Digitale Missionare "Die Google-Gründer wollen in die Geschichtsbücher"

Technologie wird die Welt zu einem besseren Ort machen. Derlei Heilsversprechen verkünden Konzerne wie Google, Facebook oder Amazon. Was dahinter steckt, beantwortet Szene-Kenner Thomas Schulz im Interview.

Buchcover Was Google wirklich will Quelle: PR

WirtschaftsWoche Online: Als ersten Deutschen hat Google, Tochter der Alphabet Holding, Sie für ein Buchprojekt hinter die Kulissen blicken lassen. Auf 336 Seiten beschreiben Sie, "Was Google wirklich will". Was ist das im Wesentlichen?
Thomas Schulz: Google will zwei Dinge. Einerseits wollen sie das erfolgreichste Unternehmen der Welt sein und zwar nicht nur für die nächsten zwei sondern für die nächsten 50 oder 100 Jahre. Zum zweiten wollen sie Ihre wirtschaftlichen mit gesellschaftlichen Zielen verbinden. Bei Google will man also nicht nur Profit machen, sondern auch die Welt verändern, die Zivilisation voranbringen.

Die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin wollten anfangs die Informationsflut im Internet erfassen. Das zeigt auch die Namenswahl. Google leitet sich von Googol ab, einem Begriff aus der Mathematik, der für eine 1 mit 100 Nullen steht, also riesige Mengen ausdrückt. Jetzt möchten sie auch noch die Welt retten. Warum?
Larry Page und Sergey Brin sehen sich nicht nur als Unternehmer sondern auch als Universalgenies, die in die Geschichtsbücher wollen. Sie möchten gesellschaftliche Veränderungen als Wirtschaftsführer anstoßen. Sie glauben, dass sie mit Produkten, die Milliarden Menschen erreichen, schneller vorankommen, als die Politik.

Zur Person

Sind die beiden größenwahnsinnig?
Nein. Aber sie sind wahnsinnig ehrgeizig.

Woher kommt dieser Ehrgeiz?
Den hatten sie schon als Kinder. Sie kommen aus Akademikerfamilien, sind beide auf Montessorischulen gegangen, wo sie gelernt haben, unabhängig zu denken. Für sie zählten immer nur die großen Ideen. Große Unternehmen haben demnach nur eine Daseinsberechtigung, wenn sie große Visionen haben.

Der Fortschrittsabsolutismus des Silicon Valley

Verfängt diese Haltung bei den Google-Mitarbeitern?
Absolut. Ich habe noch nie ein Unternehmen erlebt, bei dem die Mitarbeiter so zufrieden wirkten und so viel Spaß an ihrer Arbeit hatten. Die Mission der Gründer motiviert sie ungemein. Sie gibt ihnen das Gefühl, etwas bewegen zu können.

Nicht nur die Google-Gründer, auch Tim Cook von Apple oder Marc Zuckerberg von Facebook haben plötzlich den Wunsch, die Welt mit digitalen Technologien zu einem besseren, sozialeren Ort zu machen. Das hat Zuckerberg kürzlich in einem öffentlichen Brief an seine neugeborene Tochter unterstrichen. Was steckt hinter den Heilsversprechen aus dem Silicon Valley - wollen sie leichter an Nutzerdaten kommen?
Ich halte deren Aussagen für authentisch. Aber klar, das sind Unternehmer. Sie wollen nicht nur die Welt verändern, sie wollen gleichzeitig auch Geld verdienen.

Das Gute mit Profit verbinden - das gilt wohl auch für Mark Zuckerberg und seine Frau Priscilla Chan, die 99 Prozent ihrer Facebook-Aktien spenden wollen. Das sind bei derzeitigem Kurs rund 45 Milliarden Dollar, die in ihre eigene Stiftung fließen würden. Kritiker sagen, dass sie damit vor allem Steuern sparen möchten.
Das glaube ich nicht. Da gäbe es andere Wege. Eher wollen sie ihr Image aufhübschen. Und: sie wollen etwas bewegen, auch weil sie einen Platz in der Geschichte für sich beanspruchen. Klar kann man einwerfen, es gehe ihnen vor allem ums Ego.

In den USA scheinen sie damit besser anzukommen, als in Europa.
Richtig. In den USA betätigt sich der Staat viel weniger als Wohltäter. Das machen eher Privatpersonen. Wenn dann einer so viel abdrückt wie Mark Zuckerberg, applaudieren die Leute natürlich. Zu Recht. Welche große deutsche Unternehmerfamilie würde mal eben ein paar Milliarden Euro auf den Tisch legen?

Marktmacht der Internetriesen

Ist es gefährlich, wenn mächtige Firmen traditionelle Staatsaufgaben übernehmen und sich etwa in der öffentlichen Daseinsvorsorge engagieren?
Man muss das im Auge behalten, weil Unternehmen den Staat nicht ablösen sollten. Aber es spricht nichts dagegen, wenn sie ihn bei manchen Aufgaben unterstützen. Natürlich nur, wenn die Staaten weiter Einfluss darauf haben, was passiert. Es kann nicht sein, dass ein paar mächtige Konzernführer entscheiden, wie die Welt aussehen soll. Das wäre wirklich gefährlich.

Nicht nur Privatpersonen, auch Politiker machen sich Sorgen, dass sich die Googles, Amazons und Facebooks wegen ihrer Marktmacht immer weniger kontrollieren lassen.
Das sind börsennotierte Unternehmen, die werden natürlich kontrolliert und reguliert. Sie machen nicht einfach, was sie wollen. Die kennen ihre Rahmenbedingungen und wissen, dass man ihre Macht beschneiden kann.

Gute Alternativen zu Google
Wenn es in Deutschland um Web-Suche geht, steht der US-Konzern Google weit an der Spitze. Nicht umsonst sprechen viele auch von „googeln“, wenn sie etwas im Netz recherchieren. Auch zahlreiche andere Dienste des Unternehmens wie E-Mail, Textverarbeitung, Übersetzung oder Kartendienste sind weit verbreitet. Laut einer Statista-Umfrage wurde Google im September dieses Jahres für 94,8 Prozent aller Suchanfragen in Deutschland genutzt - ein Quasi-Monopol, welches das EU-Parlament gerne auflösen würde. Dabei existieren zahlreiche Alternativen für die Suche und auch die meisten anderen Google-Dienste. Hier eine Auswahl. Quelle: AP
SucheEs muss nicht immer Google sein, auch Microsofts Bing oder die Suchmaschine Yahoo liefern gute Suchergebnisse. Darüber hinaus gibt es zahlreiche kleinere Anbieter wie Blekko, Startpage, DuckDuckGo oder Qwant. Sie haben alle ihre eigenen Stärken – etwa Auflistung der Suchergebnisse nach Genre, anonyme Suche oder eine besonders gute Videosuche. Am Anfang kann der Umstieg aber gewöhnungsbedürftig sein. Quelle: dpa
BrowserWer Google aus dem Weg gehen will, sollte auch dessen Browser Chrome meiden. Der ist zwar flott und bietet durch Add-ons Möglichkeiten zum Datenschutz. Wer allerdings die Adresszeile nutzt, nutzt auch automatisch die Google-Suche. Als Alternative bietet sich Mozillas Firefox an. Dort muss aber im Suchfenster zunächst Google durch eine neue Standardsuchmaschine ersetzt werden. Auch der norwegische Browser Opera leistet gute Dienste. Quelle: dpa
KartenAls Alternative zum Platzhirsch Google Maps gibt es beispielsweise den offenen Kartendienst Openstreetmap. Auch Microsofts Suchmaschine Bing hat mit Bing Maps ein brauchbares Angebot, Nokia baut seinen Kartendienst Here immer weiter auf. Auch Apples in iOS und Mac OS-X integrierte Kartensoftware hat ihre Kinderkrankheiten mittlerweile überwunden. Quelle: AP
E-MailGerade beim E-Mail-Versand gibt es unzählige Alternativen zu Gmail. Vom Gratisanbieter bis hin zum bezahlten Konto bleibt kaum ein Anspruch unerfüllt. Große Anbieter wie Outlook.com bieten auch einen ähnlichen Funktionsumfang mit Kalender. Wer sichergehen will, dass die eigenen Mails nicht zu Werbezwecken analysiert werden, sollte sich für kleine Anbieter entscheiden, die Mails nicht nur verschlüsselt senden, sondern auch verschlüsselt speichern. Nur einige von vielen Beispielen dafür sind Posteo, Aikq, ProtonMail oder Startmail. Quelle: dpa
VideoYoutube ist riesig, doch auch andere Anbieter haben gute Datenbanken und eine aktive Teilnehmergemeinde. So zum Beispiel vimeo.com: Hier gibt es neben Amateurvideos auch zahlreiche Uploads von Künstlern und Musikern. Dailymotion aus Frankreich erinnert optisch stark an Youtube und bietet gut sortierte Themenkanäle. Kleines Plus: Hier werden viele Clips gezeigt, die bei Youtube aussortiert wurden. Wer sich besonders für Musik interessiert, sollte tape.tv ausprobieren. Quelle: REUTERS
DokumentensucheStatt Google Scholar für die Suche nach Forschungstexten zu nutzen, können Studenten auch Suchdienste wie BASE (Bielefeld Academic Search Engine) nutzen. Quelle: Screenshot
ÜbersetzungGoogles Übersetzungsdienst Translate ist häufig ziemlich praktisch und einfach zu bedienen. Gerade bei längeren Sätzen oder komplizierten Sachverhalten fällt das Ergebnis gelegentlich sehr unterhaltsam aus. Auf Webseiten wie leo.org, dict.cc oder dem Übersetzungsangebot von Pons gibt es ebenfalls Hilfe. Quelle: Screenshot

Trotzdem ist in Europa die Skepsis gegenüber Google gerade beim Thema Datenschutz groß.
Die hat auch ihre Berechtigung. Allerdings hat die Diskussion dazu geführt, dass man bei Google den Umgang mit Nutzerdaten überdenkt. Der Konzern hat einen neuen Datenschutzchef eingestellt, einen Österreicher. Das zeigt, dass man auf die europäischen Bedenken durchaus reagiert.

Was hat Sie an Larry Page, mit dem Sie viele Interviews geführt haben, am meisten überrascht?
Er ist das komplette Gegenteil dessen, was wir uns unter einem Konzernführer vorstellen. Die sind meist extrovertiert, sehr laut. Page hingegen ist schüchtern, meidet die Öffentlichkeit, spricht leise.

Google-Imperium: Das ist die Alphabet-Holding

Wie passt das mit seinen extremen Ambitionen zusammen?
Das ist tatsächlich bei Page nur schwer zu begreifen. Sergey Brin ist ein ganz anderer Typ. Er ist extrovertierter, ausgeflippter, der fährt mit Rollerblades über den Google-Campus. Er ist der Daniel Düsentrieb des Unternehmens, hat tausend Ideen. Page ist daher auch mehr mit der Führung betraut, Brin mit Erfindungen. Beide aber bauen mit unglaublicher Energie und Aufwand ein Unternehmen, das schneller, effizienter und erfindungsreicher als alle anderen sein soll. Sie fragen sich, wie sie die Hierarchien so flach halten können, dass sie sofort von null auf tausend hochschalten können. Der Leistungsdruck ist hoch, gleichzeitig ist die Atmosphäre sehr gut, weil die Mitarbeiter zufrieden sind. Es hilft natürlich, in Kalifornien unter Palmen zu arbeiten.

Google in Zahlen

Die digitalen Propheten aus dem Silicon Valley sind auch deshalb so mächtig, weil sie Information für die Nutzer erfolgreich kuratieren und personalisieren. Das erleichtert zwar das Leben. Es führt möglicherweise auch dazu, dass wir uns in einer für uns konstruierten Realität, einer auf unsere Interessen und Bedürfnisse abgestimmten Filterblase, bewegen.
Die Technologien verändern sich so schnell, dass wir kaum einen Überblick haben, was in den nächsten zwei Jahren passieren wird. In fünf bis zehn Jahren kann fast alles passieren, ausschließen würde ich für die Zukunft überhaupt nichts mehr.

In Arbeit
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Menschen, die sich nur noch in der eigenen Kaste bewegen. Das erinnert an Aldous Huxleys Dystopie "Schöne neue Welt". Macht Sie das beklommen?
Eigentlich bin ich eher optimistisch. Ich glaube, dass wir tatsächlich die Chance haben, das Leben vieler Menschen zu verbessern und zwar viel schneller, als in den vergangenen 20 Jahren. Der Bauer in Indien kann heute mit der digitalen Wettervorhersage oder mit Erntetipps auf dem Smartphone seinen Acker besser bewirtschaften als vorher. Außerdem hat der technologische Fortschritt in den vergangenen 200 Jahren, die industrielle Revolution, dazu geführt, dass sich die Lebensbedingungen der Menschen mehr verbessert als verschlechtert haben. Das wird auch mit der Digitalisierung so sein. Wir sind zudem ja nicht völlig machtlos. Die Politik bestimmt, in welchen gesetzlichen Rahmen sich neue Technologien wie selbstfahrende Autos entfalten. Die lässt man ja nicht einfach ohne Regeln auf die Straße.

Mag sein. Dennoch gibt es die Sorge, dass uns Algorithmen das Denken abnehmen. Dass sie sogar vorgeben, was und wie wir denken sollen.
Nicht nur das Denken - Maschinen werden Menschen komplett ersetzen, gerade in der Arbeitswelt. Dass Algorithmen zu mächtig werden, halte ich für einen wirklich gefährlichen Nebeneffekt der Digitalisierung.

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