 Millionen (2004: 27,9 Millionen). Die Folge: Je kleiner die Haushalte sind, umso weniger Bandbreite benötigen sie für ihren Internet-Anschluss. Dass im Jahr 2026 eine(r) alleine vier hochauflösende TV-Programme, Videotelefonate und Musik-Streaming gleichzeitig nutzt, ist eher unwahrscheinlich.
Behält die Telekom mit ihrer Bedarfsprognose Recht, dann verliert eine eherne Grundregel des Internets seine Gültigkeit: Das vom Internet-Papst Jakob Nielsen aufgestellte und nach ihm benannte „Law of Internet Bandwidth“. Das aus historischen Analysen abgeleitete Nielsen-Gesetz besagt, dass sich der Bandbreiten-Bedarf der Kunden alle zwei Jahre verdoppelt, also pro Jahr um 50 Prozent steigt.
Der Zehn-Jahres-Prognose der Telekom liegt nur noch eine jährliche Wachstumsrate von gut 25 Prozent zugrunde.