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Konjunktur Deutschlands neues Wirtschaftswunder

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Gebunkerte Arbeitszeit

Heidelberger Druckmaschinen Quelle: Picture-Alliance/DPA/Uwe Anspach

Arbeitszeitkonten waren 2008/09 eines der wichtigsten Instrumente der Unternehmen, um die Auftragseinbrüche abzufedern. Auch im Falle eines neuerlichen Abschwungs in den kommenden Monaten dürfte das wieder so sein. Denn die flexiblen Konten sind für die Unternehmen zugleich das Sprungbrett, um ohne Verzögerung und kraftvoll in den darauf folgenden Aufschwung zu gehen. Jeder dritte Betrieb hatte das Instrument genutzt. Allein in den ersten neun Monaten war die Zahl der durchschnittlich gebunkerten Stunden pro Arbeitskraft nach einer Untersuchung des Instituts für Arbeits- und Berufsforschung von 72 auf 27 Stunden gesunken.

„Als es wieder hochging, konnten wir die Produktion vor allem wegen der Arbeitszeitkonten wieder so schnell hochfahren“, resümiert Wilkhahn-Chef Hahne. Gemessen am Tiefstand 2009 dürfte er den Umsatz bis Ende 2011, also in kaum zwei Jahren, um fünfzig Prozent hochgefahren haben. Solche Erfolge kommen so gut an, dass inzwischen viele Unternehmen für ihre Beschäftigten Arbeitszeit für schlechte Zeiten bunkern. Etwa die Hälfte aller Betriebe im Maschinenbau will laut einer Umfrage des Maschinenbauverbandes VDMA ihre Konten weiter hochfahren. 

Lassen die meisten Betriebe ihre Mitarbeiter noch Zeitkonten bis maximal 200 Stunden aufbauen, gehen einige nun weit darüber hinaus. So hat der schwäbische Werkzeugmaschinenbauer Trumpf im Frühjahr ein neues Bündnis für Arbeit mit Betriebsrat und IG Metall abgeschlossen, nach welchem die Arbeitszeitkonten bis auf 350 Stunden aufgefüllt werden können. Zuvor lag die Grenze bei 250 Stunden.

Außerordentlich sorgt inzwischen der Schweizer Oerlikon-Konzern vor. Die eben noch krisengeschüttelten deutschen Betriebe der Textilsparte machen Zeitguthaben von 600 Stunden möglich. Der Textilmaschinenbauer hat in einzelnen Produktlinien Schwankungen beim Auftragseingang von über 40 Prozent von einem Jahr zum nächsten. Flexibler als alle anderen jongliert jedoch Bernhard Helbing, Chef und Gründer des thüringischen Fensterbauers TMP, mit den Arbeitsstunden.

Die Beschäftigten des Familienunternehmens können ihre Guthaben bis zu 800 Stunden hochfahren und 100 Stunden Zeitschulden anhäufen. Fast alle Mitarbeiter in der Produktion haben einen Arbeitsvertrag mit Viertagewoche. Helbing hat diese Modelle schon vor 18 Jahren in der 240-Personen-Firma eingeführt und ist damit auch für die nächste mögliche Krise gewappnet.. „Wir hatten hier in Thüringen in der Baubranche schon in den Neunzigerjahren erhebliche Schwankungen“, sagt Helbing, „das war für uns eine ganz wichtige Frage.“

Superpuffer Zeitarbeit

Die Gewerkschaften hassen sie – doch sie wächst und wächst: die Zeitarbeit, auch Leiharbeit genannt. In der Krise galt sie als beliebtes Mittel, die Auswirkungen der Auftragseinbrüche zu dämpfen. Damals verloren von Juli 2008 bis zum Tiefststand im April 2009 fast 250.000 Zeitarbeiter von 823.000 ihre Jobs.

Damit war die Zeitarbeit einer der wichtigsten Personalflexiblisierer und -puffer in der Krise, und wird es im nächsten Abschwung noch viel mehr sein. Denn die deutsche Industrie fährt die Zahl der Leiharbeiter signifikant hoch. „Wir beobachten, dass die Unternehmen die Leiharbeit seit einigen Monaten heftig ausweiten“, sagt Jörg Köhlinger, Bezirkssekretär der IG Metall in Frankfurt. Rund zwei Drittel der Neueinstellungen in seinem Bezirk seien Leiharbeitsverhältnisse. Mit rund 870.000 Arbeitskräften arbeitet die Branche derzeit auf einem neuen Höchststand.

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